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Rekrutierung in Gefängnissen und im Netz

Islam, Demokratie und religiöse Toleranz würden in seinem Land quasi mustergültig Hand in Hand gehen, hat der indonesische Präsident Joko Widodo bei einem Besuch in Brüssel im April erklärt. Das Land ist aber, wie auch Malaysia und die Philippinen, den Bedrohungen durch den radikalen Extremismus islamistischer Gruppierungen ausgesetzt.

In Indonesien, dem größten muslimischen Land der Welt, ist der Islam keine Staatsreligion, auch wenn 88 Prozent der 240 Millionen Einwohner Muslime sind. Die meisten sind Sunniten, eine Richtung, der in fundamentalistischer Auslegung etwa auch die Terrormiliz Islamische Staat (IS) folgt.

Auch wenn US-Präsident Barack Obama und andere westliche Staatschefs von einer „muslimischen Musterdemokratie“ sprechen, entsprechen Gesetzeslage und Alltagsleben in Indonesien - angesichts von sehr strengen, teils schariaähnlichen Gesetzen in vielen Provinzen des Landes und der oftmals verhängten Todesstrafe - nicht wirklich dem westlichen Demokratieverständnis.

Öffentliche Züchtigung in Indonesien

APA/AFP/Chaideer Mahyuddin

Nicht überall in Indonesien wird der Islam moderat ausgelegt: In der Provinz Aceh wurde 2001 die Scharia eingeführt

Islamistengruppen in Indonesien nicht homogen

„Der indonesische Islam ist kein wütender Islam“, betont Widodo immer wieder. Und auch wenn Analysten häufig loben, dass die Anti-Terror-Einheiten der indonesischen Regierung militante Zellen sehr gut im Griff haben, versucht der IS dennoch verstärkt in Indonesien Fuß zu fassen. Erfolge der Terrormiliz im Sinne territorialer Gewinne seien, so eine Analyse des in Jakarta ansässigen Institute for Policy Analysis of Conflict (IPAC) unwahrscheinlich, vor allem weil die islamistischen Kräfte im Inselstaat in sich mehrfach gespalten seien.

Schild zeigt gesuchte Terroristen

Reuters/Randy Fabi

Per Plakatwände sucht man in Indonesien mutmaßliche Islamisten

Laut „Süddeutscher Zeitung“ zogen 2015 ungefähr 500 bis 700 Dschihadisten von Indonesien nach Syrien und in den Irak - in etwa so viel wie aus Großbritannien oder Deutschland und damit im Verhältnis vergleichsweise wenig. Gegen Rückkehrer und islamistische Zellen im Land gehen die Behörden mit Anti-Terror-Gesetzen, die nach den Anschlägen von Bali mit 202 Toten im Oktober 2002 beschlossen wurden, hart vor.

Indonesischer Dschihadist als Anschlagsdrahtzieher

Immer wieder wird über die erfolgreiche Zerschlagung von extremen Vereinigungen berichtet, so wie erst unlängst, als die Regierung erklärte, einen Anschlag indonesischer Islamisten in Singapur vereitelt zu haben. Als Drahtzieher gelte der indonesische Dschihadist Bahrun Naim, er soll auch die blutigen Anschläge in Jakarta im Jänner von Syrien aus gelenkt haben.

Doch gerade die hohe Zahl an Inhaftierungen von mutmaßlichen Islamisten mache die Gefängnisse zu einem idealen Rekrutierungsort, so die IPAC-Analyse. Auch die Verbreitung radikalen Gedankenguts im Internet via Soziale Netzwerke sei ein von den Behörden ernstgenommenes Problem, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“ („SZ“). Vor allem junge Menschen würden so angesprochen.

„Die senden auf allen Kanälen“

„Die senden und werben auf allen Kanälen, machen flotte Videos“, wird Syafi Ali, Chef der Onlineabteilung von Nahdlatul Ulama, des größten islamischen Verbandes des Landes, zitiert. Seine Organisation, deren Name auf Deutsch „Wiedererwachen der Gelehrten“ bedeutet, wurde 1926 gegründet, weil traditionelle Geistliche im damaligen Niederländisch-Ostindien die Ausbreitung des radikalen Wahabismus oder Salafismus aus Saudi-Arabien befürchteten. Mit 40 Millionen Anhängern ist sie heute die weltgrößte Sunnitenorganisation.

In einem rund 500-köpfigen Team versucht Ali der Internetstrategie der Islamisten „die Botschaft eines friedfertigen Islam“ entgegenzusetzen. „Wir lassen nicht zu, dass diese Hassprediger den Islam für ihre Zwecke kapern“, so Ali.

Der Politologe Bahtiar Effendi erklärte gegenüber der „SZ“ die Schwächen im indonesischen Abwehrkampf. Er vermisse eine „klare nationale Strategie“ und eine Aufklärung der Bevölkerung seitens des Staates. Vor allem bei der Einschätzung der Gefahr gebe es fundamentale Unterschiede - das mache es schwer, „auf breiter Front aufkeimenden Extremismus einzudämmen“.

Starke Wirtschaft als Schutz gegen Extremismus

Die effizienteste Strategie, da sind sich Experten einig, ist eine Stärkung der Wirtschaft und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Bahtiar Effendi verweist in der „SZ“ auf die Vita der bekannten Islamisten - es falle auf, „dass ihnen fast immer die wirtschaftliche Perspektive fehlte“. Viele seien nach Syrien gezogen, weil ihnen dort ein gutes Einkommen versprochen worden sei. „Wer sich zu Hause eine Existenz aufbauen kann, ist für solche falschen Verlockungen viel weniger anfällig.“

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