Staatsakt für Missbrauchsopfer: „Schande für unser Land“

Hochrangige Vertreter der Republik und der Kirche zollten bei einem Staatsakt für die Missbrauchsopfer von Heimen der öffentlichen Hand und der Kirche den Betroffenen gestern Respekt und Anerkennung. „Was Ihnen widerfahren ist, ist eine Schande für unser Land, und ich stehe hier und schäme mich“, sagte Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ) im Parlament.

Staatsakt für Missbrauchsopfer im Parlament

APA/Herbert Pfarrhofer

Den Staatsakt bezeichnete sie als „Geste der Verantwortung. Er kann und soll keinen Schlussstrich unter offene Diskussionen und die Aufarbeitung setzen.“ Es gehe darum, dass staatliche und kirchliche Stellen das Leid der Betroffenen anerkennen und ihre Schuld eingestehen. „Leugnen, verdrängen, vergessen“ sei nämlich über viele Jahre die Devise bei den Verantwortlichen gewesen.

Schönborn: „Wir haben vertuscht“

Der Wiener Erzbischof und Kardinal Christoph Schönborn machte schon vor der Veranstaltung deutlich, dass der Staatsakt alles andere als ein Schlussstrich unter die Missbrauchsthematik sein darf. „Wir haben in der Kirche zu lange weggeschaut“, sagte Schönborn dann im Parlament.

„Wir haben vertuscht, wir haben, wenn Missbrauch bekanntgeworden ist, Leute versetzt und nicht abgesetzt. Für diese Schuld der Kirche stehe ich heute vor Ihnen, und sage, ich bitte um Vergebung.“ Nur die Wahrheit mache frei, so der Wiener Erzbischof. „Die Kirche muss ihr Versagen hier genauso einbekennen. Ich verbeuge mich vor Ihnen und dem, was Sie erlitten haben.“

Auch Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) entschuldigte sich bei den Betroffenen und sprach von einem „Schattenkapitel unserer Geschichte“. Vielen Jugendlichen sei in Heimen „unfassbares Leid“ zugefügt worden. Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) nannte den Staatsakt „ein öffentliches Zeichen der Gesellschaft und ihrer Repräsentanten, dass Missbrauch und Gewalt in dieser Gesellschaft gestern, heute und morgen keinen Platz haben“. Öffentliche Stellen hätten versagt.

Kritik Betroffener im Vorfeld

Der Staatsakt im Historischen Sitzungssaal des Parlaments, an dem auch zahlreiche Betroffene teilnahmen, wurde bewusst im Vorfeld des internationalen Tages der Kinderrechte angesetzt. Einige tausend Kinder und Jugendliche haben in der Zweiten Republik in Heimen der öffentlichen Hand und der Kirche Leid und Unrecht erfahren und waren brutaler Gewalt, Demütigungen und Missbrauch ausgesetzt.

Von einzelnen Missbrauchsopfern gab es im Vorfeld Kritik an der Veranstaltung, insbesondere von Mitgliedern der Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt. Von „Heuchelei“ war etwa die Rede. Zudem wurde darauf hingewiesen, dass in vielen Fällen noch immer keine Entschädigungen gezahlt worden und das Thema für etliche Betroffene noch lange nicht abgeschlossen sei. Während des Staatsakts im Parlament kam es dann auch zu Unmutsbekundungen einzelner Betroffener.