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Begräbnisse ohne Trauergäste nehmen zu

Immer mehr Menschen werden begraben, ohne dass jemand Notiz davon nimmt. Die Beerdigungen finden ohne Angehörige oder Bekannte der Toten statt. Beim Projekt „Das Einsame Begräbnis“ schreiben Dichterinnen und Dichter für Menschen, die vereinsamt gestorben sind, ein persönliches Gedicht und tragen dieses während des Begräbnisses vor.

Initiiert wurde das Projekt in den Niederlanden. „Der Dichter bringt einen letzten Gruß an jemanden, den er nicht gekannt hat, auch niemals kennenlernen wird. An jemanden, den niemand mehr kennenlernen wird“, sagte Frank Starik gegenüber ORF.at. Seit 2002 koordiniert der niederländische Schriftsteller das Projekt „Das Einsame Begräbnis“ in Amsterdam.

Der flämische Dichter Maarten Inghels betreut das Projekt in Antwerpen. Starik und Inghels recherchieren zum Leben der einsam Verstorbenen und geben ihre Ergebnisse an Dichterinnen und Dichter weiter. Diese verfassen ein persönliches Gedicht und tragen es während des Begräbnisses vor. „Die Menschen, über die wir schreiben, haben wie Schatten in der Stadt gelebt“, sagt Inghels. Die Idee zu dem Projekt hatte der niederländische Schriftsteller Bart FM Droog. Während seiner Zeit als Stadtdichter in Groningen hatte er von „Einsamen Begräbnissen“ erfahren.

32 Geschichten, 32 Schicksale

Das Buch „Das Einsame Begräbnis“ macht 32 solcher Schicksale sichtbar. Zu jedem einsam verstorbenen Menschen findet sich das verfasste Gedicht. Auf wenigen Seiten wird aus dem Leben der Verstorbenen erzählt und der Ablauf des Begräbnisses beschrieben.

Buchhinweis

Buchcover "Das einsame Begräbnis"

Edition Korrespondenzen

Maarten Inghels, F. Starik: „Das Einsame Begräbnis. Geschichten und Gedichte zu vergessenen Leben“. Edition Korrespondenzen, 224 S., 19 Euro.

Eine der berührendsten Geschichten ist jene von Jayson N., ein Text über ein Baby, das mit nur 44 Tagen gestorben ist. Seine Eltern hatten es auf der Flucht quer durch Europa zurückgelassen. Am 22. Jänner 2014 starb Jayson N. in einem Krankenhaus in Flandern an den Folgen von Verwahrlosung. Im Gedicht – das von Inghels selbst verfasst wurde - wird der Umstand thematisiert, dass der 44 Tage alt gewordene Jayson N. gewisse Glückserfahrungen im Leben nicht mehr machen wird können.

Inghels benennt in dem Gedicht auch, was den Menschen durch den frühen Tod vorenthalten wurde, nämlich Jayson N. kennenzulernen. „... Nicht das hier. Wir wollten eine Chance, mit dir zu reden über deine zwei Namen, den Geruch Dutzender Städte in deinem Blut, über Sonne, Mond und Sterne ...“

„Meist sind es alleinstehende ältere Menschen“

Daneben versammelt das Buch Geschichten von Obdachlosen, Verbrechensopfern, Einwanderern, Drogenkurieren und Selbstmördern. „Meist sind es jedoch alleinstehende ältere Menschen, die zu Hause aufgefunden werden, nachdem sich die Nachbarn über die Geruchsbelästigung beschwert haben“, so der Wiener Autor und Verlagsgründer Franz Hammerbacher, der die Idee zu einer deutschen Buchausgabe hatte. Auch solche Geschichten finden sich in dem Buch, „aber im Vergleich zu ihrem tatsächlichen Vorkommen sind sie unterrepräsentiert“, sagt Hammerbacher.

Autor will Projekt in reduzierter Form in Wien

Hammerbacher überlegt, das Projekt nach Wien zu holen. „Ich denke, dass es eigentlich eine Geste der Menschlichkeit wäre, dass jeder Mensch einen letzten Gruß verdient, dass niemand einfach so verscharrt wird. Aber die Frage stellt sich schon, ob es machbar ist. Ob die Anzahl der ‚Einsamen Begräbnisse‘ noch überschaubar und handelbar ist“, so Hammerbacher. Zwischen 400 und 500 solcher „Einsamen Begräbnisse“ gibt es laut Bestattung Wien alleine in der Bundeshauptstadt pro Jahr – und die Zahl nimmt zu.

Franz Hammerbacher

ORF

Hammerbacher: „Jeder Mensch verdient einen letzten Gruß“

Hammerbacher kann sich vorstellen, das Projekt in abgeänderter Form aus den Niederlanden zu übernehmen. „Es ist einfach nicht machbar, jede Woche zehn solcher Einsamen Begräbnisse in Wien zu betreuen. Ich kann mir vorstellen, das Projekt als symbolischen Akt in reduzierter Form umzusetzen. Dass beispielsweise pro Monat ein Einsames Begräbnis von einem Dichter, einer Dichterin besucht wird.“

Neben Amsterdam, Groningen und Antwerpen begleiten Dichterinnen und Dichter mittlerweile „Einsame Begräbnisse“ unter anderem in Den Haag, Löwen, Rotterdam und Utrecht. „Wen wir verabschieden, wissen wir nicht, wir empfinden auch keinen Schmerz. Aber jeder Mensch, und darum geht es, jeder Mensch verdient Respekt“, schreibt Starik im Vorwort des Buches.

Hubert Kickinger, für ORF.at

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