Themenüberblick

18 Mio. Dollar Steuererleichterung

Es ist das größte freistehende Holzbauwerk der Welt: Die „Ark Encounter“ ist ein Themenpark in Form der Arche Noah, 25 Meter hoch und 152 Meter lang. Wie schon der Name vermuten lässt, sollen hier christliche Inhalte vermittelt werden. Geht es nach Initiator Ken Ham, will man damit auch nicht in Konkurrenz zu Disney und Universal treten.

„Wir errichten die Arche nicht als Unterhaltungszentrum“, sagte Ham gegenüber der „New York Times“ („NYT“), „wir verfolgen damit einen religiösen Zweck - schließlich sind wir Christen und wollen die christliche Botschaft verbreiten.“ Ham steht der Organisation Answers in Genesis vor, die ein fundamentalistisches Christentum mit einer ganz besonderen Agenda vertritt: Kreationismus, genauer gesagt Junge-Erde-Kreationismus.

30 Tierpaare und sanitäre Anlagen

Diese Strömung begreift die Bibel, vor allem das 1. Buch Mose, als historisches Dokument und als Tatsachenbericht. In den Augen der Junge-Erde-Kreationisten gab es keinen Urknall, ist die Evolutionstheorie reine Scharlatanerie und wurde die Erde erst vor 6.000 Jahren von Gott geschaffen. Um die Welt diesbezüglich zu bekehren und Gleichgesinnte zu informieren, produziert Ham nicht nur Schulbücher, in denen Evolution geleugnet wird - er gründete 2007 auch das Creation Museum im Norden des US-Bundesstaates Kentucky.

Arche Noah-Nauchbau

Arc Encounter

Die Errichtung der „Ark Encounter“ kostete rund 92 Mio. Euro

45 Autominuten davon entfernt, in Grant County, wird nun am Donnerstag die neue Arche Noah, die das Weiße Haus gleich zweimal beheimaten könnte, eröffnet. Während der biblische Noah 1.400 verschiedene Tierpaare in seinem Holzschiff vor der Flut rettete, müssen sich Ham und sein Team mit lediglich 30 zufrieden geben. Auch die Installation mehrerer Sanitäranlagen entspricht wohl nicht Noahs Originalarche.

Spendengelder, Ramschanleihen, Steuernachlässe

Entgegen erster Pläne zum Themenpark sind die Tiger, Bären, Vögel, Mäuse und was sonst noch so kreucht und fleucht keine lebendigen Exemplare, sondern lediglich mechatronisch bewegte Statuen. Das gilt auch für Noah und seine Familie. Etwas überraschend für die Besucher ist vielleicht der Anblick von zwei Dinosauriern. Dass diese ausgestorben sind, leugnen Kreationisten zwar nicht, obwohl diese ihrer Logik zufolge zur gleichen Zeit wie Menschen lebten. Allerdings wurden die Riesenechsen Opfer der Flut.

Modelle von Dinosauriern

Arc Encounter

Auch Dinosaurier werden auf der neuen Arche Noah zu sehen sein

102 Millionen Dollar (rund 92 Mio. Euro) verschlang der Bau der Website Christian Today zufolge. Finanziert wurde „Ark Encounter“ von einem Mix aus Spendengeldern, Ramschanleihen und Steuernachlässen seitens des Staates Kentucky. Letzteres sorgte für Unbill: Denn erst nachdem der Staat der „Süddeutschen Zeitung“ („SZ“) zufolge etwas voreilig 18 Millionen Dollar (rund 16 Mio. Euro) an Steuererleichterung gewährte, wurden die Arbeitsverträge in der Arche bekannt.

Mitarbeiter zu „Glaubensbekenntnis“ genötigt

Zwar wurde das Schiff selbst von amischen Holzarbeitern erbaut - ansonsten dürfen auf der Arche jedoch nur Menschen arbeiten, die ein „Glaubensbekenntnis“ unterzeichnen. Darin müssen sie bestätigen, dass sie keineswegs homosexuell sind, keinen Sex vor der Ehe haben (so sie nicht ohnehin schon verheiratet sind) und selbstverständlich, dass sie die kreationistische Weltanschauung teilen.

Nach Bekanntgabe der Arbeitsverträge wollte Kentucky die Steuernachlässe rückgängig machen. Ham ging vor Gericht, berief sich auf die im ersten Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten festgeschrieben Religions- und Meinungsfreiheit - und bekam Recht. Der Staat Kentucky muss nun also gegen seinen Willen ein religiöses Minderheitenprogramm subventionieren, das mit diskriminierenden Mitteln arbeitet.

Neue Arche Noah als Warnung

Die Umtriebe von Ham und seiner Organisation Answers in Genesis missfallen auch einer anderen Gruppe. Ein örtlicher atheistischer Verband, die Tri-State Freethinkers, wird am Eröffnungstag gegen den Themenpark demonstrieren. „Die Moral der Flutgeschichte ist entsetzlich“, so Jim Helton, Präsident der Freethinkers zur „NYT“, „wir sagen nicht, dass sie diesen Park nicht bauen können. Aber wir glauben nicht, dass er für einen Familientag geeignet ist.“

Ken Ham vor dem Arche Noah-Nachbau

Arc Encounter

Ken Ham ist Initiator des in einer Arche untergebrachten Themenparks

Schließlich sieht Ham die „Ark Encounter“ auch als Warnung. Der Bibel zufolge schickte Gott zur Zeit Noahs eine Sintflut, um ein durch und durch verdorbenes Volk auszulöschen (für die Junge-Erde-Kreationisten war das vor 4.500 Jahren) - all jenen, die heute die Bibel missachten, die Abtreibung, Atheismus und gleichgeschlechtliche Ehe hinnehmen, drohe ein ähnliches Schicksal. „Wir nähern uns insofern wieder dieser Zeit, da wir eine steigende kulturelle Säkularisierung beobachten“, so Ham gegenüber der „NYT“.

William Trollinger, Historiker an der University of Dayton, beschäftigte sich eingehend mit Hams Museum, seiner Website und seinen Blogs: „Er ruft Christen auf, an einem Kulturkrieg teilzunehmen. Er sagt, wenn man wirklich Christ sein will, befindet man sich in einem Krieg gegen den atheistischen, humanistischen Feind“, so Trollinger laut der „NYT“.

Blütezeit und Turmbau zu Babel

Noah und seine Familie werden in dem überdimensonierten Boot übrigens als eine Mischung aller Rassen mit einem mittelbraunen Hautton dargestellt: Schließlich sollen wir ja alle, so die Theorie der Junge-Erde-Kreationisten, von ihnen abstammen.

Von der Erlebniswelt „Ark Encounter“ - die in einer weiteren Bauphase um ein Modell des Turmbaus zu Babel sowie zwei antike Städte ergänzt werden soll - verspricht sich die seit 60 Jahren bestehende Bewegung jedenfalls eine noch nie da gewesene Blütezeit.

Links: