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Über Tücken und Tricks im sprachlichen Machtkampf

Sprache prägt die Politik und umgekehrt, davon ist die renommierte Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak überzeugt. Und sie hat in ihrer Universitätskarriere auch ganz direkt erfahren, wie mit männlicher Sprache Macht ausgeübt wird. Mit ORF.at sprach Wodak darüber, wie Sprache das Verhältnis von Frauen und Männern prägt.

ORF.at: Frau Wodak, zu Beginn eine spekulative Frage: Was würde passieren, wenn der Nationalrat die feminine Pluralform per Gesetz verpflichtend einführen würde?

Wodak (lacht): Das ist eine sehr witzige und sehr spekulative Frage! Und ich glaube, es würde große Verwirrung auslösen. Manche würden es witzig finden und mitmachen, manche wären sehr irritiert und betroffen, dass sie in ihrer Geschlechteridentität nicht mehr wahrgenommen werden. Und zwar ganz ähnlich, wie sich auch Frauen nicht angesprochen fühlen, wenn sie nicht genannt werden und in ihrer Geschlechteridentität wahrgenommen werden.

ORF.at: Ist es tatsächlich so, dass sich Frauen beim männlichen Plural nicht mitgemeint fühlen?

Wodak: Ich kann keine Aussage über die Zeit machen, als das Patriarchat noch unumstritten war. Es gilt aber zumindest, seitdem für Gleichberechtigung gekämpft wird. Letztlich ist Sprache das Instrument, um Menschen anzusprechen und sichtbar zu machen und um miteinander zu kommunizieren. Frauen wollen in Sprache sichtbar werden, weil dadurch alle Bereiche beeinflusst werden.

ORF.at: Muss sich zuerst die Sprache ändern oder doch die reale Situation von Frauen in der Gesellschaft?

Wodak: Das ist ein Henne-Ei-Problem. Denn wenn die Ungleichheit nicht bewusst wird, kann es sich nicht so weit auf die Wahrnehmung auswirken, dass andere Politiken gemacht werden. Diese müssen ja zuerst diskutiert werden, und daher muss die Idee zuerst versprachlicht werden. Umgekehrt gilt, dass andere Politiken auf die Ausdrucksform rückwirken können.

ORF.at: Warum hat die „Ganze Männer machen halbe-halbe“-Initiative der damaligen Frauenministerin Helga Konrad 1996 für solchen Wirbel gesorgt? Und hat es etwas mit Sprache zu tun?

Wodak: Als Linguistin bin ich da natürlich überfragt. Aber es war ein derart massiver Eingriff in die Rollenbilder, dass es noch sehr lange dauern wird, bis da eine Gleichwertigkeit erreicht werden wird.

ORF.at: Wie wirkt Sprache und was bewirkt sie im Denken über und Agieren zwischen den Geschlechtern? Bewirkt sie überhaupt etwas?

Wodak: Sprache bewirkt grundsätzlich in zwischenmenschlichen Beziehungen etwas, nicht nur zwischen den Geschlechtern, weil wir vor allem sprachlich mit anderen Menschen in Kontakt treten. Es gibt Untersuchungen, dass Frauen sich früher weniger durchsetzen konnten: Dass sie beim Sprechen häufiger unterbrochen wurden, Themen von Frauen geringgeschätzt, jene von Männern aber positiv bewertet wurden und gute Ideen viel öfter Männern zugeschrieben wurden. Weil Frauen mittlerweile mehr in der Öffentlichkeit sind und Fortschritte erreicht wurden, hat sich einiges geändert. Aber Politikerinnen werden noch immer anders behandelt und befragt, öfter unterbrochen, oder es gibt eine exotische Frau bei TV-Debatten. Da sind noch immer bestimmte Muster gängig.

Ich denke, Sprache ändert nicht das Denken übereinander, sondern das Bewusstsein. Wenn man Frauen sprachlich sichtbar macht, dann ändert das die Wahrnehmung. Als Beispiel: Wenn man sagt ‚Fünf Leute sind eingeladen, davon zwei Frauen‘ oder ‚Drei Männer und zwei Frauen sind eingeladen‘, so ist das anders.

ORF.at: Sie waren ja als Uniprofessorin auch in vielen Gremien. Gibt es Tricks, um Männersprache im Sinne von Machtausübung durch Sprache im Alltag zu entlarven und zu kontern?

Wodak: Es fällt einem auf, wenn man als Frau immer unterbrochen oder übergangen wird. Oder dass man etwas sagt, das nicht für wichtig genommen wird, wenn dasselbe ein Mann sagt, aber sehr wohl. Also ob man ernst genommen wird oder nicht. Da muss man beharrlich sein und sich expliziert wehren. Also etwa sagen, ‚Ich habe das auch schon gesagt‘ oder ‚Bitte unterbrechen Sie mich nicht‘. Ich kann mich erinnern, dass in Sitzungen männliche Kollegen als „Herr Professor“ angesprochen wurden und ich als „Frau Doktor“. Da muss man sich wehren und die Leute darauf hinweisen, was sie machen. Oft ist das ja nicht böse gemeint, aber man muss es bewusst machen.

ORF.at: Hat sich in den letzten 20 Jahren diesbezüglich etwas verändert?

Wodak: Das kommt ganz auf das Umfeld an. Eine starke Veränderung gab es gerade im internationalen akademischen Umfeld. Dort nehme ich eine wesentlich fairere und neutralere Haltung wahr. In der jüngeren Generation hat sich da auch in Österreich doch einiges gewandelt. Frauen im akademischen Umfeld sind nicht mehr im double bind zwischen der gnädigen Frau, der damit ein bestimmter Platz zugewiesen wird, und derjenigen, die als bedrohlich empfunden wird. Das war ja immer die No-win-Situation, die sich in der jüngeren Generation doch stark gewandelt hat.

ORF.at: Den femininen Plural zu verwenden oder andere Formen des Genderns - sind das nur Alibiaktionen oder doch mehr?

Wodak: Das macht durchaus Sinn, aber man soll nicht dogmatisch sein - etwa beim Schreiben eines Buches alles dogmatisch rigide in ganz bestimmter Form schreiben. Wir haben das in einem Buch („Kreatives Formulieren: Anleitungen zu geschlechtergerechtem Sprachgebrauch“, 1997, Anm.) festgehalten, dass es mehrere Wege gibt. Es sollte stilistisch situativ und adäquat sein. Manchmal kann man Binnen-I sprechen, es gibt aber viele Möglichkeiten. Ist gar nicht schwierig - und wenn man es der Situation angepasst macht, ist es auch nicht umständlich.

ORF.at: Gibt es eine Form des Genderns, die Sie favorisieren?

Wodak: Nein. Es gibt keine ideale oder bevorzugte Form des Genderns. Es gibt nicht ein Rezept, sondern es sollte immer dem angemessen sein, was in einer bestimmten Situation wichtig ist.

ORF.at: Warum stoßen Gendern und ein nicht diskriminierender Sprachgebrauch auf so beharrlichen Widerstand?

Wodak: Weil Sprache oft etwas symbolisiert - und da symbolisiert es einen Machtkampf, zumindest für manche. Also wenn Männer in ihrer Macht hinterfragt werden oder es so wahrnehmen, irritiert das. Und das Gendern wird dann zum Pars pro Toto - also man regt sich über dieses Gendern auf, aber eigentlich geht es um ganz was anderes.

Das Gespräch führte Guido Tiefenthaler, ORF.at

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