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Selbstoptimierung durch guten Schlaf

US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump braucht nach eigenen Angaben oft nur drei, Yahoo-Chefin Marissa Mayer vier Stunden Schlaf. Tesla-Gründer Elon Musk kommt mit sechs Stunden aus. Das Signal, das vermittelt wird, lautet oft: Schlaf ist Zeitverschwendung. Dieses Bild scheint sich zu wandeln, guter Schlaf gilt immer mehr als Basis für Erfolg und Gesundheit. Damit tut sich auch ein profitabler Markt auf.

Die US-Medienunternehmerin Arianna Huffington trieb den Imagewandel des Themas selbst voran und profitiert nun davon: 2007 war sie über ihrem Schreibtisch zusammengebrochen und hatte sich ein kaputtes Jochbein zugezogen. Überarbeitung und chronisches Schlafdefizit seien schuld an ihrem Kollaps gewesen.

„Ich schlafwandelte durch mein Leben“, so Huffingtons Fazit, das sie in einem im Frühjahr 2016 erschienenen Buch beschreibt. „The Sleep Revolution“ hielt sich wochenlang in den US-Bestsellerlisten, zog Marketingtouren nach sich und einen Deal mit einem Matratzenhersteller. Nun wirbt der Medienprofi für ausreichend Nachtruhe und Schlafrituale. Kreativität und Urteilsfähigkeit ließen sich so enorm verbessern, so Huffington.

Schlaf mit Coolness-Faktor

Effektiver Schlaf als Thema für Hochglanzmagazine und Talkshows, dazu haben auch Trendforscher wie Sean Monahan von der New Yorker Agentur K-Hole beigetragen: Er machte etwa aus der Notwendigkeit zu schlafen eine ganze Lifestyle-Bewegung, wie das Onlinemagazin The Frisky schreibt. Monahan wolle dem Schlafen, dem er den Markennamen „Slowave“ verpasste, einen coolen Anstrich geben. Das Bett sei kein Möbelstück, sondern eine „Content-Plattform“. Und Schlaf „die Kim Kardashian des Wohlbefindens“, so Monahan in seinem Blog.

Nickerchen im Büro erwünscht

Inzwischen setzen auch Firmen vermehrt auf diese Ansicht und ermutigen ihre Mitarbeiter zu kleine Schlafpausen. Die Unternehmen wollen ausgeschlafene Denker, die mit Stress umgehen können. Die Konzerne Google und Facebook führten etwa das Schläfchen am Arbeitsplatz ein, Nap Pods (Sesselkojen zum Schlafen) gehören schon zur Einrichtung vieler Büros.

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Die US-Krankenversicherung Aetna zahlt Angestellten sogar einen Bonus für ausreichend Nachtruhe. Für je 20 Nächte mit mehr als sieben Stunden Schlaf gibt es 25 US-Dollar (24 Euro). Dafür müssen die Arbeitnehmer ihre Ruhezeiten in ein digitales Schlaftagebuch eintragen - oder direkt über einen Fitnesstracker, ein digitales Armband, dorthin senden.

Milliardenschwere Helferlein

Mit technischen Schlafhilfen lässt sich aber inzwischen vor allem viel Geld machen. Laut dem US-Marktanalysten BCC Research wird der globale Markt für Schlafhilfen im Jahr 2019 knapp 77 Milliarden US-Dollar (rund 70 Mrd. Euro) schwer sein. Die Wachstumsraten werden fünf bis sechs Prozent betragen. Die Mehrheit der Kunden, 60 Prozent, kauft in den USA. Hier entwickelte sich allein der Markt für Schlaflabore zu einer Sieben-Milliarden-Dollar-Industrie, so das Blognetzwerk curbed.

„Wir schlafen ein Drittel unseres Lebens, da ist es klar, dass die Menschen dafür auch Geld ausgeben“, sagt der Schlafmediziner und Neurologe Michael Saletu im Gespräch mit ORF.at. Es gebe von Haus aus Kurz- und Langschläfer. Wie viel jeder braucht, sei individuell und genetisch bedingt.

Ein Viertel der Österreicher habe gelegentlich Schlafstörungen. Die Diagnose Schlaflosigkeit betreffe sechs bis zehn Prozent. „Bei echten Störungen, die Leidensdruck erzeugen, sind Tracker und ähnliche Hilfsmittel niemals als alleinige Hilfe zu sehen. Dann muss man zum Arzt, der kann dann entscheiden, ob auch so etwas zum Einsatz kommen soll.“

Die Vermessung des Schlafs

Die Vielfalt der Erzeugnisse ist inzwischen beachtlich. Algorithmen, Datenanalysen sowie tragbare Messgeräte sollen den Schlaf quantifizieren, verbessern und effektiv machen. Gerade die Hersteller von Elektronikprodukten, die gerne als Mitverursacher von Schlaflosigkeit gelten, mischen kräftig mit. Apps, die entspannende Geräusche anbieten, sind dabei nur die Anfängerstufe.

Es gibt zudem Anwendungen, die Bewegungen aufzeichnen, und Tracker, die Schlafzyklus und Körperfunktionen beobachten. Puls, Bewegung, Atem können aufgezeichnet, statistisch verwertet und bewertet werden. Die optimale Bettzeit wird basierend auf der Anzahl der individuellen Schlafzyklen und der Aufwachzeit errechnet. Auch Sprechen im Schlaf und Schnarchen kann aufgezeichnet werden.

Im Netz gibt es auch kostenpflichtige Schlafverhaltensprogramme, die den Nutzer richtiges Schlafverhalten lehren wollen. Sie beinhalten Handlungsanleitungen, Schlaftagebücher, Erinnerungsmails und korrespondieren mit Gesundheitstrackern. Intelligente Wecker analysieren Bewegungen im Schlaf und wecken den Anwender nur in leichteren Schlafphasen.

Eine neue Matratzenindustrie

Nicht zuletzt gibt es auch große Umwälzungen auf dem Matratzenmarkt. Ein Trend setzt dabei auf den Coolness-Faktor: die „Bed-in-Box“-Industrie. Das sind diverse Firmen, die inzwischen auch den deutschsprachigen Markt enterten. Sie liefern Einheitsmatratzen per Onlinedirektverkauf im handlichen Karton nach Hause. Der Preis ist erschwinglich, Probeliegen gratis.

Vorreiter mit mittlerweile etlichen Nachahmern ist die New Yorker Firma Casper, die laut einem Bericht der deutschen „Welt“ eine halbe Milliarde US-Dollar schwer ist. Kooperationspartner ist Trendsetter Monahan, zu den Investoren zählen Hollywoodstars wie Leonardo DiCaprio.

Andere Unternehmen beschäftigen sich mit der Zukunft von Hightech-Matratzen mit der Fähigkeit, Körperfunktionen direkt zu überwachen. Es gibt auch spezielle Matratzenauflagen, die die Temperatur regulieren sollen, smarte Textilien können zudem angeblich für mehr Sauerstoffgehalt im Körper sorgen. „Selten wurde so viel Anstrengung darin gesteckt, die Menschen dazu zu bringen, buchstäblich nichts zu tun“, schreibt curbed.

Schlafen als Unterrichtsgegenstand

Die Nachfrage für die Schlafindustrie wächst: Vor allem in China und den USA (45 Prozent bzw. 29 Prozent) setzen die Internetnutzer Geräte wie Tracker ein, wie aus einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens GfK hervorgeht. „Solche Tracker verwenden meist sowieso Leute, die gesundheitsbewusst und fit sind. Die sollen es ruhig machen“, so Schlafmediziner Saletu. Die Geräte lieferten gute Messungen von Bewegungen im Schlaf. „Sie können aber nicht messen, wie tief man schläft. Über die Schlafqualität ist also keine Aussage möglich.“

Schlafphasenwecker hätten sich in Untersuchungen nicht durchgesetzt. „Was ich Patienten empfehlen kann, sind Online-Schlafverhaltensprogramme, die oft schon mit Sleeptrackern arbeiten. Dafür lernt man die Schule des guten Schlafs, etwa wie man gezielt Schlafdruck aufbaut“, also wie der Bedarf an Schlaf seit dem letzten Aufwachen wieder wachsen kann.

Auch Grundlagen, etwa dass man vor dem Schlafengehen nicht fernsehen, mit seinem Bettpartner streiten oder Lärm vermeiden soll, würden erklärt. „Das ist genial an der Internetgeneration, das hat Zukunft“, besonders wenn auch noch ein Arzt miteinbezogen werde, sagt Saletu.

„Krank, dick und dumm“

Schlafdefizite stehen im Verdacht, viele Zivilisationskrankheiten zu verursachen und auch mit Krebs, Alzheimer und Diabetes in Zusammenhang zu stehen. Gerade bei Einschlafstörungen könne man aber selbst viel tun, so Saletu. „Oft sind Sorgen und Ängste schuld. Dann sollte man aufstehen, um diese Spirale zu unterbrechen. Autogenes Training kann vor dem Schlafengehen helfen, genauso wie Sport. Wichtig ist es, sich auf das Bett zu freuen.“

Ob Hightech im Schlafzimmer den vollen Terminkalender, Stress und die Unfähigkeit, das Handy nachts abzuschalten, kompensieren können, darüber machen sich Experten keine Illusionen.

Generell sei es gut, dass man sich über das Thema Gedanken machen, sagt Saletu. „Aber wenn man einmal eine Nacht schlecht schläft, soll man das nicht verkatastrophisieren. Zu viel Grübeln kann in einen Teufelskreis führen, der sich verselbständigt.“ Man könne unter Druck geraten, was manchmal erst den Weg in die Schlaflosigkeit bedeute. Technische Hilfsmittel seien in Ordnung, „wenn man sich dann nicht unnötig Sorgen macht“.

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