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Die Profiteure der Flüchtlingskrise

Die Not der Flüchtlinge ist das Geschäft der Schlepper: Innerhalb kürzester Zeit hat sich in den vergangenen Monaten eine kriminelle Branche weiterentwickelt, die so gut wie nicht zu kontrollieren ist und ständig wächst. Seit Montag versucht man im neuen Anti-Schmuggler-Zentrum (European Migrant Smuggling Center, EMSC) die Ermittlungen der Behörden aus ganz Europa und darüber hinaus zu koordinieren.

Rund drei bis sechs Milliarden Euro Umsatz sollen Schleppernetzwerke alleine 2015 gemacht haben, heißt es in einem von Europol anlässlich der Eröffnung des EMSC am Montag herausgegebenen Bericht. Über 20 Schmuggler-Hotspots seien alleine innerhalb der EU unter Beobachtung - auch Wien zählt dazu. Rund 40.000 Verdächtige aus hundert Herkunftsländern führt Europol im Moment in einer Datenbank.

Große Netzwerke quer durch Europa

Nur ein kleiner Teil davon sind lokale, selbstständige Schlepper, die ihre Dienste - etwa für den Transport über eine Grenze - entlang der Route anbieten. Der Großteil ist in ein Netzwerk eingebunden, das von der Vermittlung bis zum gefälschten Pass so gut wie alles organisieren kann. Die unteren Hierarchieebenen werden meist ausgebeutet: Oft sind es ehemalige Flüchtlinge, die unterwegs gestrandet sind und versuchen müssen, das Geld für die Weiterfahrt zu verdienen.

Die Zusammensetzung der Schleusergruppen ist meist sehr inhomogen. Ein Großteil der Verdächtigen stammt aus Bulgarien, Ungarn, Rumänien und Polen. Das ist zum einen der Tatsache geschuldet, dass sich diese Staaten entlang der Balkan-Route befinden, andererseits spielt die wirtschaftliche Situation in diesen Ländern eine Rolle.

Jede politische Aktion verändert die Lage

Die Arbeit der internationalen Behörden gegen die organisierte Kriminalität auf den Schlepperrouten sei vor allem deshalb so schwierig, weil die Branche sehr „divers“ und äußerst Anpassungsfähig sei, sagte EMSC-Leiter Robert Crepinko gegenüber ORF.at. So hätten etwa politische Entscheidungen eine sehr starke Auswirkung auf die Schlepperkriminalität. „Jede kleine Veränderung der Mitgliedsstaaten - seien es vorübergehende Grenzschließungen, gestoppte Züge -, all das hat eine direkte Auswirkung auf die Schleuserkriminalität“, so Crepinko.

Ein aktuelles Beispiel dafür sind die Balkan-Routen, die derzeit für das EMSC im Fokus der Ermittlungen stehen. Bis zum vergangenen Herbst war Ungarn eines der Haupttransitländer für Asylsuchende. Mit der Errichtung der Zäune an den Grenzen zu Serbien und Kroatien ging die Zahl drastisch zurück, und die Route verlagerte sich nach Kroatien und Slowenien. Seit dort die Bedingungen für die Durchreise erschwert werden, steigt die Zahl der Flüchtlinge in Ungarn wieder. Das sei großteils auf die Reaktivierung alter Schlepperrouten zurückzuführen, vermuten Experten.

Mittelmeer-Routen passen sich an

Weitere Verschiebungen sind auch auf den Mittelmeer-Routen zu erwarten, die sich für die Schlepper als höchst profitable Einnahmequelle erwiesen haben. Im Zuge des unlängst gestarteten NATO-Einsatzes in der Ägäis sollen auf dem Meer aufgegriffene Flüchtlinge in die Türkei zurückgebracht werden. Das soll, so der politische Wunsch, diese Route unattraktiv machen und den Schleppern das Geschäftsmodell vermiesen.

Bei Europol sieht man in den nächsten Monaten dennoch einen weiteren Wachstumsschub für das Geschäft der Schlepper. Eine stärkere Sicherung der EU-Außengrenze in der Ägäis zwischen Griechenland und der Türkei werde dazu führen, dass Flüchtlinge unter anderem auf die gefährliche zentrale Mittelmeer-Route aus Libyen und Ägypten ausweichen.

Auch mit den innereuropäischen Grenzschließungen und der verstärkten Grenzsicherung an den Außengrenzen wächst und verändert sich die Nachfrage - je schwieriger der Weg, desto teurer das Angebot, und desto eher sind Flüchtlinge bereit, auf gefährlichen Routen ihr Leben zu riskieren.

Dokumentenfälschung und Flucht via Flugzeug

Beim EMSC geht man davon aus, dass sich die Schleppernetzwerke mit verschiedenen Umstrukturierungen an die erschwerten Bedingungen für die illegale Einreise anpassen. So dürfte vor allem Dokumenten- und Identitätsfälschung in Zukunft eine größere Rolle spielen, man erwartet weiters, dass auch die Flucht mit gefälschten Dokumenten via Flugzeug direkt in die EU künftig eine größere Rolle spielen wird.

Grafik zu den Flüchtlingsankünften in der EU

Grafik: ORF.at, Quelle: UNHCR

Ein weiteres Problem, das die Ermittler beschäftigt, ist die Verbindung der Schlepper zu anderen kriminellen Organisationen. Drogenschmuggel, Menschenhandel und Korruption entlang der Fluchtrouten stellen eine Bedrohung dar, die stark steigt. Oft sind es Frauen und Kinder, die den Schleppern ausgeliefert sind - und die auf ihrer Flucht in ein besseres Leben spurlos verschwinden.

Schlepperkriminalität könne nicht als isoliertes Phänomen behandelt werden, so EMSC-Chef Crepinko. Mit dem neuen Anti-Schlepper-Zentrum solle jedoch die internationale Arbeit gegen die organisierte Kriminalität verstärkt und gebündelt werden. „Der Kampf gegen den großangelegten Menschenschmuggel ist zu einem essenziellen Teil der europäischen Antwort auf die Flüchtlingskrise geworden“, fasst Europol-Direktor Rob Wainwright die Agenda des Zentrums zusammen.

Sophia Felbermair, ORF.at, aus Brüssel

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