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„Wir müssen wählen“

Wenige Tage vor der Stichwahl hat sich die im ersten Wahlgang knapp ausgeschiedene unabhängige Hofburg-Kandidatin Irmgard Griss für Alexander Van der Bellen ausgesprochen. Sie habe per Briefwahl Van der Bellen gewählt, sagte Griss am Mittwoch auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Van der Bellen.

Der ehemalige Grünen-Chef, der im ersten Wahlgang deutlich hinter dem FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer lag und deutlich mehr Wählerinnen und Wähler für sich gewinnen muss, konnte Griss als Unterstützerin präsentieren. Griss sagte wörtlich: „Ich habe meine Stimme Van der Bellen bereits gegeben.“

Jüngste Entwicklungen gaben Ausschlag

Die Entwicklungen der letzten Tage hätten sie dazu gebracht, Van der Bellen zu unterstützen, betonte Griss. Sie war mit 19 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang nur zwei Prozentpunkte hinter Van der Bellen auf Platz drei gelandet - noch vor den schwer geschlagenen Kandidaten von SPÖ und ÖVP, Rudolf Hundstorfer und Andreas Khol. Hofer dagegen entschied den ersten Wahlgang mit 35 Prozent mit großem Vorsprung für sich.

Budespräsidentschaftskandidat Van der Bellen und Irmgard Griss

APA/Georg Hochmuth

Griss und Van der Bellen am Mittwoch auf dem Weg zur Pressekonferenz

Es sei eine noch stärkere Polarisierung spürbar, es sei „leider wirklich ein Lagerwahlkampf“ geworden. Auch kritisierte sie „das erschreckend tiefe Niveau, das der Wahlkampf erreicht hat“: Viele Menschen hätten sie angesprochen und gefragt, was sie tun sollen, bzw. angekündigt, ungültig zu wählen, berichtete die frühere Präsidentin des Obersten Gerichtshofs (OGH).

Empfehlung zu wählen

„Ich gebe auch jetzt keine Wahlempfehlung ab“, betonte Griss, „Wahlempfehlungen sind etwas Antiquiertes.“ Sie plädiere aber, zur Wahl zu gehen und seine Stimme abzugeben, also nicht ungültig zu wählen. „Wir müssen wählen.“

Beide Kandidaten - also sowohl Van der Bellen als auch der Freiheitliche Hofer - seien wählbar. Sie selbst habe bereits Van der Bellen gewählt, fügte Griss aber auch hinzu. Sie habe eine Entscheidung getroffen, was ihr wichtig sei, nämlich Weltoffenheit, eine konstruktive Mitarbeit in Europa und keine Abschottung, eine unabhängige Amtsführung und das Gemeinsame über das Trennende zu stellen. Sie glaube, dass Van der Bellen „diesen Kriterien besser gerecht wird“ als Hofer, erläuterte Griss ihre Unterstützung. „Mir geht’s um Österreich.“

„Bin überzeugte Europäerin“

Auf die Frage, was sie an Hofer störe, sagte Griss: „Ich bin eine überzeugte Europäerin“. Die großen Herausforderungen der Zeit könnten nicht von einem Nationalstaat allein bewältigt werden.

Van der Bellen selbst freute die Erklärung der früheren Konkurrentin „ganz besonders“. Er appelliere an die 800.000 Griss-Wähler aus dem ersten Durchgang, sich gut zu überlegen, wer in den kommenden Jahren das Gesicht Österreichs nach außen und innen sein solle. Das Verbindende vor das Trennende zu stellen „ist meine feste Absicht“, versicherte Van der Bellen auch jenen Griss-Wählern, die vielleicht nicht so viel mit ihm anfangen können, etwa wegen seines politischen Hintergrunds.

Griss hatte nach ihrem Ausscheiden zunächst keine Empfehlung für die Stichwahl abgeben wollen. Begründet hatte sie das damit, dass sie niemanden beeinflussen wolle. Sie hatte aber bereits damals nicht ausgeschlossen, sich doch noch zu dieser Frage zu äußern. Sie machte das vom weiteren Verlauf des Wahlkampfs und dem Verhalten der Kandidaten abhängig.

FPÖ kritisiert Griss

Griss habe sich mit ihrem gemeinsamen Auftritt mit Van der Bellen als „Teil des politischen Establishments geoutet“, warf FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl der Ex-Kandidatin vor. „Echte Unabhängigkeit“ sehe anders aus, sagt er und rief im Namen Hofers alle Griss-Wählerinnen und -Wähler dazu auf, am Sonntag für den FPÖ-Kandidaten zu stimmen. Kickl betonte zudem, man könne auch „überzeugter Europäer“ sein, wenn man „Fehlentwicklungen“ aufzeige.

Hofer selbst glaubt, dass Griss’ Unterstützung für Van der Bellen nach hinten losgeht. „Wenn ich die Zusendungen richtig deute, wird mir das helfen“, sagte Hofer am Mittwoch im Ö1-Abendjournal. Er habe, wie er sagte, viele E-Mails von Griss-Wählern erhalten, die meinten, man könne sich auf nichts mehr verlassen.

Karas: Geht um Österreichs Ansehen

Der ÖVP-Delegationsleiter im Europaparlament, Othmar Karas, sprach sich am Mittwoch ebenfalls für Van der Bellen aus. Es gehe bei der Wahl nicht um Van der Bellen oder den FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer. „Es ist ernster! Es geht um die Rolle des Bundespräsidenten nach innen, Österreichs Rolle und Ansehen in Europa und der Welt. Es geht um unser Verständnis von Demokratie, Verantwortung und Mitverantwortung in der Zukunft“, so Karas. Am Vortag hatte sich auch der neue SPÖ-Kanzler Christian Kern klar für Van der Bellen ausgesprochen.

Frauenbewegung gegen FPÖ-Vereinnahmung

Die Katholische Frauenbewegung Österreichs (kfb) sprach sich unterdessen ebenfalls dezidiert dafür aus, am 22. Mai Van der Bellen zu wählen. Die Empfehlung ist eine Reaktion auf die FPÖ-Behauptung, die Katholische Frauenbewegung habe eine Wahlempfehlung für Hofer abgegeben, was diese brüsk zurückweist - mehr dazu in religion.ORF.at.

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