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Zentrum des Bebens in Norcia

Nach dem schweren Erdbeben in Mittelitalien haben Nachbeben die Menschen weiter verunsichert und in Panik versetzt. Das stärkste hatte in der Nacht zu Montag eine Stärke von 4,2, teilte die italienische Erdbebenwarte INGV mit. Das Zentrum lag wie das am Sonntag in der Nähe der Kleinstadt Norcia in Umbrien.

Tausende Menschen verbrachten die Nächte in Zelten, Notunterkünften oder im Auto, weil die Beben ihre Ortschaften verwüstet hatten. Mehr als 15.000 Menschen seien in den Unterkünften des Zivilschutzes versorgt worden, teilte die Behörde am Montag mit. Die Zahl der Obdachlosen wird aber als weit höher geschätzt. Einige kamen die Nacht auch in einem Zug unter, den die Bahngesellschaft Trenitalia in der Stadt Fabriano zur Verfügung gestellt hatte.

„Der Alptraum ist nicht vorbei“

Viele Menschen sind verzweifelt. „Schlafen? Hier wackelt alles, wie willst du da schlafen?“, sagte der Bürgermeister des Dorfes Ussita, Marco Rinaldi. „Die Wahrheit ist, dass der Alptraum nicht vorbei ist, es ist die Angst, die uns einen neuen Schlag gibt.“ Tausende Menschen wurden an die Adria-Küste gebracht. Trotz Appellen des Zivilschutzes, in Hotels an der Adria zu ziehen, verzichteten allerdings viele Betroffene darauf, ihre Dörfer zu verlassen. Die Gemeinden organisierten Zelte und Notunterkünfte. Auch Gebäude, die nicht in sich zusammengefallen sind, müssen von einem Techniker überprüft werden. Viele Menschen dürfen daher nicht in ihre Häuser zurück.

Schäden auch in Rom

Durch das Beben entstanden selbst im rund 110 Kilometer Luftlinie entfernten Rom Schäden. Zwei Kirchen wurden aus Sicherheitsgründen gesperrt, darunter nach Informationen der Nachrichtenagentur ANSA die Kirche San Francesco in der Nähe des Forums und die Kirche am Platz Sant’Eustachio, der bei Touristen sehr beliebt ist. Der Petersdom wurde auf Schäden überprüft, es wurden aber keine festgestellt.

Zwar habe das Beben „augenscheinlich (...) keine schweren Schäden in Rom angerichtet“, schrieb Bürgermeisterin Virginia Raggi auf ihrer Facebook-Seite. Gebäude würden dennoch auf Schäden hin überprüft. Die Schulen bleiben am Montag in Rom geschlossen, weil die Schulgebäude Kontrollen unterzogen werden müssen.

Menschen werden in Leonessa in Sicherheit gebracht

Reuters

Die Kleinstadt Leonessa wird evakuiert

Renzi: „Herz“ Italiens verwüstet

„Die Seele Italiens ist unruhig“, erklärte Premierminister Matteo Renzi in seinem Newsletter. Das Erdbeben habe „das Herz“ Italiens verwüstet. „Diese Dörfer sind die Identität Italiens: Wir müssen alles wiederaufbauen, schnell und gut. Wir schaffen das, weil wir alle Italien sind“, sagte der Premier. Er versicherte, dass der Wiederaufbau nach Kriterien der totalen Transparenz erfolgen werde.

Die Regierung versucht, acht Milliarden Euro für den Wiederaufbau der zerstörten Gemeinden aufzutreiben. Diesen Betrag will der Ministerrat bei einer am Montag geplanten Sitzung lockermachen, berichtete die römische Tageszeitung „La Repubblica“ am Montag.

EU kommt Italien entgegen

Die EU hat sich bereiterklärt, der italienischen Regierung wegen des Erdbebens in Mittelitalien mehr Flexibilität bei den Ausgaben für das kommende Jahr zu gewähren. „Die EU ist bereit, Italien zu unterstützen“, sagte der für humanitäre Hilfe zuständige EU-Kommissar Christos Stylianides.

Die Regierung Renzi hatte zuvor von der EU eine Lockerung der Stabilitätskriterien gefordert. So könnten zusätzliche Gelder in die Erdbebensicherung von Gebäuden fließen. Renzi denke an einen 30-Jahres-Plan für sein Land, berichtete „La Repubblica“. In den EU-Defizitregeln gibt es bereits Ausnahmen bei Naturkatastrophen und Wiederaufbau.

Wiederaufbau könnte Jahre dauern

Der Wiederaufbau in den Erdbebengebieten könnte nach Einschätzung von Fachleuten Jahre dauern. Außerdem entsprechen nach Berechnungen des Nationalen Ingenieurrats mehr als 50 Prozent der Privatwohnungen nicht den vorgegebenen Sicherheitsbestimmungen. Die Erdbebensicherung von Wohngebäuden in den am meisten gefährdeten Gegenden allein könnte demnach bis zu 36 Milliarden Euro kosten.

Staatspräsident Sergio Mattarella drängte am Sonntag auf einen schnellen Wiederaufbau. „In einem weiten Teil unseres Landes haben viele Menschen ihre Häuser verloren, viele haben Angst hineinzugehen“, erklärte er bei einem Israel-Besuch. „Der Beitrag von allen (...) ist nötig, denn so vielen unserer Mitbürger in Schwierigkeiten muss das Recht garantiert werden, in ihren Häusern in Frieden zu leben.“

Menschen flüchten aus Gebiet

Nach dem neuen schweren Erdbeben am Sonntag und einer Serie heftiger Nachbeben setzte eine Fluchtbewegung in den betroffenen Regionen Marken und Umbrien ein. 200 Einwohner der bereits am Mittwoch von einem Beben zerstörten Gemeinde Ussita haben ihren Heimatort verlassen.

Zerstörung nahe Norcia

APA/AFP/Alberto Pizzoli

Folgen des Bebens nahe Norcia

Allein in der Region Marken stieg die Zahl der Obdachlosen am Sonntag auf mehr als 25.000. Diese Zahl könne noch variieren, sagte der Präsident der Region, Luca Ceriscioli, am Sonntag. „Es ist eine enorme Zahl von Menschen.“ Hinzu kommen die Obdachlosen in der Region Umbrien, in der bei dem neuen Beben und Nachbeben Norcia besonders getroffen wurde. Der Bürgermeister der Adria-Stadt Civitanova, Tommasso Corvatta, erwartete eine „epochale Migration“.

Mönche wollen Ruinenstadt Norcia nicht verlassen

Der gesamten 5.000 Einwohner zählenden Stadt Norcia droht der Exodus. Der Stadtkern wurde wegen Einsturzgefahr abgeriegelt. Trotz des schweren Erdbebens wollen die Benediktinermönche Norcia nicht verlassen. Bei dem Erdbeben wurde unter anderem die aus dem 14. Jahrhundert stammende Basilika des Heiligen Benedikts zerstört, die von den Mönchen betreut wurde. „Ich kann es immer noch nicht fassen. Hier sind die Wurzeln des Heiligen Benedikts. Die Mauern stürzen ein, doch nicht unsere Werte. Wir verlassen Norcia nicht, und mit Gottes Hilfe werden wir Stein auf Stein alles wiederaufbauen“, sagte Pater Bruno Marin, Leiter der benediktinischen Kongregation, laut Medienangaben.

In Norcia wurden auch mehrere Ordensschwestern gerettet, die sich in einem Klausurkloster befanden. Die Feuerwehrleute mussten das Tor aufbrechen, um zu den Klosterfrauen zu gelangen. Die italienische Regierung ordnete am Sonntag die Evakuierung von Norcia an. „Ganze Städte sind in Trümmern“, berichteten Zivilschutzsprecher.

Beben seit August „geodynamisch verbunden“

Nach Angaben von Forschern muss in Mittelitalien im Schnitt alle zehn Jahre mit einem Erdbeben der Stärke 6 und mehr gerechnet werden. Mehr als 50 Prozent der Privatwohnungen in Italien entsprechen nach Berechnungen des Nationalen Ingenieurrats nicht den Sicherheitsbestimmungen. Allein die Erdbebensicherung von Wohngebäuden in den am meisten gefährdeten Gegenden könnte demnach bis zu 36 Milliarden Euro kosten.

Der Seismologe Gianluca Valensise warnt zudem vor weiteren Beben. Der Experte des italienischen Instituts für Geophysik und Vulkanologie sieht alle Beben seit August durch eine „geodynamische Verbindung“ in Bezug zueinander. Am 24. August starben in und um Amatrice 300 Menschen, erst am vergangenen Mittwoch richtete ein weiterer Erdstoß in der Gegend schwere Verwüstungen an. Zwischen den drei großen Beben gab es unzählige kleinere.

Der Apennin, der Italien von Ligurien bis nach Sizilien durchzieht, ist von geologischen Verwerfungen von jeweils zehn bis 20 Kilometer Länge durchzogen. „Ein Erdbeben der Stärke sechs oder mehr lässt Druck entstehen, der sich auf angrenzende Verwerfungen verteilt und diese brechen lassen kann“, erklärte Valensise gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Das sei „wohl das, was wir seit August gesehen haben“.

Serie „im Prinzip auf unbestimmte Dauer“

Jedes große Beben schwäche eine korrespondierende Verwerfung, sieht Valensise einen „Dominoeffekt“. Das könne sich „über Hunderte Kilometer hinweg im Prinzip auf unbestimmter Dauer fortsetzen“. Als Beispiele sieht er fünf große Beben in Kalabrien im Jahr 1783 innerhalb von zwei Monaten und drei Beben innerhalb von drei Wochen rund um Assisi im Jahr 1997. Die jetzige Serie sei jedoch von „größerem Maßstab“.

„Wenn der Prozess der Druckverteilung andere Verwerfungen findet, die kurz vor dem Bruch stehen, könnte das in den nächsten Tagen oder Wochen so weit sein“, kann Valensise keine genaueren Angaben machen. In diesem Fall würden die nächsten Beben jedoch nordwestlich oder südöstlich des jetzigen Epizentrums liegen. Auch ohne „Dominoeffekt“ müsse die nun betroffene Gegend „zumindest noch ein paar Wochen lang“ mit Nachbeben rechnen.

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