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Nichtwähler als große Unbekannte

Nach der Wahl ist vor der Wahl: Nicht für Irmgard Griss und schon gar nicht für Andreas Khol, Rudolf Hundstorfer und Richard Lugner - aber für den FPÖ-Mann Norbert Hofer und den von den Grünen unterstützten Alexander Van der Bellen. Die Ausgangslage ist dabei alles andere als ausgeglichen.

Hofer kann es „viel gelassener“ angehen als sein Kontrahent Van der Bellen. Das betont der Politologe Peter Filzmaier am Montag im Telefoninterview mit ORF.at und verweist auf den Vorsprung von 14 Prozentpunkten.

„Mindestens gleich viel Potenzial“

Van der Bellen muss dagegen deutlich stärker Wählerinnen und Wähler der anderen Kandidaten motivieren, am 22. Mai ihm die Stimme zu geben. Und er muss vor allem auch die Nichtwähler deutlich mehr ansprechen als Hofer. Gerade bei Letzteren hat er aber wohl eine schlechtere Ausgangslage, da traditionell die Wahlbeteiligung bei Grün-Wählern viel höher ist als bei FPÖ-Wählern. Filzmaier sieht daher bei Nichtwählern für Hofer „mindestens gleich viel Potenzial“ wie für seinen Kontrahenten.

Und er erinnert daran, dass die Wahlbeteiligung zwar gestiegen sei, es sich aber trotzdem um die zweitniedrigste in der Geschichte der Zweiten Republik handle. Nur bei der sicheren Wiederwahl Heinz Fischers 2010 gaben weniger Menschen ihre Stimme ab.

„In die Mitte ausstrahlen“

Die Hofer noch fehlenden rund 15 Prozentpunkte könnte dieser in den Augen Filzmaiers daher relativ problemlos bekommen: Neben einigen Nichtwählern würden wohl Lugner- und Khol-Stimmen überwiegend zum FPÖ-Kandidaten wandern.

Auch Günther Ogris vom Meinungsforschungsinstitut SORA sieht bei Hofer wenig Bedarf, die bisherige Linie zu ändern. Er werde sich eventuell etwas präsidentieller geben als bisher, um mehr in die „Mitte der Gesellschaft auszustrahlen“.

Wer wo den zweiten Platz eroberte. Alle Ergebnisse ohne Briefwahlstimmen.

Taktvoll polarisieren

Van der Bellen muss dagegen - laut Hochrechnung - zunächst mehr als 600.000 Stimmen aufholen, um mit Hofer gleichzuziehen. Ihm müsse das Kunststück gelingen, „alle Anti-FPÖ-Stimmen hinter sich zu sammeln, ohne zu sehr zu polarisieren“, so Filzmaier. Denn unter den Griss-Wählern, die Van der Bellen braucht, seien überproportional viele Parteiunabhängige. Van der Bellen müsse eher die FPÖ-Skeptiker ansprechen, nicht nur deren radikale Gegner.

Ogris betont dagegen angesichts des weiten Rückstands: „Da hilft nichts, Van der Bellen muss kämpferisch sein“, und er empfiehlt ihm, das Duell zuzuspitzen - ähnlich wie Michael Häupl (SPÖ) bei der Landtagswahl in Wien. Also mit der Warnung vor einem Bundespräsidenten Hofer zu versuchen, Nichtwähler zum Urnengang zu bewegen.

Dass eine offizielle Wahlempfehlung von der SPÖ Van der Bellen im Rennen gegen Hofer helfen würde, stellt Filzmaier infrage. Angesichts der internen Differenzen - Koalition mit Blauen im Burgenland, aber mit Grünen in Wien - sei eine solche ohnehin nicht realistisch. Daneben bezweifelt er aber eine positive Wirkung für Van der Bellen.

Interessantes historisches Detail

Interessant ist ein Detail aus der Vergangenheit: Zweimal gelang es bisher einem Kandidaten bei einer Hofburg-Stichwahl, vom zweiten Platz den Sieg zu holen - das war Theodor Körner (SPÖ) 1951 gegen Heinrich Gleißner (ÖVP) und Thomas Klestil (ÖVP) 1992 gegen SPÖ-Mann Rudolf Streicher. Körner musste dabei allerdings einen Rückstand vom ersten Wahlgang von einem Prozentpunkt aufholen, Klestil einen von 3,2 Prozentpunkten. Zum Vergleich: Van der Bellen liegt laut Hochrechnung 14 Prozentpunkte hinter Hofer.

Rein historisch für den ehemaligen Grünen-Chef und Wirtschaftsprofessor spricht, dass es nur dreimal in der Geschichte der Zweiten Republik eine Stichwahl um die Hofburg gab. Dabei gelang es nur mit Kurt Waldheim 1986 einem in Führung liegenden Kandidaten, den Vorsprung über die Ziellinie zu bringen.

Warnung für Regierungsparteien

Keinen Trost will Filzmaier übrigens den Regierungsparteien spenden: Er sei jedenfalls skeptisch beim „Prinzip Hoffnung“ - konkret, darauf zu hoffen, dass das sonntägliche Ergebnis auf die nächste Nationalratswahl ohnehin nicht umzulegen sei. Die FPÖ sei bei Bundeswahlen bei „30 Prozent plus“ anzusiedeln. Allein aufgrund des dann vermutlich wegfallenden Faktors Griss würden SPÖ und ÖVP natürlich besser abschneiden - die FPÖ würde nach derzeitigem Stand aber mit großem - zweistelligen - Vorsprung voran liegen. SPÖ und ÖVP müssten vielmehr einen eigenen Plan entwickeln, wieder aus dem Tief herauszukommen.

Ganz ähnlich argumentiert Ogris: Ohne Strategiewechsel der Regierung werde sich an den Niederlagen nichts ändern. Die strategischen Fragen müssten angegangen werden, die Regierung konzentriere sich aber völlig übertrieben auf den Teilaspekt Flüchtlinge. Die wichtigsten Themen für die Menschen seien aber „Beschäftigung, Beschäftigung und Bildung“. Es fehle eine „Erzählung, wie es unseren Kindern einmal besser gehen wird“.

Guido Tiefenthaler, ORF.at

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