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Die Angst vor der Umverteilung

Weithin gelobt worden ist der erste Film „Es muss was geben“ des gebürtigen Linzers Christian Tod über die Linzer Undergroundmusikszene. Nun ist seine neue Arbeit „Free Lunch Society“ im Rahmen des Filmfestivals This Human World zu sehen. Darin propagiert er die Umsetzung des bedingungslosen Grundeinkommens. Nicht Arbeitszwang, sondern Freiheit sei der Schlüssel zu einer besseren Welt, sagt er gegenüber ORF.at.

ORF.at: Wie haben Sie die Auswahl der Befragten getroffen?

Christian Tod: Die üblichen Experten heranzuziehen wäre naheliegend gewesen, hat mich aber sofort selbst gelangweilt. Also habe ich versucht, Leute zu finden, die zwar etwas Fundiertes und Interessantes zum Grundeinkommen sagen können, aber nicht unbedingt als Experten direkt damit zu tun haben. Dazu war für mich außerdem schnell klar, viel Archivmaterial zu verwenden, um den visuellen sowie inhaltlichen Bogen spannen zu können zwischen früherer Geschichte, aktuellen Gegebenheiten und möglichen zukunftsweisenden Entwicklungen.

Christian Tod

This Human World

Christian Tod

ORF.at: Sie steigen mit einer Szene aus „Star Trek: The Next Generation“ ein. Was hat Captain Picard mit der Frage nach dem Grundeinkommen zu tun?

Tod: „Star Trek“ war immer schon ein Hinweis darauf, dass Geld in der Zukunft nicht mehr existieren könnte und es dann darum geht, sich selbst zu verbessern und wirklich seiner Kompetenz und seiner Neigung entsprechend arbeiten zu können, also davon zu leben, dass man tut, was einem wichtig ist.

ORF.at: Als eines der Hauptargumente gegen das bedingungslose Grundeinkommen wird immer wieder angeführt, niemand würde dann noch etwas „tun“, also die Menschen würden aufhören zu arbeiten. Können Sie das nach der jahrelangen Recherche zu Ihrem Film bestätigen?

Tod: Ganz im Gegenteil. Ich habe fünf Jahre lang an dem Film gearbeitet und im Zuge dessen zahlreiche Menschen aus den verschiedensten Lagern und Lobbys und mit den unterschiedlichsten Zugängen interviewt. Aus all dem Material gibt es für mich zwei Schlussfolgerungen. Eine faktisch belegbare, nämlich dass das bedingungslose Grundeinkommen für jeden Staat finanzierbar ist.

Denn wie im Film auch an einer Stelle vorgerechnet wird, macht es zahlenmäßig keinen Unterschied, ob man zum Beispiel „Food Stamps“-Programme finanziert oder das Geld direkt an die Bürger weitergibt. Und zum anderen die Schlussfolgerung, dass Menschen erst dann ja wirklich begeistert und engagiert arbeiten, wenn sie es ohne Angst und ohne Druck tun können. Dazu muss man sich ja nicht erst die vielen langen Krankenstände und Frühpensionen ansehen.

ORF.at: Der Gründer der Initiative Mein Grundeinkommen sagt im Film, die Menschen würden durch das herrschende Arbeitssystem, das im Prinzip auf Bestrafung für nicht erbrachte Leistung basiere, erst zur Faulheit erzogen. Und Dm-Gründer Götz Werner spricht von Vertrauen. Welche Rolle spielt gegenseitiges Vertrauen in die Leistung der anderen bei der Frage nach dem bedingungslosen Grundeinkommen?

Tod: Wahrscheinlich die größte Rolle. Für sich selbst würde man die Frage, ob man trotz freien Pauschaleinkommens weiter arbeiten würde, wohl meist positiv beantworten. Aber den anderen vertraut man dahingehend nicht. Sozialhilfeempfänger und Arbeitslosengeldbezieher sind einerseits stigmatisiert, andererseits gibt es das vorherrschende Misstrauen, dass diese Menschen mit diesem Geld „ohnehin nur Missbrauch“ treiben würden. Man ist in dem etablierten System vom Hamsterrad der Leistungserbringung, Belohnung und Bestrafung bis hin zur Pension und dem anschließenden Nichtstun, das doch oft als „Verdammnis“ empfunden wird, derart gefangen und konditioniert, dass man sich selbst nichts zutraut, noch weniger aber den anderen.

Die protestantische Arbeitsethik macht es schwer, den Gedanken zu unterstützen, für etwas Geld zu bekommen, das nicht in direktem Belohnungsbezug für eine unmittelbar erbrachte Leistung steht. Effiziente und wirklich wertvolle Leistung aber generiert sich nicht über Angstmotivation, sondern über freie Motivation.

ORF.at: Freiheit für den Einzelnen, zumindest eine größere Freiheit als bisher, wäre eine Konsequenz der Umsetzung des bedingungslosen Grundeinkommens. Diese wiederum würde aber Machtinhabern gefährlich werden, argumentiert Ihr Film.

Tod: Das bedingungslose Grundeinkommen bedeutet nicht nur konkret wirtschaftlich die Umverteilung von vorhandenem Geld, sondern damit einhergehend eine Machtumwälzung. Lohnarbeit ist ein Druckmittel der Eliten. Bricht das weg, sind die „Unterschichten“ oder allein schon die mittlerweile ohnehin prekäre Mittelklasse plötzlich mit Macht ausgestattet. Das würde folglich auch eine Machtumverteilung bedeuten und schließlich eine anders umgesetzte Demokratie. Also eine Bedrohung für die etablierte Politik.

Obwohl Sie auch mit Gegnern des bedingungslosen Grundeinkommens gesprochen haben, kommen diese im Film nicht zu Wort. Warum nicht?

Tod: Das war eine bewusste Entscheidung von mir. Da habe ich eine politische Haltung, die ich mit dem Film zum Ausdruck bringen möchte. Denn gerade was dieses Thema betrifft, haben die meisten Menschen Vorurteile. Ich rechne damit, dass die meisten die Idee ablehnen. Das Publikum dieses Films ist also im Ausgangspunkt der Gegner. Doch ich möchte mit dem Film diverse Fragen beantworten, vor allem aber konkrete Lösungsvorschläge zeigen und anbieten. Film ist für mich schon auch ein Mittel der politischen Aktion.

Das Gespräch führte Alexandra Zawia, für ORF.at

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