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Lokale Stärken wollen genutzt werden

Die Zentren wachsen, die Peripherie bleibt auf der Strecke. „Strukturschwache“ Regionen zwischen Mühlviertel und südlichem Burgenland kämpfen seit Jahrzehnten mit dieser Entwicklung. Als Standort für Großunternehmen wenig attraktiv, fehlt es an Jobs, die Folge ist Abwanderung. Die Arbeitsmarktstatistik allein liefert ein trügerisches Bild der Lage.

Eine Art Paradebeispiel ist das südliche Burgenland. Abwanderung und Pendeln seien „ganz typisch“ für die Gegend, beschreibt der Geschäftsstellenleiter des Arbeitsmarktservice (AMS) in Jennersdorf, Harald Braun, die Situation dort. Die Leitbetriebe, die es gibt, hätten eine geringe Personalfluktuation, Neugründungen gibt es wenige. Folglich ist das regionale Jobangebot eher knapp bemessen, Pendeln nach Wien oder Graz die Alternative.

Die Statistik sagt nicht alles

Die Arbeitslosenquote lag im südlichsten Bezirk des Burgenlandes laut Daten des AMS im September bei 7,1 Prozent. Wenige Kilometer weiter, im oststeirischen Bezirk Hartberg-Fürstenfeld waren es 5,6 und im Nachbarbezirk Weiz sogar nur 3,6 Prozent. Im Hinblick auf die wirtschaftliche Gesamtsituation für diese Regionen sind die Zahlen trügerisch.

Die Daten zeigten vor allem, dass „der Druck auf die Städte steigt“, analysiert Matthias Firgo, Bereichskoordinator für Strukturwandel und Regionalentwicklung am Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO), im Gespräch mit ORF.at. Sie sind vor allem auch ein Indikator für Abwanderung, oder „Landflucht“, wie es Braun nennt. Auf den Punkt gebracht: Pendler „entlasten“ den regionalen Jobmarkt. Die These, dass das langfristig weder ein Vorteil für die Stadt noch die betreffenden ländlichen Gegenden ist, sei nicht ganz falsch.

Ein Problem in diesem Kontext sei, dass Abwanderung „hoch selektiv“ erfolge, so Firgo. Gehen würden vor allem gut qualifizierte Arbeitskräfte, insbesondere Junge und Frauen. Das verschärfe das „strukturelle Problem“ noch. Längerfristig liefen die betreffenden Regionen Gefahr, „den Anschluss komplett zu verlieren“. Wertvolles Innovationspotenzial gehe verloren.

Auch kleine Insolvenzen haben große Folgen

Sowohl das südliche Burgenland als auch die östliche Steiermark sind - mit Ausnahmen - sehr kleinbetrieblich strukturiert. Aus einem Blickwinkel ist das ein Nachteil: Großarbeitgeber sind rar, fällt einer aus, hat das auf kleinem Raum große Folgen, da Jobalternativen fehlen. Dafür gab es in den letzten Monaten und Jahren einige Beispiele.

Durch die Insolvenzen beim oststeirischen Fleisch- und Wursthersteller Schirnhofer und zuletzt beim Garnhersteller Borckenstein sowie Betriebsabsiedlungen, etwa beim Wäschehersteller Triumph im südburgenländischen Oberwart, waren plötzlich Hunderte Jobs in einem Radius von weniger als 20 Kilometern weg, deutlich zu spüren in der gesamten Region. Um spürbar zu sein, müssten es aber gar keine großen Erschütterungen sein. Oft gingen fünf Jobs dort verloren, fünf da, schildert Braun. Am Ende summiere es sich trotzdem.

Lokale Joblandschaft verändert sich

Dazu kommt, dass „einfache“ Jobs, vor allem in der Produktion, immer stärker der Automatisierung zum Opfer fallen. Das AMS versucht, mit gezielter Qualifizierung zu reagieren. Man versuche, Facharbeiterinnen und Facharbeiter auszubilden, und zwar mit Rücksicht nicht nur auf deren Bedürfnisse, sondern auch darauf, was der lokale Arbeitsmarkt „verträgt“, erklärt Braun.

Herbert Paierl, AMS-Geschäftsstellenleiter im knapp 50 Kilometer entfernten Hartberg, nennt es „Ausbildung nach Maß“. Wenn Betriebe „sagen, ich brauche die oder den“, versuche man, darauf zu reagieren. In einem Punkt sind sich die beiden AMS-Geschäftsstellenleiter einig: Facharbeiter hätten ganz gute Chancen, rasch einen Job in der Region zu finden.

Die „grüne Wiese“ und neue Ideen

Paierl ist überhaupt kein Freund der Schwarzmalerei. „So strukturschwach sind wir nicht mehr, wie wir einmal waren“, meint er. Es gebe auch positive Signale. Nur schafften es die vielleicht nicht so oft in die Schlagzeilen wie Insolvenzen. Er verweist auf Hunderte neue Jobs bei Magna Steyr in Graz, aber auch neu geschaffene Stellen direkt in der Region, etwa beim Obst- und Gemüsehersteller Frutura in Bad Blumau oder dem Naturkosmetikhersteller Ringana in Hartberg. Insbesondere auch durch das Projekt Regionalentwicklung Oststeiermark habe sich „einiges getan“.

Regionalentwicklung ist auch das Stichwort für Firgo. Es habe wenig Sinn zu versuchen, Unternehmen „auf der grünen Wiese“ anzusiedeln, wobei „grüne Wiese“ in diesem Zusammenhang Strukturinitiativen ohne Basis meint. Die moderne Sicht der Dinge sei die, dass Modernisierungskonzepte aus der Region heraus kommen und auf regionale Stärken aufbauen müssen, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler. Vor allem müsse man versuchen, wieder so attraktiv zu werden, dass junge Menschen nicht mehr abwandern bzw. nach der Ausbildung in Wien oder Graz wieder zurückkommen. Dabei spielten auch Faktoren wie Lebensqualität eine Rolle. Lokale Zentren wie Bezirkshauptstädte müssten gestärkt und attraktiver gemacht werden.

Marke und Standortkonzept

Gerade die östliche und südöstliche Steiermark habe „lokale Stärkefelder“ gut für ihre Positionierung genutzt, so der WIFO-Experte. „Thermenland“ und „Vulkanland“ seien inzwischen zu starken Marken geworden. Das Schlagwort laute „Smart Specialisation“, innovative strategische Standortkonzepte entwickeln, wie etwa in der Region durch die Verknüpfung von Landwirtschaft, Tourismus, Natur, Kulinarik.

Der Thermentourismus hat auch dem Südburgenland Impulse und Arbeitsplätze, vor allem in der Hotellerie und im Gastgewerbe, gebracht, bestätigt der Jennersdorfer AMS-Leiter Braun. Aber nicht nur. Auch andere Gewerbebetriebe sind dort, in der „klassischen“ Pendlerregion zwischen Güssing, Stegersbach und Oberwart, in den letzten Jahren wieder mehr anstatt weniger geworden.

Ein Vorteil sei auch, dass der Konkurrenzgedanke in der Standortpolitik in den Gemeinden in den Hintergrund getreten sei und man nun an einem Strang ziehe, wenn es darum geht, Betriebe in die Region zu holen, beobachtet Paierl. Insgesamt seien die Karten gar nicht so schlecht, auch die Anbindung der Region an die Südautobahn (A2) sei ein Vorteil - und betreffend zumindest den Raum Hartberg die Lage ziemlich in der Mitte zwischen Wien und Graz. „Es ist nicht so, dass Weltuntergangstimmung herrschen muss.“

Deutlich sichtbares Gefälle

Eine genaue Definition für „strukturschwach“ gibt es nicht. Die betreffenden Regionen liegen in der Regel etwas in der Peripherie, ohne ideale Anbindung an den nächsten Ballungsraum. Es fehlen Arbeitsplätze in der Industrie und im Dienstleistungssektor, Menschen wandern eher ab als zu. Eine (wenn auch nicht alleine aussagekräftige) Messgröße ist auch das Bruttoregionalprodukt (BRP) als Pendant zum gesamtstaatlichen Bruttoinlandsprodukt (BIP). Zumindest aber veranschaulicht die regionale Wertschöpfung das deutliche Gefälle, das in Österreich zwischen Städten und Land, Westen und Osten herrscht.

Laut Daten der Statistik Austria lag das BRP 2013 in der Region Linz-Wels bei 48.700 Euro, in Salzburg und Umgebung bei 48.600, bei 47.300 in Wien und bei 44.200 Euro in Graz. Schlusslicht auf Platz 35 ist das niederösterreichische Weinviertel mit 19.900 Euro, gefolgt vom Mittel- und Südburgenland (23.200), dem Mühlviertel in Oberösterreich, Oberkärnten, der West- und Südsteiermark (26.000) und der Oststeiermark mit 26.400 Euro regionaler Wertschöpfung pro Einwohner und Jahr.

Georg Krammer, ORF.at

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