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Seltsamkeit mit Kalkül?

Mitte August hat Russlands Präsident Wladimir Putin seinen langjährigen Vertrauten Sergej Iwanow als Stabschef entlassen. Der Schritt kam für viele überraschend und befeuerte Spekulationen über politische Säuberungen Putins. Nicht weniger Rätsel gab in der vergangenen Woche aber die Bestellung von Iwanows Nachfolger auf - beziehungsweise dessen „wissenschaftliche“ Vergangenheit.

Der 44-jährige Anton Waino war bisher öffentlich kaum in Erscheinung getreten und galt Beobachtern vor allem als treuer Parteisoldat. So liest sich zumindest der offizielle Lebenslauf des in Estland geborenen Waino. 1996 schloss er am Staatlichen Moskauer Institut für Internationale Beziehungen sein Studium ab. In der Folge arbeitete er sich – mit Zwischenstation in der russischen Botschaft in Tokio - sukzessive im russischen Staatsapparat nach oben und näher an Putin heran.

Der russische Präsident Wladimir Putin mit seinem neuen und seinem alten Stabschef

APA/AFP/Alexei Druzhinin

Iwanow (li.) ist als Stabschef Geschichte. Putin ersetzte ihn durch Waino (re.).

Von 2008 bis 2011 war er etwa Protokollchef des russischen Ministerpräsidenten – genau zu jener Zeit, als Putin dieses Amt bekleidete. Mit diesem wechselte er 2012 zurück in das Präsidialamt. Alles in allem also die Bilderbuchkarriere eines politischen Günstlings.

Ein Artikel gibt Rätsel auf

Doch mit Wainos nunmehrigem Aufstieg in eines der höchsten Ämter des russischen Staates schauten manche noch einmal genauer hin – und wurden in der jüngeren Vergangenheit tatsächlich fündig: 2012 erschien in der russischen Fachzeitschrift „Fragen der Wirtschaft und des Rechts“ ein 29-seitiger Artikel mit dem Titel „Die Kapitalisierung der Zukunft“. Dessen Autor: A. E. Waino. Für die meisten Beobachter war schnell klar: Dabei muss es sich um den neuen Leiter der russischen Präsidialverwaltung handeln (Wainos zweiter Vorname ist tatsächlich Eduardowitsch).

So kryptisch sich der Titel des Aufsatzes liest, so verwirrend soll der ganze Text sein. Laut russischen Kommentatoren ist er kaum zu verstehen. Das russischsprachige BBC Russian Service sprach von einer „dichten akademischen Prosa“. Was sich aus dem schwer zugänglichen Text laut Medien herauslesen lässt, ist allerdings nicht weniger verwirrend. Begleitet von komplizierten Diagrammen skizziert Waino darin angeblich neue Wege, um eine zunehmend komplexere Gesellschaft zu verstehen und zu organisieren.

Obskures Gerät mit noch obskurerem Zweck

Möglich machen soll das ein Gerät namens „Nooskop“. Mit diesem lässt sich laut Waino das „Kollektivbewusstsein der Menschheit“ beobachten. Das „Nooskop“ registriere „neben anderen Dingen das Unsichtbare“, heißt es. Und es könne die „Veränderung der Biosphäre und menschlicher Aktivitäten“ entdecken. Und anderer Stelle nicht weniger obskur: „Das sensorische Netzwerk des Nooskop, das von neuartigen Bankkarten bis zu ‚Smart Dust‘ reicht, identifiziert geradewegs Ko-Existenz in Zeit und Raum.“

Laut dem Artikel sind 50 Patente mit dem Gerät verknüpft. Doch wie sieht es aus? Was tut es genau? Diese Fragen lässt der Artikel unbeantwortet, und sie beschäftigten diese Woche viele in Russland. Vor allem in Sozialen Medien wurde ausgiebig darüber diskutiert – vor allem machten sich viele darüber lustig.

So bedeutsam wie das Teleskop?

Auch eine Reihe traditioneller Medien nahm sich der Sache an. BBC Russian Service nahm etwa Kontakt mit dem Wirtschaftswissenschaftler und Geschäftsmann Viktor Sarajew auf. Er ist bei zahlreichen Artikeln Wainos als Ko-Autor angeführt. Laut ihm handelt es sich bei dem „Nooskop“ um „ein Gerät, das Transaktionen zwischen Menschen, Dingen und Geld analysiert“. Und es sei von ähnlicher Bedeutung wie das Teleskop oder das Mikroskop.

Allein, ob es denn bereits existiere, erst entwickelt werde oder überhaupt nur auf dem Papier des Artikels existiere, erfuhr BBC Russia nicht. Vielleicht hält es Sarajew ja aber auch mit Wainos Solipsismus, also der Theorie, dass jede Wirklichkeit nur Fiktion ist. Zum Abschluss des Artikels schreibt Waino: „Es gibt keinen Weg zu beweisen, dass die uns vertraute Welt – die Welt, die wird durch Sehen, Hören und Berührung kennen – tatsächlich oder nur in unserer Einbildung existiert.“

„Semi-mystische Begriffe und Fakten“

Ganz sicher sind sich freilich zahlreiche Wissenschaftler in ihrem Urteil: Der Artikel habe nichts mit Wissenschaft zu tun, sagte Kirill Martinow gegenüber der „Moscow Times“. „Es ist nicht einmal klar, in welches wissenschaftliche Feld wir es einordnen können. Im Grunde ist es Unsinn“, so der Philosophieprofessor an der Moskauer Hochschule für Wirtschaftswissenschaften. Der Artikel verwende „semi-mystische Begriffe und Fakten“, die nicht überprüfbar seien, so die weitere Kritik.

So ist schon das Konzept der Noosphäre, auf das sich Waino mit seinem „Nooskop“ bezieht, wissenschaftlich umstritten. Der Begriff (eine Kombination aus den altgriechischen Wörtern für Verstand und Hülle) hat seine Ursprünge in der Arbeit des russischen Geologen, Geochemikers und Mineralogen Wladimir Iwanowitsch Wernadski in den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Für Wernadski war die Noosphäre das kollektive menschliche Bewusstsein und damit die nächste globale Entwicklung nach der Biosphäre, also des organischen Lebens auf der Erde. Zwar fand der Begriff in jüngerer Zeit in der Medientheorie wieder vereinzelt Verwendung. Breitere wissenschaftliche Verbreitung blieb dem von Wernadski entwickelten Modell aber verwehrt.

„Ohne Zweifel Grund zur Beunruhigung“

Auch Martinows Professorenkollegen Simon Kordonsksi und Witali Kourennoi äußerten sich gegenüber BBC Russia äußerst kritisch. Wainos Artikel „enthält keine Wissenschaft“, sagte Kordonski. Für Kourennoi ist das aber kein Grund, die dahinterstehende Motivation nicht ernst zu nehmen. „Wenn wir den Artikel im Hinblick auf seine Bedeutung anschauen, dann gibt er ohne Zweifel Grund zur Beunruhigung“, so der Philosophieprofessor zu BBC Russia.

Für Kourenoi präsentiert er „eine Art allumfassendes Regierungssystem, das von hochrangigen Beamten durchgesetzt werden muss“. Oder in anderen Worten: Das „Nooskop“ mag ein absurdes Hirngespinst sein. Die dahinter stehenden Ideen sind es womöglich nicht. Ihren Urheber hat Putin nun in eines der höchsten Ämter des russischen Staates geholt.

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