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Alles gar nicht so neu

Das eine fröhlich knallbunt, das andere in schwarz-blau-grüner Optik: Rein äußerlich sehen einander „Pokemon Go“ und „Ingress“ auf den ersten Blick nicht wirklich ähnlich. Blickt man allerdings an der Fassade vorbei, wird schnell klar, dass vieles vom dem, was „Pokemon Go“ ausmacht und was daran auch für Kritik sorgt, schon einmal da war.

Das als Google-Tochterfirma gegründete Entwicklerstudio Niantic warf 2013 mit „Ingress“ das erste wirkliche Augmented-Reality-Spiel auf den Markt. Drei Jahre später sorgte die Firma mit "Pokemon Go“ für ein Massenphänomen – das sich allerdings in Sachen Spielmechanik, Optik und Technik im Hintergrund zu weiten Teilen auf seinen Quasivorgänger stützt.

Portale und „Pokestops“

Zuallererst eint die beiden Spiele das Prinzip der Standortermittlung - man geht durch die reale Welt, auf dem Smartphone ist eine rudimentäre, auf Google Maps basierende Umgebungskarte zu sehen, mit der agiert wird. In beiden Spielen geht es um die Aufweichung der Grenzen zwischen realer und virtueller Welt.

Die App "Pokemon Go" und "Ingress" im Vergleich

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Ungleiche Brüder: Links „Pokemon Go“, rechts „Ingress“

Im Spiel selbst fängt man in „Pokemon Go“ Monster, misst sich in Arenen und holt sich bei „Pokestops“ Items. In „Ingress“ hingegen rittert man für sein Lager um virtuelle Portale, die eine fiktive, neuartige Energie namens „Exotic Matter“ verströmen. Das tut man in beiden Fällen an prägnanten Plätzen in der realen Welt, bei speziellen Gebäuden, Statuen, Kunstwerken oder Monumenten. „Pokemon Go“ greift dabei zu großen Teilen auf das Datenmaterial von „Ingress“ zurück. Das bedeutet: Schon Jahre bevor in Pokemon-Arenen gekämpft wurde, tummelten sich an diesen Orten schon „Ingress“-Spieler und sicherten Portale für ihre Fraktion.

Grund für pikante Arenen und „Pokestops“

„Ingress“ ist als globales Spiel konzipiert. Angesichts dessen erscheint es logisch, dass nicht jedes Portal per Hand eingepflegt wurde. Die Basis an Datenmaterial für die Punkte zog Niantic in den frühen Zeiten des Spiels aus Google Maps. Der Kartendienst kennt schon lange nicht mehr nur Straßennamen und Geodaten, sondern auch zahlreiche Points of Interest („POI“). Viele von ihnen, vor allem Sehenswürdigkeiten, wurden zu „Ingress“-Portalen. Unter diesen „POI“ befinden sich aber auch belastete oder sensible Plätze wie Kriegsdenkmäler, ehemalige Konzentrationslager, Friedhöfe, Gräber und religiöse Orte, die als historische Stätten ihren Weg ins Spiel fanden.

Sehenswürdigkeit in der App "Pokemon Go" und "Ingress" im Vergleich

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Das Franz-Schubert-Haus in Wien: Im einem Spiel „Pokestop“, im anderen „Ingress“-Portal

Zum anderen gab Niantic Spielern bis September letzten Jahres die Möglichkeit, bemerkenswerte Plätze für Portale zu nominieren. Bis Juli dieses Jahres wurden 15 Millionen Orte vorgeschlagen, fünf Millionen fanden tatsächlich ihren Weg ins Spiel. Damit baute sich Niantic nicht nur die Basis für die Veröffentlichung von „Pokemon Go“, man ließ auch die Spieler Datenmaterial sowohl für „Ingress“ als auch für Google Maps selbst generieren. Wenn „Ingress“-Nutzer heute raunen, das Spiel sei nur „ein Prototyp für Größeres“ gewesen, haben sie damit wohl nicht unrecht.

Faktor Schwarmintelligenz

Problematisch ist allerdings, dass bei der Selektion der Portale wenig wählerisch vorgegangen wurde. Besonders in ländlicheren Gegenden mit geringer Denkmaldichte fanden dadurch einerseits viele Gräber, andererseits so gar nicht denkwürdige Objekte wie Aschenbecher, Fahrradständer und Stripclubs als „Denkmäler“ ihren Weg in „Ingress“ und nun auch „Pokemon Go“. Die Löschung von unangemessenen Orten kann übrigens auf der Homepage von Niantic beantragt werden.

Das Spielen an sensiblen oder unangemessen Plätzen sorgte in den letzten Tagen immer wieder für Schlagzeilen. Mehrere Holocaust-Gedenkstätten baten ihre Besucher darum, das „Pokemon Go“-Spielen dort zu hinterlassen. Ein hiesiges Beispiel ist das Mahnmal für die Opfer des Dritten Reichs auf dem Zentralfriedhof in Graz. Bürgermeiste Siegfried Nagl (ÖVP) beantragte die Löschung der Pokemon-Arena bei dem Monument - mehr dazu in steiermark.ORF.at. Auch der Wiener Zentralfriedhof bat kürzlich „Pokemon Go“-Spieler um Pietät - mehr dazu in wien.ORF.at.

Vor „Pokemon Go“ wenig Aufregung

Bereits vor der Veröffentlichung der Monsterjagd-App wurden unangemessene Spielorte thematisiert - allerdings im kleinen Rahmen. Im vergangenen Jahr berichtete das „Zeit-Magazin“, dass Niantic Portale an Holocaust-Gedenkstätten und ehemaligen Konzentrationslagern, unter anderem auch im KZ Mauthausen, installiert hatte. Niantic ließ die von Usern beantragen Portale nach Beschwerden löschen. Im Vergleich zu der Kontroverse, die „Pokemon Go“ auslöst, hielt sich der Protest beim Nischenprodukt „Ingress“ aber in Grenzen.

Pokémon-Spieler im Wiener Stadtpark

ORF.at/Florian Schlögl

20.00 Uhr im Wiener Stadtpark: „Pokemon Go“ mobilisiert

Und Nischenprodukt ist hier wohl auch das Stichwort: Die Probleme mit „Pokemon Go“-Spielen an fragwürdigen Orten ergeben sich wohl einerseits an der großen Menge an Menschen, die sich zur kollektiven Monsterjagd versammeln, andererseits an der großen Publicity des Spiels. Diese wird dadurch gespeist, dass sich die bedenklichen Vorfälle während des Pokemon-Jagens ungebrochen häufen.

Warnung in Japan zum Start

Immer wieder kommt es zu Unfällen und Polizeieinsätzen, etwa im Fall eines 17-jährigen Esten, der während der Monsterjagd aus einem Fenster im zweiten Stock sprang. In Deutschland wurde jüngst ein betrunkener „Pokemon Go“-Spieler von der Autobahn gefischt. In Wien soll es indes zum Vandalismus durch „Pokemon Go“-Spieler gekommen sein: Das Johann-Strauß-Denkmal im Wiener Stadtpark sei mit Schriftzügen beschmiert worden, die sich auf das Spiel beziehen - mehr dazu in wien.ORF.at.

In Japan, dem Heimatland der Pokemon, ging das Spiel am Freitag an den Start. Bereits vorsorglich ermahnte die Regierung Spieler zu erhöhter Vorsicht und gutem Benehmen: „Wenn man sich ansieht, was in Übersee passiert ist, sollten die Leute ihre Smartphones sicher benutzen.“

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