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Ort des Friedens in der hektischen Stadt

Der Cimitero Acattolico, dessen offizieller Name „Friedhof für nicht katholische Ausländer in Rom" lautet, feiert dieses Jahr sein 300-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass ist jetzt im Museum Casa di Goethe in Rom eine Ausstellung über die Geschichte dieses ungewöhnlichen Ortes zu sehen.

Der Friedhof, der noch heute als Begräbnisstätte dient, zieht jedes Jahr Tausende Touristen an. Zugleich wurde er ein beliebtes Motiv für viele Künstler. Das Museum Casa di Goethe bringt nun zum ersten Mal einen Überblick über die Darstellungen europäischer und amerikanischer Künstler, die den Friedhof in Gemälden, Zeichnungen und Druckgrafiken verewigt haben.

Entstanden war der Cimitero Acattolico, der vielen als der schönste Friedhof der Welt gilt, aus einem Verbot: Protestanten war es jahrhundertelang untersagt, ihre Toten innerhalb der Stadtmauern der katholischen Stadt Rom zu bestatten.

Pyramide als Blickfang

In dem Museum werden Werke von insgesamt 44 Künstlern gezeigt, die alle in den vergangenen 300 Jahren entstanden. Zu den prominenten Namen im Ausstellungskatalog gehören unter anderen Johann Wolfgang von Goethe - der Dichter war auch ein begabter Zeichner -, Jakob Philipp Hackert, Jacques Sablet, Bartolomeo Pinelli, Salomon Corrodi und Walter Crane.

Bildnis zeigt protestantischen Friedhof in Rom

Public Domain

„Nächtliche Bestattung an der Cestiuspyramide“ von Bartolomeo Pinelli (1831)

Der Cimitero Acattolico liegt am Fuße der viertgrößten Pyramide der Welt. Die mit weißen Travertin- und Marmorplatten verkleidete Pyramide ist das Grabmal des römischen Offiziers Caius Cestius. Das 37 Meter hohe markante Bauwerk wurde zwischen 18 und zwölf vor Christus errichtet. Die Pyramide ist ein Relikt der Ägypten-Mode, die im antiken Rom in den letzten Jahren der Republik herrschte. Die Pyramide ist auch prominenter Blickfang auf vielen der Kunstwerke, die in der Casa di Goethe zu sehen sind.

Katholische Könige, protestantische Entourage

Am Beginn der Geschichte des Friedhofs stand das Exil des Königshofes der Familie Stuart in Rom. Die katholische Herrscherfamilie war aus Großbritannien vertrieben worden und hatte sich an den Hof der Päpste in Rom geflüchtet. Viele Mitglieder der Stuart-Entourage waren jedoch Protestanten, sie hatten sich mehr aus politischen Gründen als aus konfessionellen den Stuarts angeschlossen.

Grabstein

ORF.at/Nicholas Stanley Price

Das Grab von Goethes Sohn August

In Rom ersuchten die protestantischen Mitglieder des Hofstaates der katholischen Stuarts um einen Ort, an dem sie begraben werden konnten. Das Feld am Fuße der Pyramide wurde ihnen von der päpstlichen Verwaltung Roms zuerkannt. Ein Dekret aus dem Jahr 1716, ausgestellt von Papst Clemens XI., markiert die offizielle Geburtsstunde des Friedhofs für die Nichtkatholiken und ist auch der Anlass für die Jubiläumsausstellung.

Kurator der Schau ist der britische Archäologe Nicholas Stanley-Price. „Ich begann mich für den nicht katholischen Friedhof in Rom zu interessieren, als ich Generaldirektor des ICCROM (Internationale Studienzentrale für die Erhaltung und Restaurierung von Kulturgut, Anm.) war, einer interstaatlichen Organisation. Im Jahr 2005 bat uns der damalige Direktor des Friedhofs um Unterstützung für die Restaurierung von Gräbern“, sagte Stanley-Price gegenüber ORF.at. Damals befand sich der Friedhof, eine private Einrichtung, in einer schweren finanziellen Krise, die mittlerweile überwunden ist.

„Mikrokosmos der internationalen Community“

„Der Friedhof bei der Pyramide des Caius Cestius ist ein Mikrokosmos der internationalen Community in Rom im Laufe der letzten 300 Jahre“, so der Archäologe, der bereits ein Buch über den Friedhof verfasst hat. „An Menschen, die in Rom lebten und starben, erinnert man sich anhand ihrer Grabsteine, es sind Personen aus fünfzig verschiedenen Ländern und Anhänger aller größeren Weltreligionen.“ Sogar die Gräber von Katholiken seien mittlerweile auf dem Friedhof zu finden.

So zeigt der Friedhof, wie beliebt Rom als Wohnort für Künstler und Diplomaten war. Im Laufe der Jahrhunderte wurden zahlreiche Prominente auf dem Cimitero Acattolico zu Grabe getragen, darunter die britischen Poeten John Keats und Percy Bysshe Shelley, Johann Wolfgang von Goethes Sohn August, der Schriftsteller Carlo Emilio Gadda und der kommunistischen Theoretiker Antonio Gramsci.

Der britischer Dichter Keats, der 1821 in Rom starb, bat sich für seinen Grabstein die Worte „Here lies one whose name was writ (sic!) in water“ aus. Neben Englisch sind viele Inschriften auf den Grabsteinen in anderen Sprachen als Italienisch verfasst, etwa in Deutsch, Schwedisch, Norwegisch, Russisch und Französisch.

Begräbnisse einst nur nachts

„Es vergingen fünfzig Jahre, bis die ersten Grabsteine errichtet wurden“, so Stanley-Price, „viele der zunächst dort Bestatteten hatten keinen Grabstein.“ Die Beisetzungen fanden in der Nacht statt. Das erste schriftlich überlieferte Nachtbegräbnis an der Pyramide ist jenes von Georg Werpup, einem jungen Mann aus dem deutschen Hannover. Werpup war bei einem Unfall auf der Via Flaminia von seiner eigenen Kutsche erdrückt worden.

Ausstellungshinweis

„Am Fuße der Pyramide. 300 Jahre Friedhof für Ausländer in Rom“, bis 13. November, Casa di Goethe, Via del Corso 18, Rom, täglich außer montags, 10.00 bis 18.00 Uhr.

Der Chronist James Boswell war bei der Beisetzung dabei und kommentierte, er empfinde es als diskriminierend, dass Werpup in der Nacht bestattet wurde. „Boswell irrte sich“, so Stanley-Price, „auch Katholiken wurden damals bei Nacht bestattet.“ Schon bald darauf avancierten die Bestattungen im Mondlicht an der Stadtmauer des alten Rom zu einem Mythos.

Zeichnung von Goethe zu sehen

Natürlich ist auch Johann Wolfgang von Goethe, einer der berühmtesten Rom-Reisenden aller Zeiten, in der Ausstellung vertreten. „Vor einigen Abenden, da ich traurige Gedanken hatte, zeichnete ich mein Grab bei der Pyramide des Cestius“, schrieb er in einem Brief. Die Zeichnung mit dem Titel „Pyramide des Cestius im Vollmondlicht“ ist eines der interessantesten Objekte der Schau. In seiner siebenten Römischen Elegie widmete sich Goethe dem Friedhof: „Dulde mich, Jupiter, hier, und Hermes führe mich später, Cestius’ Mal vorbei, leise zum Orkus hinab.“

Grabstein

ORF.at/Nicholas Stanley Price

Der Friedhof ist ein beliebtes Besuchsziel von Touristen

„Wir wollen zeigen, dass der Friedhof nicht nur ein Ort der Trauer und des Schmerzes ist, sondern vor allem auch ein Ort, der einem hilft, sich besser zu fühlen“, so Kurator Stanley-Price. „Aus dem Lärm des Zentrums von Rom kommend genießt man hier den Frieden, das ist das Lebensgefühl, welches wir mit dieser Ausstellung über den Friedhof der Nichtkatholiken vermitteln wollen.“

Christina Höfferer, für ORF.at

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