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Ein Polyhistor für die mediale Gegenwart

Deutschland hat überraschend einen seiner brillantesten Conferenciers und Zeitgenossen verloren. Der Schriftsteller und Publizist Roger Willemsen ist tot. Das teilte ein Sprecher der S. Fischer Verlage am Montag in Frankfurt am Main mit. Demnach starb Willemsen am Sonntag im Alter von 60 Jahren in seinem Haus im schleswig-holsteinischen Wentorf in der Nähe von Hamburg.

Erst im vergangenen Jahr hatte Willemsen seine Krebserkrankung öffentlich gemacht. Als „zentralen Intellektuellen Deutschlands“ und „brillanten Autor“ würdigte der S. Fischer Verlag, der zuletzt das Werk des Intellektuellen herausgegeben hatte. Willemsen sei auch ein „außerordentlicher Kämpfer für die Menschen“ gewesen, so der verlegerische Geschäftsführer von S. Fischer Jörg Bong. Quer durch alle politischen Lager in Deutschland kamen am Montagnachmittag Beileidsbekundungen, die den Verlust eines der „führenden deutschen Inktellektuellen“ beklagten.

Der 1955 in Bonn geborene Willemsen machte sich einen Namen als Journalist, Buchautor und Kulturkritiker, der so gut wie alle Felder akuter Zeitgenossenschaft beackerte.

Roger Willemsen mit dem deutschen Hörbuchpreis 2015

picturedesk.com/dpa/Henning Kaiser

Willemsen im Vorjahr bei der Verleihung des Deutschen Hörbuchpreises

Publikum statt Elfenbeinturm

Willemsen, der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte zwischen Bonn, Wien und Florenz studiert hatte, war nicht nur einer der großen Musil-Kenner. Um ein Haar hätte er sich mit einer großen Abhandlung über den Selbstmord in eine Universitätskarriere hineinhabilitiert. Doch statt des Habilitationsverfahrens entschied sich Willemsen für die Veröffentlichung in einem populären Verlag im Jahr 1986.

Fortan stand sein Schaffen im Zeichen einer publizistischen Karriere, die zwischen Fernsehen, Büchern, Auftritten in Talkshows und Veranstaltungen oszillierte. Kein Thema war vor seinem verschmitzt ironischen Zugang sicher - und so war auch sein Bestseller „Das Hohe Haus“ aus dem Jahr 2014 eine Form jener Zeitgenossenschaft, die auf alle Einteilungen und Metiers pfiff.

Archivbild aus dem Jahr 2000: Roger Willemsen umarmt Hildegard Knef

AP/Michael Probst

Roger Willemsen herzt Hildegard Knef im Jahr 2000 bei der Verleihung des „echo“

Nachdenken und reden, über das, was passiert, was auffällt, bemerkens- und bedenkenswert ist, das war die Aufgabe, die er sich für ein möglichst breites Publikum stellte, ohne je dabei unter gewisse Niveaus zu fallen.

Keine Scheu vor dem Banalen

Er konnte beantworten, warum er beim Lesen von Charlotte Roches „Feuchtgebieten“ nicht die von der Autorin versprochene Erektion bekam und ebenso über seinen Weg in die Bildungskultur aufgrund einer zu dichten Sauerkrauthaartracht reflektieren. Immer hatten seine Betrachtungen etwas Genüssliches. Nie scheuten sie den Blick auf das Banale. In vielem war er so etwas wie die Gegenwartsentsprechung von Robert Musils Ulrich. So richtig einzuordnen, und das war wohl auch so das Willemsen-Moment, war er letztlich nie.

Einem größeren Publikum wurde er ab den 1990er Jahren im Fernsehen mit einer Sendung bekannt, in der er aufsehenerregende Interviews führte. Darüber hinaus moderierte er zahllose Kulturveranstaltungen und -sendungen, schrieb Bücher und war als Dozent tätig.

„Das Einzige, was ich tun kann, ist, Frauen besinnungslos zu quatschen“, kokettierte er einmal auf die Frage zu seinem Sexappeal. Tatsächlich beschränkte er diesen Zugang nicht nur auf eine bestimmte Publikumsgruppe.

Gerald Heidegger, ORF.at

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