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Ausgangspunkt in Panama City

Zweifelhafte Finanzdeals, Briefkastenfirmen und viele bekannte Namen: Ein internationales Journalistennetzwerk hat Millionen Dokumente über Steueroasen und ihre Akteure ausgewertet - von amtierenden und ehemaligen Staats- und Regierungschefs sowie deren Vertrauten über Oligarchen bis zu Unternehmern und Banken. Panama-Papers ist das bisher größte Datenleck der Offshore-Finanzindustrie.

Der Datensatz stammt von der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca Group (Mossfon) mit Sitz in Panama City - daher auch der Name des Leaks. Erst vor drei Jahren ist unter dem Namen „Offshore-Leaks“ ein Netzwerk an Steuerhinterziehung und Geldwäsche aufgeflogen. Das Ausmaß der Panama-Papers - eine Datenmenge von 2,6 Terabyte (TB) - übertrifft den Umfang von „Offshore-Leaks“ 2013 um das Zehnfache, jenes von „LuxLeaks“ aus dem Jahr 2014 um das 600-fache.

Akara-Building, Tortola, Britische Jungferninseln

Ali Russell/ABC

Die Mossfon-Niederlassung auf den britischen Jungferninseln

Über elf Millionen Dokumente

Die 11,5 Millionen Dokumente von Panama-Papers umfassen E-Mails, Briefe, Faxnachrichten, Kreditverträge, Gründungsurkunden, Kontoauszüge und Rechnungen aus den Jahren 1977 bis 2015, die von 376 Journalisten ausgewertet wurden. Die jüngsten Dokumente stammen vom Dezember 2015. Dabei wurden die Vernetzungen von insgesamt 214.488 Briefkastenfirmen aufgedeckt. Die Authentizität der Daten wurde durch den Vergleich mit öffentlichen Registern, Zeugenaussagen, Gerichtsurteilen und zum Teil schon früher geleakten Daten überprüft.

ORF-„Falter“-Kooperation

Auf Einladung der „SZ“, die den Datensatz zugespielt bekam, bewarben sich „Falter“ und ORF für die Teilnahme an der internationalen Datenrecherche. Aufgrund der Komplexität und Datenmenge recherchierten ORF und „Falter“ gemeinsam. Jedes Medium trägt für sich die Verantwortung und finanziert die Recherche selbst. Bedingung der internationalen ICIJ-Kooperation: Alle Journalisten teilen ihre Ergebnisse international.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte den Datensatz von einer anonymen Quelle zugespielt bekommen und mit dem Internationalen Konsortium investigativer Journalisten (ICIJ) geteilt. Das ICIJ ist ein unabhängiges, mit Spenden finanziertes Netzwerk von rund 180 Aufdeckungsjournalisten. Über dieses Netzwerk wurden mehr als hundert Medienunternehmen in 76 Ländern an den Recherchen beteiligt, darunter BBC, „Guardian“, NDR, „Haaretz“, „Le Soir“, „Le Monde“ und „L’Espresso“, um nur einige zu nennen.

In Österreich nahmen für die Wochenzeitung „Falter“ die Journalisten Florian Klenk und Josef Redl teil. Beim ORF arbeiteten Ulla Kramar-Schmid, Stefan Daubrawa, Kaspar Fink, Günther Hack (ORF.at) und Jakob Weichenberger die Daten auf. Simone Leonhartsberger schrieb für ORF.at die Artikel.

Von Argentinien bis Russland

Anhand der Panama-Papers kann nachvollzogen werden, wie ein Netzwerk an Banken, Anwaltsfirmen und anderen Vermittlern möglicherweise zweifelhafte Vermögen in Steueroasen verstecken. Darunter sind zahlreiche prominente Namen zu finden.

Neben Vertrauten des russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem isländischen Premier Sigmundur Gunnlaugsson sowie dessen Finanzminister und Innenminister wurden etwa der neue Präsident Argentiniens, Mauricio Macri, sowie sein ukrainischer Amtskollege Petro Poroschenko und der saudische König Salman identifiziert. Auch Rami Machluf, einer der reichsten Geschäftsleute Syriens und Vertrauter des Präsidenten Baschar al-Assad, ist den Daten zufolge aktiv bei der Verschleierung seiner Geschäfte über Steueroasen.

Grafik zeigt die Niederlassungen von Mossack Fonseca

APA/ORF.at; Quelle: Mossack Fonseca

Genannt werden zudem Kojo Annan, Sohn des früheren UNO-Generalsekretärs Kofi Annan, und Ian Cameron, Vater des britischen Premierministers David Cameron. 29 Milliardäre der „Forbes“-Liste wurden in Unterlagen identifiziert: Der indische Milliardär und Vorstand von ArcelorMittal, Lakshmi Mittal, steht auf der Liste genauso wie Guanchang Guo, der aufgrund seiner Investitionsstrategie auch als „Warren Buffett von Schanghai“ bezeichnet wird.

Dienstleister für Briefkastenfirmen

Die Informationen stammen aus Dokumenten und der Korrespondenz von Mossfon. Das Unternehmen hat weltweit mehr als 500 Mitarbeiter in über 40 Niederlassungen - darunter vor allem in Ländern, die sich bei der diskreten Veranlagung von Vermögen oder durch die leichte Gründung von Briefkastenfirmen einen Namen gemacht haben: die britischen Jungferninseln, die Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg und Jersey. In den vergangenen Jahrzehnten war Mossfon an der Gründung von 214.488 Firmen beteiligt - Auftraggeber sind meist Banken, Vermögensverwalter und Anwälte aus zahlreichen Ländern.

Grafik zeigt die Konstruktion von Briefkastenfirmen

Grafik: ORF.at

Der Vorteil dieser Briefkastenfirmen: Sie agieren anonym abseits der Finanzbehörden. Die Gründung solcher Scheinfirmen geht schnell und kostet meist nur einige hundert Dollar. Sie dienen dazu, Vermögen und illegale Geschäfte zu verschleiern. Unternehmen können über diese Konstruktionen Gewinne kleinrechnen und dadurch Steuern sparen.

Steueroasen & Offshore-Zentren

Als Kriterien gelten niedrige Steuern, laxe Finanzvorschriften und -kontrollen sowie Anonymität. Durch internationalen Druck wurde die Geheimniskrämerei zuletzt weniger, möglich ist steuerschonende Finanzdienstleistung aber noch immer. Der Name „Offshore“ leitet sich geografisch von ehemaligen britischen Kolonien ab. Inzwischen gelten Finanzplätze, die juristisch außerhalb der üblichen Rechtsnormen liegen, generell als Offshore-Zentren.

Hilfreich ist nicht nur die Meldeadresse auf einer idyllischen Karibikinsel mit niedrigen bis gar keinen Steuersätzen, sondern auch die Möglichkeit, Scheindirektoren einzusetzen, die als Mittelsmänner der tatsächlichen Kunden auftreten. Die wahren Begünstigten der Stiftungen und Gesellschaften bleiben dadurch verdeckt. Weltweit entgehen den Steuerbehörden damit jährlich Hunderte Milliarden Dollar an Steuereinnahmen. Das Tax Justice Network (TJN) geht von einem Verlust von mindestens 250 Milliarden Dollar (223 Mrd. Euro) weltweit pro Jahr aus.

„Helfen bei Unternehmensgründung“

Hinter dem weltweit agierenden Unternehmen Mossfon stehen der gebürtige Deutsche Jürgen Mossack und der Panamaer Ramon Fonseca. Mossack startete in den 70er Jahren alleine, 1986 kam Fonseca als Partner dazu - Mossfon wurde geboren. Der Finanzdienstleister zählt zu den fünf größten Spielern im lukrativen Offshore-Business mit Briefkastenfirmen. Der erste Schritt ins Ausland führte das Unternehmen auf die Jungferninseln. Heute beherbergt das britische Überseegebiet über 40 Prozent der weltweiten Offshore-Firmen.

Immer wieder wurde Mossfon mit Vorwürfen konfrontiert, an Geldwäsche und Steuerhinterziehung mitzuwirken. Mossfon wies sämtliche Anschuldigungen, in kriminelle Aktivitäten verwickelt zu sein, stets als unbegründet zurück oder verwies darauf, dass die Niederlassung keine Mutter-Tochter-Verbindung sei, sondern eigenständig.

Die im Zuge von Panama-Papers entdeckten internen Mossfon-Dokumente lassen an dieser Version aber berechtigte Zweifel aufkommen. Mossfon-Sprecher Carlos Sousa betonte jedoch, dass das Unternehmen „nur Klienten bei der Gründung von Firmen hilft“. Auf einzelne Kunden könne man nicht eingehen, so eine Mosson-Reaktion. Das Unternehmen sei jedenfalls in 40 Jahren nie verurteilt worden.

„Baustelle“ Panama

Für Panamas Rolle als Steueroase spielt das Unternehmen aber eine wichtige Rolle. Während Mossack eher im Hintergrund wirkt, gilt Fonseca als einflussreiche Persönlichkeit in Panama - er war bis vor Kurzem Präsidentenberater und ist stellvertretender Parteichef der Regierungspartei Panamenista. Im Zuge von Vorwürfen, die Anfang des Jahres auftauchten, dass eine Mossfon-Niederlassung in den Korruptionsskandal in Brasilien verwickelt sein soll, trat Fonseca aber zurück. In seiner Reaktion auf ICIJ-Anfragen sprach Fonseca von einer internationalen Kampagne, die sich gegen Panama richte.

Ermittlungen eingeleitet

Nach den Enthüllungen leitete die Staatsanwaltschaft des mittelamerikanischen Landes Ermittlungen zu den Vorwürfen ein. „Nachdem Informationen zu den Panama-Papers publik geworden sind, gibt die Staatsanwaltschaft den Beginn entsprechender Ermittlungen bekannt“, hieß es in einer Mitteilung der Behörde.

Auch die Regierung des mittelamerikanischen Landes sagte ihre Kooperation bei der Aufklärung zu: „Die panamaische Regierung verfolgt eine Null-Toleranz-Politik in allen Bereichen des Rechts- und Finanzwesens, wo nicht mit einem höchsten Maß an Transparenz gearbeitet wird“, hieß es in einer am Sonntag veröffentlichten Erklärung des Präsidialamts.

Bei allen offiziellen Bemühungen Panamas, seinen Ruf als Steueroase loszuwerden, gilt das mittelamerikanische Land als eine der Topdestinationen, um Vermögen gut zu verstecken. Während die meisten Destinationen von Steuerflüchtlingen sich zusehends dem Austausch von Informationen öffnen, sieht OECD-Steuerexperte Achim Pross im ORF-Interview Panama noch als „Baustelle“: „Panama ist wirklich das einzige Land in einer gewissen Größe, das sich noch nicht entschlossen hat, vollumfänglich mitzumachen wie die anderen.“

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