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Der Unterdrückung entkommen

Nepal steht am Beginn eines mühsamen gesellschaftlichen Wandels: weg von Kastensystem, Zwangsheirat und bitterer Armut. Besonders betroffen sind Frauen, aber sie nehmen trotz aller Widerstände den Kampf auf.

Laut und turbulent geht es zu, als Journalisten und NGO-Mitarbeiter in das kleine Dorf einfallen, Stunden von der sogenannten Zivilisation entfernt, irgendwo in den Bergen Nepals. Mamitu Shrutha hält sich abseits, hockt auf einer Begrenzungsmauer und beobachtet. Die 19-Jährige drängt sich nicht in den Vordergrund, das überlässt sie anderen. Ihr Gesicht strahlt trotziges Selbstbewusstsein aus und zugleich eine tief sitzende Traurigkeit.

In Mamitus Dorf gibt es eine Schule, was alles andere als selbstverständlich ist. Und ihre Eltern haben sie in diese Schule geschickt. Das ist noch weniger selbstverständlich. Momentan geht sie in die neunte Klasse, und bei der Frage nach ihrem Lieblingsfach huscht kurz ein Lächeln über ihre Lippen: ganz klar - Naturwissenschaften. Ob sie nicht in die Hauptstadt Kathmandu gehen möchte, um ein entsprechendes Studium zu belegen? Das Lächeln verschwindet: „Ich wurde schon verheiratet. Ich muss hier im Dorf bleiben.“

Strengeres Kastensystem als in Indien

80 Prozent der Nepalesen sind Hindus, es herrscht ein rigides Kastensystem vor, strenger als in Indien, und die Zwangsheirat von Mädchen ist gang und gäbe, wobei das gesetzliche Mindestalter von 14 Jahren nicht selten unterschritten wird. Die Frauen in den Dörfern arbeiten hart. Im Landessüden sieht man sie bei Temperaturen jenseits der 40 Grad auf den Feldern schuften. Im Norden, in den Bergen, schleppen sie große Lasten kilometerweit steil bergauf und bergab, kümmern sich um die Kinder und versorgen die Familie mit Nahrung.

Eindrücke aus Nepal

ORF.at/Simon Hadler

Tägliche Schwerarbeit in den Bergen - auch hochschwanger noch

Die Regierung versucht zu helfen, aber Änderungen der Clan- und Familienstrukturen sind ohne nennenswerten wirtschaftlichen Aufschwung nur schwer durchzusetzen, wie der prominente TV-Journalist und Moderator Narayan Paudel im Interview mit ORF.at und Ö1 sagt. Ganz abgesehen davon, dass die staatlichen Institutionen zehn Jahre nach dem Bürgerkrieg und nach dem Ende der Monarchie nur schleppend in die Gänge kämen. Westliche NGOs sind willkommen und helfen in Absprache mit den Behörden aus, wobei zur simplen Hilfe immer auch Aufklärungsarbeit kommt.

Aufklärung bei Männern und Schwiegermüttern

So betreibt bzw. unterstützt CARE diverse Kranken- und Geburtsstationen in abgelegenen Gebieten. In einer kleinen Siedlung, kaum mehr als eine Ansammlung von ein paar Hütten, stehen zwei Zelte für Patientinnen bereit. Eine Krankenschwester erzählt, dass die Frauen zu den Untersuchungen und zur Niederkunft meist mit Freundinnen erschienen sind. Nun werden sie dazu angehalten, ihre Männer und vor allem ihre Schwiegermütter mitzunehmen - denen dann erklärt wird, wie gefährlich harte Arbeit für Hochschwangere und für Frauen direkt nach der Geburt ist.

Gewalt steht an der Tagesordnung

Mit dem Jeep durch unwegsames Gelände ein paar Stunden entfernt eine weitere Krankenstation. Im Wartezimmer herrscht rege Betriebsamkeit, Frauen in bunten Gewändern warten auf Untersuchungen, viele von ihnen haben ihre Babys mit. Mittendrin steht die quirlige Projektkoordinatorin für Geburtenkontrolle und Geburtswesen von CARE Nepal, Srijana Yogi. Sie berichtet, dass Gewalt gegen Frauen in Nepal schon lange ein großes Problem darstellt, ein Problem, das jetzt, durch das große Erdbeben vor einem Jahr, in den betroffenen Gegenden noch virulenter wurde. Hunderttausende zerstörte Häuser, keine Arbeitsplätze, Alkoholismus grassiert.

Wann auch immer in der Krankenstation etwas in diese Richtung auffällt, wird zunächst das Gespräch mit den Familien gesucht. Wenn das nichts bringt, holt man einen Mediator hinzu und erst in letzter Konsequenz die Polizei. Dass Frauen ihren Männern und Schwiegermüttern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, wollen viele in Nepal nicht mehr hinnehmen, es gibt entsprechende Awareness-Programme, wie man sie auch aus Österreich kennt. Aber eine Gesellschaft von Grund auf umkrempeln, das dauert - viele Jahrzehnte, und Nepal steht erst ganz am Beginn dieser Entwicklung, wie einem allerorten versichert wird.

Radiohinweis

Ö1 berichtet über Nepal in „Moment - Leben heute“ am 10. Mai um 14.40 Uhr.

Die „Unberührbaren“ und ihr täglicher Kampf

Ein Schlüssel dabei ist die Bildung. Im Süden des Landes, in der Gegend rund um Buddhas Geburtsort Lumbini, leben in den kleinen Dörfern besonders viele „Unberührbare“, also Dalit, im Westen oft „Parias“ genannt. Im Kastensystem Indiens und Nepals stehen sie ganz unten in der Hackordnung. Nicht nur, dass sie niemand Höherstehenden berühren dürfen - nicht einmal ihr Schatten darf andere berühren. Darauf zu achten haben sie selbst, wenn es doch passiert, drohen Strafen.

Dort lebt Shiv Ratan Chamay, der das Glück hatte, als Dalit den sozialen Aufstieg zu schaffen, weil er nach einem langwierigen Assessment-Prozess von der US-amerikanischen Entwicklungshilfeagentur USAID engagiert wurde. Er berichtet von der Diskriminierung im Alltag: „Sie trinken nicht einmal unser Wasser.“ Die Regierung tue, was sie könne, sagt der junge Mann, dessen Sohn sich an seinem Bein festklammert. Viel wichtiger sei jedoch das, was in den Dörfern von den Bewohnern selbst an Entwicklung vorangetrieben werde. Der Kampf gegen die Unterdrückung müsse mühsam und täglich geführt werden - aber es zahle sich aus.

Was der Schulbildung im Weg steht

Chamay ist auch für die von CARE betriebenen Mädchenschulen in der Region tätig. Sein Job ist es, als Mann und Respektperson so viele Dorfälteste wie möglich davon zu überzeugen, dass es für Mädchen wichtig ist, eine Schulbildung abzuschließen. Erst wenn es hoch angesehene Fürsprecher in den Communitys gibt, entschließen sich Eltern zu dem großen Schritt. Normalerweise gehen Mädchen, wenn überhaupt, nur so lange zur Schule, bis die Menstruation einsetzt, weil sie danach von den Familien als Arbeitskräfte eingesetzt werden - und außerdem eine Verheiratung ansteht.

„Blöd geredet hat das halbe Dorf“

Ein ganz banales Problem kommt hinzu: An den öffentlichen Schulen gibt es oft keine getrennten Toiletten. Das ist für die Mädchen schon vor der ersten Regel nicht angenehm, danach aber untragbar. Die Drop-out-Rate liegt in manchen Regionen bei knapp 100 Prozent. Es ist also keine leichte Entscheidung für eine Familie, eine Tochter zur Schule zu schicken. Sobhawati Harwan hat sich trotzdem dazu entschlossen. Beim Gespräch mit ORF.at stehen gut 40 Dorfbewohner um sie herum.

Eindrücke aus Nepal

ORF.at/Simon Hadler

Sobhawati Harwan und ihre Tochter Janakowandari

Trotzdem antwortet sie ohne Scheu auf die Frage, wie ihr Umfeld darauf reagiert hat: „Blöd geredet hat das halbe Dorf. Aber das ist mir egal. Ich möchte, dass meine Tochter es einmal besser hat als wir. Wir können ja nicht einmal lesen. Sie soll sich einmal durchsetzen können im Leben.“ Verheiratet werde sie trotzdem - aber erst mit 18, nach der Schule. Ihr Status in der neuen Familie sei dadurch ungleich höher, sie müsse sich dann nicht alles gefallen lassen.

Arbeitskraft und Schülerin

Janakowandari, die Tochter, erzählt von ihrem Schulalltag: um 4.00 Uhr aufstehen, Essen für den Tag vorkochen, die kleinen Geschwister aufwecken und versorgen, danach fast eine Stunde lang in die Schule gehen, wo um 9.00 Uhr der Unterricht beginnt. Nach 16.00 Uhr geht es zurück nach Hause, wo Feldarbeit und Haushalt warten. Mit letzter Kraft werden vor dem Schlafengehen noch Hausaufgaben für die Schule erledigt.

Eindrücke aus Nepal

ORF.at/Simon Hadler

Höherer Status für Frauen durch Fertigkeiten, die in der Schule gelehrt werden

Die Anstrengung zahlt sich aber aus, bestätigen eine Handvoll Mütter und Väter im Gespräch. In der Schule werden nicht nur Lesen, Schreiben, Rechnen und Sprachen gelehrt, sondern auch ganz praktische Dinge, die den Dorfgemeinschaften zugute kommen. Ein Mädchen zeigt daheim vor der Lehmhütte ganz stolz, was sie produziert hat - gemeinsam mit seiner Familie, an die es ihre Fertigkeiten weitergegeben hat: bunte, geflochtene Fächer. Die lassen sich verkaufen, was der Familie Geld bringt. Jemand wie dieses Mädchen ist wertvoll für seine Familie - und steigt deshalb im Ansehen.

Singen und Tanzen als Revolution

In den Mädchenschulen wird ganz bewusst das Selbstwertgefühl der Mädchen gestärkt. Unberührbare Frauen dürfen normalerweise weder singen noch tanzen. Mit leuchtenden Augen erzählt die engagierte Lehrerin Misra Kuanari Thesu, wie sehr ihre Schülerinnen aus sich herausgehen, wenn sie musizieren und sich dazu bewegen dürfen. Normalerweise wäre es eine etwas langweilige Inszenierung, wenn eine Schulklasse vor Journalisten singt. Hier ist es ein Ausdruck außerordentlicher Emanzipation - ein ganz besonderer Moment.

Eindrücke aus Nepal

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Eine Mädchenschule im Süden Nepals: Tanzen als emanzipatorischer Akt

Die Lehrerin sagt, dass sie von den Mädchen als „Didi“, also „große Schwester“, angesprochen wird und eine Anlaufstelle für Probleme aller Art ist. So konnte sie in der Vergangenheit schon die eine oder andere Diskriminierung abstellen und sexuelle Übergriffe verhindern. Schule ist hier für die Mädchen keine lästige Pflicht. Auf die in skeptischem Tonfall gestellte Frage, ob sie gerne in die Schule gehen, antworten 20 Mädchen wie aus der Pistole geschossen mit einem laut hinausgeschrienen „Ja“.

Frauen mit Vorbildfunktion

Ob die Lehrerin der Mädchenschule, die Krankenschwester im Erdbebengebiet oder die Ärztin Manisha Singh, die Leprakranken hilft und erzählt, dass die Krankheit gerade unter Frauen tabuisiert ist und deshalb viel zu selten und oft viel zu spät behandelt wird: Engagierte, berufstätige Frauen wie sie sind für die Mädels große Vorbilder. Es gibt ein Leben jenseits von Knechtschaft und Zwangsheirat. Feldarbeit und, im besten Fall, das Verkaufen von Chips, Süßigkeiten und Früchten in einem staubigen Straßenkiosk müssen nicht das Ende der Fahnenstange sein. Die Devise lautet hier allerorten: nur nicht die Geduld verlieren auf dem langen, steinigen Weg zum Wandel der Gesellschaft.

Simon Hadler, ORF.at, Nepal

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