Ex-Premier: Türkei fühlt sich von Europa im Stich gelassen

Der frühere türkische Ministerpräsident Mesut Yilmaz hat die Haltung der EU und insbesondere Österreichs gegenüber seinem Land nach dem fehlgeschlagenen Militärputsch scharf kritisiert. Sein Land fühle sich von Europa im Stich gelassen, die Türkei sei nur um Haaresbreite einer Katastrophe entgangen, sagte der Kritiker von Präsident Recep Tayyip Erdogan gestern Abend in der ZIB2.

Türkischer Ex-Regierungschef Yilmaz im Interview

„Die Türkei fühlt sich von Europa und den USA im Stich gelassen“, sagt Mesut Yilmaz.

Er habe immer die Demokratie als europäische Tugend erachtet, deshalb erwarte er sich Solidarität mit dem türkischen Volk, betonte Yilmaz. Erdogan sei eine zentrale Figur bei der Niederschlagung des Putsches gewesen, er habe nun hohes Ansehen, auch bei seinen Kritikern. Der erste Gratulant an die Türkei nach dem Scheitern des Putschversuchs sei bezeichnenderweise der russische Präsident Wladimir Putin gewesen.

Kritik an Haltung Österreichs

Als „sehr bedauerlich“ bezeichnete Yilmaz die österreichische Forderung nach einem Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen. Dies sei die „kurzsichtigste“ und „undurchdachteste Reaktion“ gewesen. Yilmaz räumte ein, dass sich die Beitrittsverhandlungen derzeit in einer Sackgasse befinden, dies sei aber nicht allein die Schuld der Türkei. So verwies er auch auf Forderungen in EU-Ländern wie Österreich, vor einem Beitritt der Türkei einen Volksentscheid durchzuführen.

Yilmaz, früherer Chef der Mitte-rechts-Partei ANAP und Schüler am österreichischen St.-Georgs-Kolleg in Istanbul, hatte am Mittwoch in einem Gastkommentar in der „Presse“ geschrieben, am 15. Juli habe sich das türkische Volk bewusst dafür entschieden, „gemeinsam für eine demokratische Zukunft zu kämpfen sowie den Panzern der Putschisten entgegenzutreten. Das wird in Europa nicht entsprechend gewürdigt.“

Fast 650 türkische Juristen zur Fahndung ausgeschrieben

Nach dem Putschversuch in der Türkei wurden indes nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu 648 Richter und Staatsanwälte zur Fahndung ausgeschrieben. Die Staatsanwaltschaft ermittle wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation, meldete Anadolu. Sie seien bereits vom Dienst suspendiert worden. Alle Betroffenen gehörten dem Hohen Rat der Richter und Staatsanwälte (HSYK) an.

Nach Angaben der türkischen Behörden wurden in Zusammenhang mit dem fehlgeschlagenen Putschversuch insgesamt 35.022 Personen festgenommen. Rund die Hälfte davon - 17.740 Menschen - befänden sich formell in Untersuchungshaft. Weitere 11.597 seien freigelassen worden, 5.685 würden weiter festgehalten, teilte ein Behördenvertreter mit.