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„Alt, aber gut“

The Who haben in der Wiener Stadthalle zu ihrer eigenen „Magical Mystery Tour“ eingeladen - und es wurde alles andere als ein Seniorenausflug. Auf ihrer Abschiedstournee präsentierte sich die Band als beschwingte Institution mit Wurlitzer-Qualitäten. „Alt, aber gut“, meinte denn auch Sänger Roger Daltrey, der gemeinsam mit Gitarrist Pete Townshend Highlights aus 50 Jahren Bandgeschichte zum Besten gab.

Es war eine schnörkellose Greatest-Hits-Show, die The Who in Wien ablieferten. Die Setlist konzentrierte sich auf die starke Schaffensphase der Band zwischen den Alben „My Generation“ (1965) und „Quadrophenia“ (1973). Townshends Bruder Simon war an der Gitarre ebenso dabei wie Zak Starkey, der längst in die Fußstapfen seines Vaters Ringo Starr getreten ist.

The Who

APA/Herbert Pfarrhofer

Townshend holt weit aus, um in die Seiten zu greifen. Daltrey am Mikro.

Die Bühne für die acht Musiker kam ohne Firlefanz aus. Sie wurde über weite Strecken in die Farben des berühmtesten Symbols der Mod-Bewegung getaucht. Das aus einem blauen, einem weißen und einem zentralen roten Kreis bestehende Abzeichen der Royal Airforce fand sich auch gut sichtbar auf dem T-Shirt von Gitarrist Simon Townshend wieder.

Die Hauskapelle der Mods

Es dauerte keine 20 Minuten, bis die Band das Publikum in der Wiener Stadthalle im Griff hatte. Das Publikum liebte die Show von Townshend und Daltrey. Doch in der Begeisterung dürfte noch etwas mitgeschwungen sein: ein Hauch von Nostalgie und Heimweh nach der eigenen Jugend und der dazugehörigen Jugendkultur. Es gibt nicht viele Bands, die diesen Impuls so stark auslösen wie The Who. Die britische Band gilt schließlich als so etwas wie die Hauskapelle der Mod-Bewegung.

Posterboy einer Jugendbewegung

Zorn, Verlorenheit, Unverständnis – all das kondensierte Pete Townshend in den 1960er Jahren in seiner Musik. Townshend wurde zum musikalischen Dirigenten, Impulsgeber und Fan der Bewegung in Personalunion - ein schlaksiger Gitarrist als Posterboy einer Bewegung. Wenn man heute Mod sagt, dann sind meist gesetzte Mitt-40er gemeint, die in gepflegter Montur und auf einem restaurierten Roller der Nostalgie frönen, weil in den 80ern ein Mod-Revival stattgefunden hatte. Die Bewegung hat ein Nachwuchsproblem. Zwar gibt es seit rund zehn Jahren eine Art Minirevival, doch dabei geht es eher um die Verneigung vor einer Ära.

Ende der 1960er sah das anders aus. Vor allem in Großbritannien hatten sich die Mods als Gegenentwurf zur rosaroten Love-and-Peace-Philosophie der Hippies etabliert. Hier hatte keiner Blumen im Haar. Die Szene war laut und aufmüpfig. Passend dazu erzählten die Alben „The Who Sell Out“, „Tommy“ und „Quadrophenia“ vom Aufbruch aus den betonierten Vorstadtsiedlungen. Vorgetragen wurde die Kritik am Alltag in feinem Zwirn. Der Parka, heute das Mod-Symbol schlechthin, war anfangs nicht mehr als die Schutzschicht für den teuren Anzug darunter.

„Mod Father“ Peter Meaden

Ein Auslöser des Mod-Phänomens war der Wirtschaftsaufschwung der 1950er Jahre, der der britischen Arbeiterklasse neue Möglichkeiten eröffnete. Das subkulturelle Brodeln entging auch Andrew Loog Oldham, dem späteren Stones-Zampano, nicht. Gemeinsam mit Peter Meaden, dem ersten The-Who-Manager (der wahre „Mod Father“, auch wenn dieser Titel gerne auf Paul Weller angewandt wird) machte er sich daran, aus der Jugendbewegung ein Geschäft zu machen.

Meaden war es auch, der Townshend, Daltrey, John Entwistle und Keith Moon in Anzüge steckte. Sein Ziel: The Who zur musikalischen Speerspitze der wachsenden Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zu machen. Meaden selbst schrieb der Band die Songtexte zu „Zoot Suit“ und „I’m the Face“ auf den mittlerweile auf Mod gestylten Leib. Im Song „Young Man Blues“ heißt es: „Oh, well, a young man/Ain’t got nothin’ in the world these days“.

Das Hemd bis zum Nabel offen

In der Wiener Stadthalle war der Sound der Band das eigentlich überraschende. Townshends Gitarre klang so kristallklar und messerscharf wie eh und je, das Zusammenspiel mit Daltrey passte. Der wiederum dachte gar nicht daran, Kompromisse zu machen - weder musikalisch noch modisch. Das Hemd war auch mit 72 Jahren konsequent bis zum Nabel offen, und die Stimme hielt.

The Who

APA/Herbert Pfarrhofer

Die Energie überträgt sich auf das Publikum

Dabei ist Daltreys Darbietung immer noch eher der Inbrunst als der Meisterschaft verpflichtet. Optisch untermalt wurde die Show von Videos, die hinter der Bühne zwischen Retro-Visuals, Schnappschüssen aus der Bandgeschichte und einer Sixties-Wochenschau wechselten.

Die Windmühle an der Gitarre

Das wahre Kraftfeld der Band bleibt aber Townshend. Bis auf Jimi Hendrix und dessen Gitarrenspiel mit den Zähnen gibt es wohl wenige so unmittelbar an ihrem Spiel erkennbare Gitarristen wie ihn. Wenn Townshend seinen rechten Arm kreisen lässt, bevor er auf die Saiten seiner Gitarre niederfährt („Windmühle“), dann wird die Nostalgie-Show zum unmittelbaren Erlebnis.

Immer noch reichen Townshend drei herzhafte Griffe in die Saiten, um Begeisterungsstürme hervorzurufen. „My Generation“, das schon früh in der Show kam, „Baba O’Riley“ und das finale „Won’t Get Fooled Again“ sind auch 2016 keine musikalischen Staubfänger, sondern nicht zuletzt durch Townshend moderne Klassiker.

Harte Arbeit und früher Feierabend

Es ist erstaunlich, wie Townshend auch mit 71 und nach über 50 Jahren Berufserfahrung seinen Energieüberschuss noch immer mittels Gitarre abbaut. Dabei beklagte sich der Musiker erst vor Kurzem darüber, dass die Fans die Band zu Archivverwaltern degradieren wollten. Überall seien es die ewiggleichen Songs, nach denen sie rufen. Mittwochabend in Wien schien es so, als hätten es sich Daltrey und Townshend im „Museum“ The Who mittlerweile gemütlich gemacht.

Ohne Wehmut, dafür mit viel Gefühl spielten sie ihre Songs und zeigten damit, dass auch Rock-Hymnen, wenn man sie weiterentwickelt, als „Work in Progress“ funktionieren können. Heute vermitteln die Lieder ein Lebensgefühl, das sich von seiner Berufsjugendlichkeit emanzipiert hat: „I hope I get old before I die.“

Kein Nachturnen der eigenen Erfolge

Mittlerweile mag, wie am Mittwochabend in der Stadthalle, um 22.30 Uhr Feierabend sein, aber die Evergreens „Pinball Wizard“ und „Won’t Get Fooled Again“ führen dennoch zu Standing Ovations. Dieses vielleicht letzte The-Who-Konzert in Österreich war kein bloßes Nachturnen der eigenen Erfolge.

Am Ende wurde sogar Townshend weich. Als er diese Songs geschrieben habe, so der Gitarrist, sei er noch ein Kind gewesen. Der tosende Applaus der Stadthalle gelte also eigentlich dem Kind in ihm, sagte Townshend und brachte damit vielleicht ein Geheimnis des Jungbrunnens Rock ’n’ Roll auf den Punkt.

David Baldinger, für ORF.at

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