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Nizza: Terrorhintergrund gilt als sicher

Nach dem schweren Anschlag in Nizza hat der französische Innenminister Bernard Cazeneuve am Samstag alle „willigen patriotischen Bürger“ zum Reservedienst bei den Sicherheitskräften aufgerufen. Der Appell richte sich an französische Staatsbürger mit und ohne militärische Ausbildung und ebenso an ehemalige Soldaten.

Jeder, der wolle, könne sich der operativen Reserve anschließen, sagte Cazeneuve am Samstag. Derzeit besteht die Truppe aus 12.000 Freiwilligen, die sich aus der nationalen Gendarmerie und der Polizei rekrutieren. Auf diese Truppe, die schnell mobilisierbar sei, könnten die Präfekten je nach Ereignissen und zur Sicherung von Orten und Veranstaltungen zurückgreifen.

Präsenz soll im ganzen Land ausgebaut werden

Präsident Francois Hollande hatte sich bereits am Freitag dafür ausgesprochen, die Reihen der Polizei und Gendarmerie zu stärken. „Wir werden die Präsenz der Sicherheitskräfte im Land ausbauen“, sagte Cazeneuve.

In Nizza war ein 31-jähriger Tunesier am späten Donnerstagabend kurz nach dem Feuerwerk zum französischen Nationalfeiertag auf der Strandpromenade mit einem Lastwagen durch eine Menschenmenge gefahren und hatte dabei mindestens 84 Menschen getötet und zahlreiche weitere zum Teil lebensgefährlich verletzt, bevor Polizisten ihn erschossen.

Küstenboulevard ab Montag wieder zugänglich

Vier Tage nach dem Anschlag soll der Küstenboulevard Promenade des Anglais am Montag wieder ganz geöffnet werden. Nach der Schweigeminute zu Mittag werde der etwa einen Kilometer lange, noch gesperrte Abschnitt wieder für den Verkehr freigegeben, teilte die Stadtverwaltung laut der Nachrichtenagentur AFP am Samstag mit.

Attentäter „schnell radikalisiert“

Die Ermittlungsbehörden, und auch die französische Regierung, gehen inzwischen davon aus, dass der mutmaßliche Attentäter terroristische Motive hatte. Er war nicht als Extremist bekannt, habe sich aber offenbar sehr rasch von radikalislamischen Ideen anstiften lassen.

Nachdem erst am Samstag die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) indirekt über ihr Propagandasprachrohr, die „Nachrichtenagentur“ Amaq, die Verantwortung für den Anschlag am Donnerstagabend mit über 80 Toten übernommen hatte, meldete sich auch die Regierungsspitze nochmals zu Wort.

Cazeneuve sprach nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts in Paris von einem „neuartigen Anschlag“, der die „extremen Schwierigkeiten im Kampf gegen den Terrorismus“ zeige. Eine Mitgliedschaft des Täters in der Dschihadistenmiliz IS bestätigte Cazeneuve nicht.

Propaganda oder tatsächliche Drahtzieherschaft

Der gebürtige Tunesier sei allerdings ein Beispiel für „Einzelpersonen, die empfänglich für die Botschaften des IS sind und äußerst gewaltsame Taten begehen, ohne notwendigerweise an Kämpfen teilgenommen zu haben oder ausgebildet worden zu sein“, sagte Cazeneuve.

Maskierte Ermittler bei Wohnung des Attentäters

APA/AFP/Luca Bruno

Mehrere Razzien im Umfeld des getöteten Attentäters

Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian fügte hinzu, der IS habe die Tat mit seinen Appellen womöglich „inspiriert“. Der IS hatte zuvor via Amaq News Agency verlautbaren lassen, der mutmaßliche Attentäter, der 31-jährige Mohammed Lahouaiej Bouhlel, sei ein „Soldat“ aus seinen Reihen gewesen. Er wurde nach dem Anschlag erschossen.

Mehrere Festnahmen im Umfeld

Schon am Freitag hatte sich auch Ministerpräsident Manuel Valls in einem Interview mit dem Sender France 2 überzeugt gezeigt: Der Täter habe wohl „in der einen oder anderen Form“ Kontakt zum radikalen Islam gehabt. Er sei sich sicher, dass es sich bei dem Angriff um einen Akt des Terrors handelte.

Blumen am tatort in Nizza

APA/AFP/Giuseppe Cacace

Blumen, Briefe und Kerzen am Ort des Anschlags

Auch Staatsanwalt Francois Molins erkannte eindeutige Hinweise: „Die Art des Vorgehens entspricht aber weitestgehend den Mordaufrufen terroristischer Organisationen in Zeitschriften und Videos.“ Die Ermittlungen konzentrierten sich darauf, ob der Täter einer Extremistenorganisation angehört habe und Komplizen gehabt habe. Offenbar gehen die Behörden davon aus.

Wie die französische Nachrichtenagentur AFP berichtete, wurden inzwischen mehrere Personen aus dem Umfeld des mutmaßlichen Attentäters zur Vernehmung festgenommen. Am Sonntag kam es erneut zur Festnahme von zwei Personen. Zuvor hatte auch Präsident Francois Hollande bereits von einem eindeutigen „terroristischen Charakter“ der Tat gesprochen. Vorwürfe, die Sicherheitskräfte hätten versagt, wies Valls zurück.

Zuvor nicht als Islamist unter Verdacht

Fest steht jedenfalls, dass Mohammed Lahouaiej Bouhlel, der am Donnerstagabend während der Feiern zum französischen Nationalfeiertag mit einem gemieteten Lastwagen in eine Menschenmenge an der Strandpromenade von Nizza gerast war, weder den französischen Geheimdiensten noch seinem persönlichen Umfeld als Anhänger des radikalen Islamismus bekannt war. Er fand sich in keiner entsprechenden Datei, wie auch Staatsanwalt Molins bestätigte.

Ausweiskopie von Mohamed Lahouaiej Bouhlel

APA/AFP/French Police Force

Faksimile des Ausweises von Lahouaiej Bouhlel

Dafür war er aber dem Anwalt zufolge Polizei und Justiz seit 2010 wegen zahlreicher Drohungen, Gewalttaten, Diebstähle und Sachbeschädigung bekannt. Erst im März wurde Lahouaiej Bouhlel, der als Lieferant arbeitete, zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt - wegen einer gewaltsamen Auseinandersetzung.

„Er betete nicht, er fastete nicht, er trank Alkohol“

Dabei ging es nach Angaben der französischen Behörden um einen Streit nach einem Verkehrsunfall, bei dem der Mann eine Holzpalette auf seinen Kontrahenten geworfen habe. Nachbarn berichteten, dass er teilweise sehr aggressiv gewesen sei und seine Frau - sie befindet sich mittlerweile in Polizeigewahrsam - misshandelt habe. Generell wurde er als schweigsam und verschlossen beschrieben.

Sein Vater sagte gegenüber der AFP, dass sein Sohn zwischen 2002 und 2004 auch einen Nervenzusammenbruch erlitten habe. „Er wurde cholerisch, er schrie, schlug alles kaputt, was er fand“, sagte Mohammed Mondher Lahouaiej Bouhlel an seinem Wohnort im Osten Tunesiens. Er versicherte aber, dass sein Sohn nicht religiös gewesen sei. „Er betete nicht, er fastete nicht, er trank Alkohol und nahm sogar Drogen“, sagte der Vater.

Mehrere Razzien in Nizza

Den Angaben des Staatsanwalts zufolge wurde im Lkw ein Ausweis gefunden. Das Fahrzeug habe Lahouaiej Bouhlel am 11. Juli gemietet. Der spätere Täter sei allein mit dem Fahrrad gekommen, der Leihvertrag sei bis 13. Juli abgeschlossen worden, einen Tag vor dem Anschlag. Das Fahrrad sei im Laderaum des Lkws sichergestellt worden.

Wohnung des Attentäters

APA/AFP/Luca Bruno

Die Wohnung des Attentäters

Am Freitag fanden in Nizza mehrere Polizeioperationen statt. Durchsucht wurde auch die Wohnung des mutmaßlichen Attentäters. Nur wenige Meter von der Wohnung entfernt nahm ein Entminungsteam seine Arbeit auf. Ziel des Einsatzes seien Mietwagen, berichtete die Regionalzeitung „Nice-Matin“. Zwei umliegende Gebäude seien evakuiert worden. Laut der Zeitung wurde ein verdächtiges Paket gesprengt. Die Nachrichtenagentur AP berichtete, dass auch der Flughafen von Nizza kurzzeitig geräumt wurde. Ursache für den Einsatz sei wahrscheinlich ebenfalls ein verdächtiges Paket gewesen, meldete die Tageszeitung „Liberation“.

In feiernde Menge gerast

Der Anschlag hatte sich am Donnerstagabend gegen 23.00 Uhr während des traditionellen Feuerwerks zum Nationalfeiertag auf der berühmten Uferstraße Promenade des Anglais ereignet. Auf dieser sollen sich zum Zeitpunkt des Attentats an die 30.000 Personen aufgehalten haben. Der Täter raste mit einem 19 Tonnen schweren Lkw durch die Menschenmenge und konnte erst nach zwei Kilometern durch Schüsse der Polizei gestoppt werden.

Karte zeigt Anschlagsort in Nizza

Grafik: Omniscale/OSM/APA/ORF.at; Quelle: New York Times

Der Pariser Eiffelturm leuchtet in Gedenken an die Opfer von Nizza in den Farben der französischen Flagge Blau-Weiß-Rot. Die Beleuchtung werde während der gesamten dreitägigen Staatstrauer bleiben, wie die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo sagte. Präsident Hollande hatte am Freitag die Staatstrauer angeordnet, die am Samstag begann.

Zahl der Verletzten auf über 300 korrigiert

Bei dem Attentat wurden mindestens 84 Menschen getötet, über 300 wurden verletzt. Rund 100 Menschen seien mit ihren Verwundungen erst am Freitag in die Krankenhäuser in Nizza und Umgebung gekommen, teilte das französische Gesundheitsministerium am Samstag mit. Zunächst war von etwa 200 Verletzten berichtet worden. Insgesamt befanden sich nach diesen Angaben noch etwa 120 Menschen in Krankenhäusern, 18 von ihnen schweben in Lebensgefahr, darunter auch ein Kind.

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