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Was ist schon normal?

Krankenschwester, Feuerwehrmann, Kellner und Lokfahrerin: Denkt man an Berufsgruppen, die typischerweise an Feiertagen, Wochenenden und in der Nacht arbeiten, sind die Stereotype schnell gefunden. Als Jobs mit „normalen“ Dienstzeiten gelten nach wie vor jene, die sich in einer Kernarbeitszeit von 9.00 Uhr bis 17.00 Uhr und von Montag bis Freitag abspielen. Doch die Realität schaut - für einen Gutteil der Erwerbstätigen anders aus.

Laut Arbeitsklimaindex der Arbeiterkammer Oberösterreich (AK OÖ) arbeitet fast ein Drittel aller Arbeitnehmer in Österreich zumindest fallweise auch abends bis 22.00 Uhr, 20 Prozent sogar darüber hinaus. Für 36 Prozent sind Samstag-Dienste nichts Ungewöhnliches, und fast 20 Prozent sind zumindest gelegentlich auch am Sonntag dienstlich eingespannt.

Jeder Fünfte im Schicht-, Turnus- oder Wechseldienst

Fast jeder fünfte Beschäftigte arbeitet im Schicht-, Turnus oder Wechseldienst - Österreichweit sind das fast 700.000 Personen. Auffällig ist, vergleicht man die Zahlen der vergangenen zehn Jahre, dass ihre Zufriedenheit mit den Arbeitszeiten eklatant im Sinken begriffen ist und von 72 Prozent (2005) auf 59 Prozent (2015) zurückgegangen ist.

Grafik zur Häufigkeit unregelmäßiger Dienstzeiten

Grafik: ORF.at; Quelle: Arbeiterkammer Oberösterreich

Als Grund dafür geben viele Betroffene die Verpflichtung zu über die Normalarbeitszeit hinausgehenden Überstunden an. Während im Schnitt aller Beschäftigten 68 Prozent zumindest gelegentlich Überstunden machen, sind es bei Beschäftigten in der Schichtarbeit 80 Prozent.

Körperliche Auswirkungen unregelmäßiger Arbeit

Schichtarbeit ist aber auch körperlich belastend, wie etwa in der Produktion und in der Krankenpflege. Muskelverspannungen, Kreuz- und Kopfschmerzen zählen zu den häufig auftretenden Beschwerden, besonders beeinträchtigend ist allerdings die ständige Umstellung der inneren Uhr.

Eine 2014 von französischen Forschern im US-Fachmagazin „Occupational and Environmental Medicine“ veröffentlichte Studie beschreibt die Auswirkungen als drastisch: Bei Menschen, die mehr als zehn Jahre unregelmäßigen Arbeitszeiten ausgesetzt seien, nähmen die kognitiven Fähigkeiten deutlich schneller ab als bei anderen Berufstätigen, so das Fazit. Zehn Jahre Schichtarbeit entsprächen einem Alterungsprozess von zusätzlich sechseinhalb Jahren.

Pflegerin in einem Altersheim

ORF.at/Zita Klimek

Egal ob Wochenende oder Nacht: In Pflegeberufen gibt es keine Sperrstunde

All-in-Verträge: Vorteile meist nur für Unternehmen

Neben der Schichtarbeit sind es die zunehmend verbreiteten All-in-Verträge. Schon über 800.000 unselbständig Beschäftigte haben einen Arbeitsvertrag der „alles abdeckt“ - aber im Normalfall nur den Unternehmen Vorteile bringt.

Ein anderes Bild ergibt sich bei den Beschäftigten mit Gleitzeit. Die Möglichkeit, sich Arbeitsstunden rund um eine vorgegebene Kernzeit selbst einzuteilen, wirkt sich laut der AK-OÖ-Studie grundsätzlich positiv auf die Gesundheit und psychische Verfassung von Arbeitnehmern aus. Gleichzeitig kann das vermeintlich selbstbestimmte Arbeiten im Gleitzeitmodell aber auch zu Selbstausbeutung und überlangen Arbeitszeiten führen.

Zufriedenheit steigt mit Zuschlägen

Maßgeblich ausschlaggebend für die Zufriedenheit mit der Arbeitssituation in unregelmäßigen Diensten ist - wenig überraschend - auch die Vergütung. Während einzelne Kollektivverträge - etwa jener für Handel und Baugewerbe - einen Zuschlag von 100 Prozent etwa für Sonntagsarbeit vorsehen, ist in anderen Branchen ein Tag im Büro am Wochenende genau gleich vergütet wie ein Wochentag.

Menschen arbeiten in einem Büro

Getty Images/Hero Images

Wer am Wochenende arbeitet, ist glücklicher, wenn die Vergütung stimmt

Fluch und Segen der Selbstständigkeit

Ebenfalls stark betroffen sind Österreichs Selbstständige. Fast 500.000 Menschen sind als ihr eigener Chef flexibel in der Einteilung ihrer Arbeitszeit - zumindest in der Theorie. In der Praxis sieht ihre Realität jedoch ganz anders aus. Umfragen sehen Selbstständige - anders als Schichtarbeiter - im Schnitt deutlich zufriedener mit ihrer Arbeitssituation als Angestellte.

Grafik zu Sonderformen der Arbeitszeit

Grafik: ORF.at; Quelle: Statistik Austria

Wie die Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2015 der Statistik Austria belegt, gehört Arbeit in den Abendstunden oder an Samstagen aber für mehr als die Hälfte aller Selbstständigen zum Alltag. In vielen Fällen liegt das nicht nur an „verschobenen“ Arbeitszeiten, sondern schlicht daran, dass das eigene Geschäft oder die eigenen Projekte Einsatz weit über die österreichische Normalarbeitszeit von 40 Stunden pro Woche fordern.

Egal ob selbstständig oder angestellt: Beschäftigte mit flexiblen Diensten stoßen in Österreich vielfach an nicht angepasste Strukturen - etwa in der Kinderbetreuung und bei den Geschäftsöffnungszeiten. Deren Ausweitung sind seit Jahren Politikum - mit dem Hauptargument der Gegner, dass das eine Beeinträchtigung der Lebens- und Freizeitqualität für die betroffenen Berufsgruppen bedeuten würde.

Sophia Felbermair, ORF.at

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