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„Und Ihr wäret zwingend Fremde“

Ein zorniges Plädoyer für menschlichen Umgang mit Flüchtlingen kann sich schwer Gehör verschaffen, wenn die allgemeine Stimmung in Richtung Fremdenhetze driftet. William Shakespeare bekommt nun aber dank der britischen Nationalbibliothek eine zweite Chance. Adaptieren muss man die über 400 Jahre alten Zeilen dafür nicht. Sie wirken, als wären sie heute geschrieben worden.

Offiziell geht es der Nationalbibliothek nur um die Ausstellung zu Shakespeares 400. Todestag. Dass dabei ausgerechnet Shakespeares Überarbeitung zum vergessenen Stück „Sir Thomas More“ auch digital wiederveröffentlicht wurde, war aber wohl nicht frei von politischen Beweggründen. Gegenüber dem britischen „Guardian“ räumte Kuratorin Zoe Wilcox ein, es sei „auffallend und traurig“, wie relevant das „Stück mitreißender Rhetorik“ für „uns heute aussieht“.

Wut über Umgang mit „migrants“

Das Stück „Sir Thomas More“ über den gleichnamigen Kanzler Heinrichs VIII., der seine Prinzipientreue mit dem Tod auf dem Schafott bezahlen musste, stammt aller Wahrscheinlichkeit nach von einem Autorenkollektiv. Shakespeare überarbeitete den ganzen Text aber am Ende, gab ihm dabei einen ganz neuen „Spin“ und erweiterte ihn um seine besten Passagen - voll Wut über die damalige innereuropäische Krise mit „migrants“, wie es im Stück wörtlich heißt.

Handschriftliches Manuskript von William Shakespeares Stück "Sir Thomas More"

Public Domain

Shakespeares Passagen in „Sir Thomas More“, zugleich das einzig erhaltene Manuskript in der Handschrift des Dichters

Während Shakespeare an dem Stück schrieb, war London Ziel vieler fliehender Hugenotten, die in Frankreich verfolgt und zu Zehntausenden getötet wurden. Aus der Empörung über einzelne Missstände und verübte Straftaten (der Vergleich mit den Vorfällen von Köln drängt sich auf) wurde damals schnell eine - von der Politik instrumentalisierte - Ablehnung aller „Fremden“. Jenen, die Zwietracht schürten, ruft Shakespeare zu, sie sollten ihre „fauligen Gedanken mit Tränen waschen“: Sie pochten auf Recht und Gesetz nur, weil sie es dabei „wie einen Hund prügeln“ wollten.

„Wohin ginget Ihr?“

Shakespeare lässt seinen Thomas More dabei für die Bestrafung allen Unrechts eintreten - egal, ob die Täter Fürsten, Londoner Bürger oder Flüchtlinge sind. Generalisierung und Vorurteile sind für ihn aber ebenso Untaten. An die Bevölkerung gewandt fragt More (zweiter Akt, vierte Szene): „Und wäret Ihr verbannt / wohin ginget Ihr?“ Sie sollten sich einfach Krieg und Verfolgung in ihrer eigenen Heimat vorstellen. Dann würde wohl jeder von ihnen „nach Frankreich oder Flandern / in jedwed’ deutsches Land / nach Spanien oder Portugal / egal, wohin, wenn nicht an England grenzend“ flüchten: „Und Ihr wäret zwingend Fremde.“

Dann fordert More im Stück den Mob auf, er solle sich vorstellen, wie es jedem von ihnen dann bei der Ankunft in einem fremden Land ginge: „Wärt Ihr erfreut, / ein Land von so gehäss’ger Wut zu finden / dass es - in Ausbrüchen ekliger Gewalt - / Euch auf dieser Welt kein Bleiben gönnt?“, und schließlich: „Was würdet Ihr denn denken / würdet Ihr so missbraucht? / Denn es ist der Fremden Fall.“ Und an seine eigene Landsleute gewandt schließt Shakespeare: „Und auf Eurer Seite gewalt’ge Barbarei.“

Theaterleute fürchteten um Sicherheit

„Sir Thomas More“ und damit auch einem der beeindruckendsten Shakespeare-Monologe überhaupt könnte mit Hilfe der PR durch die Britische Nationalbibliothek nun mit Jahrhunderten Verspätung die gebührende Öffentlichkeit zukommen. Zu Shakespeares Lebzeiten wurde das Stück nie aufgeführt. Die Stimmung gegen die „migrants“ im London der damaligen Zeit war schon so hitzig, dass man das Theaterprojekt schließlich wegen befürchteter Unruhen absagte.

Dass Shakespeares Worte nichts von ihrer Kraft eingebüßt haben, zeigte sich unmittelbar nach der „Neuveröffentlichung“ des Monologs Mitte März: Rund um die Welt gaben Zeitungen den Text wieder, manche von ihnen in Form des Leitartikels auf der Titelseite. Die britische öffentlich-rechtliche BBC wählte ebenfalls den naheliegenden Weg und ließ die Worte kommentarlos in jenem Segment ihrer „Newsnight“ rezitieren, das für tagesaktuelle Politanalysen reserviert ist.

Lukas Zimmer, ORF.at

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