Themenüberblick

„Musikalisches Erbe weiterführen“

Erst Anfang Dezember hatte sich der Stardirigent Nikolaus Harnoncourt mit einem persönlichen Brief an sein Publikum aus Rücksicht auf seine „körperlichen Kräfte“ vom Dirigentenpult verabschiedet. In der Nacht auf Sonntag ist er nach schwerer Krankheit im Kreis seiner Familie gestorben.

„Am 5. 3. 2016 ist Nikolaus Harnoncourt friedlich im Kreis seiner Familie entschlafen. Trauer und Dankbarkeit sind groß. Es war eine wunderbare Zusammenarbeit“, heißt es in einer kurzen Bekanntgabe von Gattin Alice Harnoncourt und der Familie. Die Bestürzung über Harnoncourts Tod ist groß. „Eine Ära ist zu Ende gegangen“, sagte Musikvereinsintendant Thomas Angyan tief erschüttert in einer ersten Reaktion.

Dirigent Nikolaus Harnoncourt

APA/Günter R. Artinger

Harnoncourt mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein im Jahr 2002

"Ich hätte nie erwartet, dass zwischen seinem Rückzug aus dem Konzertleben und seinem Ableben so eine kurze Zeitspanne liegen würde. Harnoncourt sei „das Original des Originalklangs“ gewesen: „Das ist unwiederbringlich. Wir haben die Verpflichtung, das musikalische Erbe, das er uns hinterlassen hat, weiterzuführen.“ Es bleibe nun der Trost, „dass er jetzt seinem Mozart und seinem Bach jene Fragen stellen kann, die auch er bis jetzt nicht beantworten konnte“, reagierte Mathis Huber, der Intendant des von Harnoncourt getragenen styriarte-Festivals, auf den Tod des „Unersetzbaren“.

„Exempel für uns alle“

Musikern und Publikum wird er in Erinnerung bleiben als ein Begeisterter, dem die Weitergabe seines Wissens und seiner Erfahrungen viel bedeutete - aber auch als ein Suchender, der sich selbst und das gesichert Geglaubte stets aufs Neue hinterfragte. Viele zeigten sich „unendlich dankbar für den Austausch und die Begegnung“ mit Harnoncourt, wie etwa Roland Geyer, Intendant beim Theater an der Wien - mehr dazu in wien.ORF.at.

ORF-Programmänderung

Anlässlich des Todes von Nikolaus Harnoncourt ändert der ORF sein Programm. Am Montag widmen sich der „kultur.montag“ (ORF2) und ORF III in Spezialsendungen dem Dirigenten. Auch Ö1 bringt einen Schwerpunkt zu Harnoncourt - mehr dazu in oe1.ORF.at.

Für Dirigent Franz Welser-Möst ist Harnoncourt einer jener Interpreten, „der unsere Welt mehr als jeder andere der letzten 50 Jahre geprägt hat“. Er sieht dessen „unerschütterliche Kreativität“ als „Exempel für uns alle. Das Wort Verlust drückt nicht aus, was ich empfinde“. Von „Bewunderung“ sprach auch Staatsoperndirektor Dominique Meyer. Er habe nicht nur unserer Generation die Ohren geöffnet und uns dazu gebracht, Barockmusik „anders“ zu hören.

Wiener Philharmoniker: „Nichts mehr so, wie es war“

Für die Wiener Philharmoniker ist nach dem Tod von Harnoncourt „nichts mehr so, wie es war“. Das schrieb Vorstand Andreas Großbauer im Namen das Orchesters, das sich derzeit auf Tournee in Südamerika befindet. Harnoncourt war Ehrenmitglied der Wiener Philharmoniker. Zweimal - 2001 und 2003 - hatte er das Neujahrskonzert dirigiert.

„Wir werden diesen Querkopf, Andersdenker und Tiefenbohrer in die menschlichen Seelen vermissen. Viele Werke von Johann Sebastian Bach bis Alban Berg haben wir durch ihn neu gelernt. Seine bahnbrechenden Interpretationen führten uns an unsere Grenzen und darüber hinaus. Sie haben uns vor den Kopf gestoßen, erschüttert - und überzeugt. In tiefer Verbundenheit gilt unser Mitgefühl seiner Familie“, so Großbauer.

Die Wiener Staatsoper begann die Premiere der Oper „Tri Sestri“ von Peter Eötvös am Sonntagabend mit einer Trauerminute. „Wir sind betroffen und sehr traurig“, sagte Staatsoperndirektor Dominique Meyer in einer kurzen Rede vor Beginn der Vorstellung.

Würdigung in der Politik

Auch österreichische Politiker würdigten den Pionier des Originalklangs. „Er war ein Künstler, der Altes auf geniale Weise in die Gegenwart transportierte. Mit bahnbrechenden Interpretationen eröffnete er für das Publikum die Möglichkeit des Originalen, ohne dabei antiquiert zu wirken“, schrieb Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ). Österreich verliere einen „Ausnahmekünstler“, so Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP).

Als „unersetzlichen Verlust“ bezeichnete Bundespräsident Heinz Fischer den Tod von Harnoncourt. „Er war ein konsequenter Erneuerer der Musik, indem er den Weg zu den Quellen des musikalischen Schaffens suchte und auch fand. Er war ein großartiger Dirigent und ein Lehrer für mehrere Musikgenerationen.“ Harnoncourt sei nie dem Zeitgeist gefolgt, sondern habe selbst Trends gesetzt, sagte der Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) - mehr dazu in salzburg.ORF.at.

Links: