ORF.at in weiblicher Form – ein Experiment

Was sagen Kanzler und Vizekanzler nach dem Ministerinnenrat? Wer wird nächste Bundespräsidentin? Und wie viel ersparen sich Autofahrerinnen durch den niedrigen Spritpreis? Mit Sprache lässt sich viel machen: auch die derzeitigen Geschlechterverhältnisse umkehren.

Anlässlich des Frauentages hat sich ORF.at entschlossen, ein sprachliches Experiment zu unternehmen. Einen Tag lang werden die Berichte und Meldungen in news.ORF.at, also auf der „blauen Seite“, „feminisiert“.

Es sind einmal die Männer „mitgemeint“

Es handelt sich nicht um klassisches Gendern, sondern darum, Mehrzahlwörter, die Frauen einschließen, rein weiblich zu bilden. Ebenso Begriffe im Singular, die üblicherweise maskulin gebildet werden. Nicht Frauen werden in Bezeichnungen „mitgemeint“, sondern Männer. Durch die Spiegelung der grammatikalischen Geschlechter soll erfahrbar und erlesbar gemacht werden, wie oft Frauen in der Sprache „verschwinden“.

Das Experiment wird wohl irritieren und soll es auch. Vielleicht wird es auch polarisieren – genauso, wie die Idee auch in der Redaktion von ORF.at selbst für heftige Debatten und Kontroversen gesorgt hat. Die Reaktionen - intern wie extern – sollen danach in ORF.at dokumentiert werden.

Wieso ist Sprache in der Geschlechterfrage überhaupt wichtig?

Mit Sprache wird nicht nur die Realität nacherzählt, mit Sprache wird auch die Realität beeinflusst. Die Bezeichnung „Sekretäre“ löst wohl andere Bilder im Kopf aus als „Sekretärinnen“. Und wie ist das mit „Experten“ und „Kommentatoren“ und - auf einer ganz anderen Seite - mit „Tätern?“

Mehr dazu in Auszeit für männlichen Machtfaktor

Liegen die „wirklichen“ Probleme nicht woanders?

Natürlich sind im Alltag drängende Probleme andere: Chancengleichheit für Frauen in Gesellschaft und Job, also Fragen der gerechteren Entlohnung, der Aufstiegschancen, der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Und genauso der Schutz vor allen Formen von Gewalt. Das thematisiert ORF.at auch regelmäßig. Dieses Experiment kann die Redaktion aber nur mit einem Werkzeug starten, das uns zur Verfügung steht - und das ist eben Sprache.

Wieso gendert ORF.at nicht immer?

Das Binnen-I und andere Formen des Genderns lassen sich auf etlichen Ebenen diskutieren: politisch, ästhetisch, grammatikalisch etc. Die Emotionalität der Debatte ist erstaunlich, vor allem wenn im selben Atemzug meist genannt wird, dass es eh nur um Symbole geht.

Nüchtern betrachtet: In Texten und Dokumenten, in denen Männer und Frauen direkt angesprochen werden, hat es sich eher durchgesetzt, im Journalismus ganz und gar nicht. Journalistische Sprache in ihrer Knappheit mit dem Primat der Lesbarkeit und der prägnanten Überschriften lässt sich in großen Medien in der Praxis nur schlecht mit Gendern vereinbaren - vor allem in der minutenaktuellen Onlineberichterstattung.

Und am Tag danach ist alles wieder „normal“?

Vielleicht. Vielleicht bieten aber Reaktionen von außen und auch innerhalb der Redaktion Stoff für neue Ideen und Debatten. Und vielleicht gibt es auch zu denken, was „normal“ ist.