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„Gegensätze ziehen sich an“ hat ausgedient

„Gegensätze ziehen sich an“, heißt es bei offensichtlich ungleichen Paaren. Doch das Phänomen, das bisher schon nicht allzu oft anzutreffen ist, wird durch den modernen Onlinepartnermarkt noch seltener. Auf Partnerbörsen wird zumeist darauf geachtet, dass viele Eigenschaften und Ansichten übereinstimmen. Bei Dating-Apps beruht die Auswahl vor allem auf Äußerlichkeiten.

Die Wahrscheinlichkeit, sich in jemanden zu verlieben, der um einiges hübscher oder viel weniger attraktiv ist als man selbst, wird damit tendenziell seltener. Pärchen mit unterschiedlichem Attraktivitätslevel seien rar, schreibt das Onlinemagazin Priceonomics.

Studien zufolge sei der wohlbekannte Satz „Gegensätze ziehen sich an“ mittlerweile eher ein Mythos. Ob zwei Menschen eine Beziehung eingehen, hänge mit dem Verfahren der „aussortierten Paarung“ zusammen - also der Hypothese, dass eher jene Menschen zusammenkommen, bei denen sozialer Hintergrund, Bildungsgrad, Persönlichkeitsmerkmale und natürlich das Attraktivitätslevel sich auf gleicher oder ähnlicher Höhe befinden.

Hinter die Fassade blicken

Bei Menschen, die sich auf einer Verabredung das erste Mal kennenlernen, sei es sehr unwahrscheinlich, dass ein Siebener auf der Attraktivitätsskala einen Zehner zum Partner nehmen würde. Erst je länger man sich kenne, desto höher seien die Chancen, dass das äußere Erscheinungsbild eine untergeordnete Rolle spiele.

Diese Aussage beruht auf wissenschaftlichen Untersuchungen von Lucy Hunt von der University of Texas in Austin. Sie startete eine Studie zum Thema Zeit und Attraktivität unter Paaren. Dabei stellte sich heraus, dass Partner, die sich bei einer Verabredung kennenlernten, ungefähr gleich attraktiv waren. Unter den Paaren, die zunächst nur befreundet waren, bevor es Liebe wurde, wären aber Dreier mit Siebenern ausgegangen, und Fünfer hätten Achter geheiratet.

Zeit entscheidender Faktor

Dabei stellte sich den Wissenschaftlern die Frage, ob Bekannte über die Äußerlichkeiten deshalb hinwegsahen, weil sie die Persönlichkeit und deren einzigartige Eigenschaften kannten oder weil das Verabreden unter Freunden weniger „konkurrierend“ sei.

Date an einer Bar

Getty Images/Alistair Berg

In einer Bar ist der Wettstreit wohl härter als im Freundeskreis

Die gleiche Gruppe von Wissenschaftlern wollte auch hierfür Antworten finden und führte eine Übung mit Studenten der UT Austin durch. Zu Beginn des Semesters mussten die Studentinnen und Studenten Angaben über die Anziehungskraft ihrer Kolleginnen und Kollegen machen – dabei durften sie sich auch auf Attribute beziehen, die außerhalb des bloßen Erscheinungsbildes lagen. Die Ergebnisse zeigten, dass sich die Studierenden relativ einig waren, wer gut, und wer weniger gut aussah.

Drei Monate später wurde ihnen die gleiche Frage erneut gestellt. Viele der Angaben hatten sich im Laufe der Zeit verändert, was darauf hinweist, dass die Persönlichkeit einen großen Einfluss darauf hatte, wer begehrenswert war.

Männer treiben „assortative Paarung“ voran

Mit Dating-Apps wie Tinder beispielweise wird zunächst lediglich anhand des Äußeren entschieden, ob man sich füreinander interessiert oder nicht. Infolgedessen kommt es selten dazu, dass sich ein Dreier mit einem Zehner treffen würde, vermutet Priceonomics.

Natürlich habe jeder seine ganz individuellen Präferenzen hinsichtlich der Attraktivität. Doch während die Vorstellungen von Frauen viel weiter auseinandergehen, seien sich Männer jedoch relativ einig, erklärte der Chef der Dating-App Hinge, Justin McLeod, im Interview mit Priceonomics. Daten von Dating-Apps würden bestätigen, dass es Frauen gibt, die von 95 Prozent der Männer als attraktiv bewertet werden. Für Männer gebe es so einheitliche Bewertungen nicht. Erst wenn 40 Prozent der Frauen einen Mann „bejahen“, gelte er als attraktiv.

Unter heterosexuellen Paaren seien es also die Männer, die das „assortative Dating“ vorantreiben – und dafür verantwortlich sind, dass Paare mit unterschiedlichem Attraktivitätslevel immer seltener werden.

Matching-Verfahren nicht nur anhand von Fotos

Andere Dating-Apps wie eben Hinge versuchen sich ein wenig davon zu entfernen. Zwar arbeite Hinge ebenfalls mit dem Matching-Verfahren anhand von Attraktivität, benutze es jedoch nicht als ausschließlichen Algorithmus, erklärte McLeod.

Frau mit Hinge-App

AP/Charles Krupa

Hinge versucht sich von der Suche allein nach dem Aussehen zu distanzieren

Hinge verwende zwei Filtersysteme, um die User zusammenzubringen: Wie bei Empfehlungen auf Amazon schlägt Hinge einerseits Profile vor, die jenen ähneln, die vom Nutzer bereits gelikt wurden. Andererseits merke sich die App auch, welche Charakteristika einem an dem Profil gefallen haben und schlägt dementsprechend Profile vor, die ähnliche Eigenschaften angegeben haben.

Partnerbörsen als Rettung „gemischter“ Paare?

Genau mit diesen Verfahren arbeiten auch Partnervermittlungsbörsen, denn dort spielen laut der Psychologin Caroline Erb, die für die Plattform Parship tätig ist, neben einem ausführlichen Fragebogen, dessen Auswertung passende Menschen zusammenbringen soll, auch „Anonymität, Privatsphäre und der stufenweise Kontaktaufbau eine wesentliche Rolle“.

Parship-Psychologin Caroline Erb

Parship.at

Erb ist Psychologin bei Parship

Denn zunächst blieben nicht nur Name und Anschrift der Singles verborgen, so Erb weiter, auch die Fotos seien zunächst verschlüsselt und würden nur verschwommen dargestellt. Der Grundsatz lautet „So viele Gemeinsamkeiten wie möglich, so viele Unterschiede wie nötig“ – bezogen auf die Charaktereigenschaften wohlgemerkt. Hier könnten durch das virtuelle Kennenlernen in Stufen also immer noch zumindest auf dem Attraktivitätsniveau „gemischte“ Paare zustande kommen.

Es werden eher auf anderer Ebene „homogene“ Paare produziert. Über zahlreiche Fragen werden Charaktereigenschaften und Ansichten abgefragt – und logischerweise werden Partner bevorzugt, die dieses Set an Einstellungen teilen. Potenzielle Partner mit größeren Abweichungen davon kommen gar nicht infrage, genauer unter die Lupe genommen zu werden. Beim altmodischen Kennenlernen gibt es zumindest die Chance, sich in jemanden zu verlieben, dessen Ansichten man zwar nicht teilt, aber toleriert.

Die Frage nach dem Glück

Ob „gemischt attraktiv“ oder „gleich attraktiv“ und ähnlich gepolt oder ganz unterschiedlich: Studien sind sich nicht einig, wenn es um das Glück dieser Paarkonstellationen geht. Manche Statistiken geben an, dass optische Anziehungskraft einen Unterschied mache, manche wollen das Gegenteil beweisen. Generell jedoch gibt es keine eindeutigen Beweise dafür, dass die Attraktivität zum Glück beiträgt. Sicher ist, dass der Dating-Markt brutal ist und es einen enormen Konkurrenzkampf gibt.

Das Aussehen bei der Partnerwahl via Dating-App steht stark im Vordergrund und schmälert dadurch vielleicht die Chancen, jemanden zu finden, der vielleicht kein Model ist, aber auf Dauer viel besser zu einem passt.

Yasmin Szaraniec, für ORF.at

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