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„Wir sind betrogen worden“

Samsung und Panasonic, zwei der größten Elektronikmarken der Welt, sind mit schweren Vorwürfen konfrontiert: Arbeiter, die in den Zulieferketten der Hersteller beschäftigt sind, sollen betrogen, unterbezahlt und ausgebeutet worden sein. Um einen Fabrikjob in Malaysia zu ergattern, mussten sie nach eigenen Angaben sogar zahlen.

Bei den Arbeitern, die dem britischen „Guardian“ ihre Lage schilderten, handelt es sich um 30 Nepalesen, die in für eine vermeintlich lukrative Stelle in den Süden zogen. Einige arbeiten direkt für Samsung, die Mehrheit ist aber bei Arbeitskräfteüberlassern beschäftigt. Bei Panasonic sind die Betroffenen bei Subunternehmen unter Vertrag.

Pässe wurden abgenommen

Die Männer gaben etwa an, bei ihrer Bezahlung betrogen worden zu sein. Zudem seien ihre Pässe eingezogen worden - in Malaysia eine illegale Praxis. Falls sie vor Ablauf ihres Vertrages zurück nach Nepal kehren wollten, so seien ihnen hohe Strafen angedroht worden. Ohne Pässe seien sie ihren Vorgesetzten hilflos ausgeliefert gewesen.

Ein weiterer Vorwurf betrifft die Arbeitsbedingungen: Arbeitstage von bis zu 14 Stunden seien üblich gewesen - ohne angemessene Erholungszeit und nur mit eingeschränkten Toilettenpausen. Zudem hätten sie Anwerbegebühren von umgerechnet mehr als 1.000 Euro an die Personalfirmen bezahlen müssen. Jene Männer, die für Samsung zuarbeiteten, erhoben auch den Vorwurf, über Gehalt und Gebühren belogen worden zu sein. Erst kurz vor ihrer Abreise habe man ihnen die Höhe der Anwerbegebühren mitgeteilt.

„Was sollte ich tun?“

Der Gebrauch von Arbeitskräfteüberlassern und Subfirmen ist üblich für exportorientierte Konzerne in Südostasien. Seit 2015 ist die Anwerbegebühr in Nepal mit 10.000 Rupien (etwa 86 Euro) gedeckelt. „Ich habe 115.000 Rupien bezahlt, aber nur eine Quittung über 10.000 erhalten“, schildert ein Arbeiter für Samsung dem „Guardian“. „Man sagte mir, falls ich am Flughafen angehalten werde, soll ich bestätigen, dass das alles ist, was ich gezahlt habe. Ich wusste, dass der Mann mich hintergeht, aber was sollte ich tun?“

Ein anderer sagte: „Ich wäre nicht hier hergekommen, wenn ich über Bedingungen und Gehalt Bescheid gewusst hätte. Ich wurde manipuliert.“ Der Name Samsung werde missbraucht, um die Menschen hereinzulegen. „Wir sind betrogen worden und möchten andere davor bewahren.“

Deutliche Drohungen

Einige Arbeiter sagten sogar, sie seien persönlich bedroht worden, als sie nach Hause zurückkehren wollten. Die Aufsichtspersonen der Personalüberlassung hätten ihnen klargemacht, dass man „sie in Malaysia begraben würde“.

Auch Arbeiter, die für Panasonic in Malaysia Geräteteile anfertigen, beklagten 14-Stunden-Schichten. Man stehe den ganzen Tag ohne ordentliche Pausen. Viele machten Schulden, um die Anwerbegebühren zahlen zu können. „Wenn ich einen Weg fände, um zurückzukehren, würde ich sofort gehen, aber ich bin über meine Schulden hier gefangen“, so ein Nepalese. „95 Prozent der Arbeiter hier würden das Gleiche tun.“ Manchmal habe man als Lohn nur 700 Ringgit (158 Euro) bekommen - die Hälfte des versprochenen Gehalts.

„Moderne Sklaverei“ in Malaysia

Malaysia gerät damit wiederholt in die Schlagzeilen wegen des Umgangs mit ausländischen Arbeitern. Im Jahr 2014 deckte die US-Arbeitsrechteorganisation Verite bereits auf, dass nahezu ein Drittel der 350.000 Arbeiter im Elektroniksektor unter Zwang arbeiten. Arbeitsrechtler sprachen dabei von moderner Sklaverei. Alle produzierenden Regionen, alle Produkte und Arbeiter aller Nationalitäten seien betroffen, hieß es in dem Bericht. Auch die hohen Gebühren, der Entzug des Reisepasses und die inakzeptablen Arbeitsbedingungen wurden bereits vor zwei Jahren von der Organisation nachgewiesen.

Für die beiden Elektronikriesen bedeuten die Vorwürfe im anlaufenden Weihnachtsgeschäft ein großes Imageproblem. Samsung und Panasonic wollten umgehend Untersuchungen bei ihren Zulieferern anstellen. Weder die Pässe einzuziehen, noch Gebühren zu verlangen, sei bei beiden Konzernen erlaubt.

Untersuchungen im Gange

Von Panasonic hieß es, man nehme die Vorwürfe sehr ernst. Man toleriere keine Regelverletzungen. Auch ein Sprecher von Samsung erklärte, man untersuche vor Ort die Praktiken zur Anheuerung von Arbeitern. „Wenn irgendwelche Regelverletzungen entdeckt werden, werden wir sofort korrigierend eingreifen.“

Gerade der südkoreanische Elektronikkonzern kämpft derzeit ohnehin um sein Renommee. Samsung ist zwar nach wie vor der größte Smartphone-Anbieter der Welt, der Marktanteil rutschte im vergangenen Quartal aber binnen eines Jahres von 23,6 auf 19,2 Prozent ab. Einerseits üben chinesische Wettbewerber Druck aus, andererseits erlitt der Konzern im Jahr 2016 ein erhebliches Debakel mit seinem Smartphone Galaxy Note 7.

Kieferbruch wegen Waschmaschine

Nachdem etliche Akkus des Geräts explodiert waren, musste nach einigem Zögern die Produktion gänzlich eingestellt werden. In den USA musste Samsung zudem rund 2,8 Millionen Waschmaschinen zurückrufen, bei denen sich beim Schleudern die Deckelklappe lösen konnte. Ein Kunde soll sich dabei einen Kieferbruch zugezogen haben.

Der Konzern ist breit aufgestellt und bietet unter anderem noch Fernseher, Haushaltsgeräte, Bildschirme und Halbleiter an. Zuletzt ging Samsung wieder in die Offensive und vollzog eine milliardenschwere Übernahme im Autoelektronikmarkt. Für acht Mrd. Dollar schluckte Samsung Harman International Industries. Auch ein Haushaltsgerätehersteller, eine Werbefirma und ein Kommunikationsdienst standen in diesem Jahr schon auf Samsungs Einkaufsliste.

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