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Suche nach globaler Antibiotikastrategie

Warnungen vor resistenten Bakterien und Keimen sowie damit verbundenen tödlichen bakteriellen Infektionen gibt es schon länger - nur politische Maßnahmen blieben in der Vergangenheit aus. Nun hat das Problem die UNO-Vollversammlung in New York erreicht, wo Politiker, Wissenschaftler und Vertreter der Pharmaindustrie diskutieren, wie man das wachsende Problem in den Griff bekommen kann.

Bei dem hochrangigen Treffen wollten die 193 Mitgliedsstaaten eine Deklaration annehmen, wonach man einig sei, die „größte Gefahr für die moderne Medizin“ zu bekämpfen. Ziel sei es, eine gemeinsame Strategie aller Staaten gegen die Antibiotikaresistenz zu entwickeln. Die UNO adressiert damit ein gravierendes Grundproblem: In der Vergangenheit war man stets damit gescheitert, Maßnahmen auch länderübergreifend durchzusetzen.

„Weltweite Reaktion nötig“

Ein nationaler Kampf gegen Antibiotikaresistenzen lief freilich ins Leere - schließlich hält sich die Bedrohung nicht an Grenzen. „Es ist paradox, dass eine so kleine Sache eine derart enorme Bedrohung für die Weltöffentlichkeit sein kann“, sagte Jeffrey LeJeune, Ernährungswissenschaftler an der Ohio-State-Universität. „Aber es ist eine weltweite Gesundheitsbedrohung - und sie erfordert eine weltweite Reaktion darauf.“

Es ist überhaupt erst das vierte Mal in der Geschichte der Vereinten Nationen, dass ein Gesundheitsthema aufgegriffen wird. Vor zwei Jahren hatte man sich dem Kampf gegen die Ebola-Epidemie in Westafrika verschrieben, davor waren Diabetes und Herzkreislauferkrankungen sowie der AIDS-Erreger HIV Thema. Die Gefahr durch multiresistente Keime ist nun politisch gleichgesetzt mit diesen schwerwiegenden gesundheitspolitischen Herausforderungen.

Antibiotikaresistenz von Geschlechtskrankheiten

Erst kürzlich erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass die weltweit verbreiteten Geschlechtskrankheiten Gonorrhö, Syphilis und Chlamydiose immer schwerer zu bekämpfen seien. Die Bakterien, die sie auslösen, seien in wachsendem Maße resistent gegenüber Antibiotika, hieß es in der Warnung. Der Hauptgrund sei, dass Medikamente oft fehlerhaft oder zu häufig angewandt werden.

„Die Antibiotikaresistenz dieser sexuell übertragbaren Krankheiten hat rapide zugenommen, wodurch die Möglichkeiten der Behandlung geschrumpft sind“, so die WHO. Die stärkste Resistenz hätten die Erreger der Gonorrhö (Tripper) entwickelt, mit der sich weltweit jährlich 78 Mio. Menschen infizieren. „Es wurden Gonorrhö-Stämme entdeckt, die auf keine der zur Verfügung stehenden Antibiotika mehr reagieren“, sagte die WHO.

Zehn Millionen Tote pro Jahr?

Schätzungsweise sterben derzeit 700.000 Menschen jährlich aufgrund arzneimittelresistenter Infektionen. Die Dunkelziffer könnte noch weit höher liegen, was darin begründet liegt, dass es noch kein Monitoring für entsprechende Todesfälle gibt. Selbst in Ländern, wo es ein Monitoring gibt, müssen die Zahlen nicht zwangsläufig stimmen - mutmaßlich viele Todesfälle sind nicht offiziell mit Antibiotikaresistenzen in Zusammenhang gestellt.

Im Mai sorgte ein Bericht im Auftrag der britischen Regierung für Aufregung, darin wurde vor einer drastischen Zunahme von Todesfällen aufgrund der Widerstandsfähigkeit gegen Antibiotika in den nächsten Jahrzehnten gewarnt. Laut dem „Review on Antimicrobial Resistance“ könnten bis 2050 weltweit zehn Millionen Menschen pro Jahr an nicht mehr behandelbaren Infektionen sterben, wurde gewarnt.

Die Arbeiten für diesen Bericht starteten Mitte 2014 im Auftrag der britischen Regierung. Allein in den vergangenen zwei Jahren seit Beginn der Arbeiten an dem Bericht starb laut BBC bereits über eine Million Menschen an Infektionen, die nicht mehr mit Antibiotika zu behandeln waren. Zudem wurden auch gegen starke Reserveantibiotika wie Colistin Resistenzen festgestellt.

„Steuern auf Zeiten wie im Mittelalter zu“

Eines der Hauptprobleme sei, dass nicht ausreichend neue Antibiotika hergestellt werden, so die Ergebnisse. Die Mittel, die zur Verfügung stehen, würden verschwendet. „Wenn wir das Problem nicht lösen, steuern wir auf Zeiten wie im Mittelalter zu. Viele Menschen werden sterben“, hatte der Ökonom Jim O’Neill, der die Recherchen zu dem Bericht leitete, gewarnt. Ein Schnitt in den Finger könne schon lebensbedrohlich werden genauso wie Routineoperationen.

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