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„An den Schulen ansetzen“

Die PISA-Studie hat erneut ein Schlaglicht auf die Mängel in Österreichs Bildungssystem geworfen. Auffällig dabei: Fast jeder Dritte gilt als Risikoschüler, und Schüler mit Migrationshintergrund schneiden noch immer schlechter ab als Jugendliche, deren Eltern in Österreich geboren wurden. Expertin Heidi Schrodt nennt Maßnahmen, die hier rasch helfen könnten.

Dazu müsse man sich an Beispielen wie Deutschland und Großbritannien orientieren, so die frühere AHS-Direktorin und Proponentin des Bildungsvolksbergehrens im Ö1-Mittagsjournal. Dort habe man mit kleineren Maßnahmen schnell deutliche Erfolge erzielen können. Wenn man auf eine große Systemänderung warte, riskiere man, dass inzwischen noch mehr Schüler zurückfallen, so Schrodt.

Stagnation im Mittelfeld

Österreich konnte sich bei der am Dienstag präsentierten PISA-Studie nicht verbessern, bei der Bildung bleibt das Land weiter Mittelmaß. Die Ergebnisse waren sogar etwas schlechter als bei der letzten Erhebung 2012. Fast jeder dritte getestete Schüler in Österreich gehört in zumindest einem der drei Testgebiete (Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften) zur Gruppe der Risikoschüler, die „gravierende Mängel“ aufweisen. 13 Prozent haben sogar Probleme in allen drei Domänen. Damit liegt Österreich exakt im OECD-Schnitt.

Noch immer starken Einfluss auf die Ergebnisse haben Migrationshintergrund, Bildung der Eltern und das Geschlecht der Schüler. Österreich gehört zu jenen Ländern, in denen Jugendliche mit Migrationshintergrund die größten Leistungsnachteile haben. Zwar hat sich der Abstand zu Schülern, deren Eltern in Österreich geboren wurden, über die Jahre deutlich verringert (in Lesen zwischen 2000 und 2012 von 93 auf 51 Punkte, in Naturwissenschaften von 2006 bis 2012 von 90 auf 70 Punkte). Der positive Trend wurde 2015 allerdings gestoppt.

Positivbeispiel London

„Ich würde bei den Standorten ansetzen, wo die Ergebnisse besonders schlecht sind“, so Schrodt. Auch die britische Hauptstadt London habe vor einigen Jahren noch gravierende Probleme gehabt: „London hat ein ganz schlechtes Schulsystem gehabt, und die sind jetzt seit Jahren weit über dem nationalen Schnitt, trotz der hohe Zuwanderungsquote.“

2003 seien noch etliche Schulen vor der Schließung gestanden, weil der Output zu gering gewesen sei. „Man hat dort eine begleitete Qualitätsoffensive gestartet: Es wurde an der Qualität des Unterrichts gearbeitet, Lehrer und Lehrerinnen wurden fortgebildet, die Schulleitungen – und das war ganz zentral - wurden professionalisiert.“

Erfolgsfaktor Netzwerk

Zudem hätten erfolgreiche Schulen mit erfolglosen Einrichtungen systematisch kooperiert. „Das war ein gemeinsamer Entwicklungsprozess und auch ein Schlüssel des Erfolgs, ein Lernen voneinander.“ Heute sei Londons gesamtes Schulwesen in Netzwerken organisiert. Diese Netzwerke bleiben auch nach Beendigung des Programms erhalten.

Innerhalb von fünf Jahren wurden die Schulen, die noch kurz vor der Schließung standen, so gut, dass sie nicht mehr im Programm bleiben mussten und man andere Schulen hineinnehmen konnte. „Interessant ist, dass sich die Schülerschaft, die Durchmischung kaum geändert hat.“

Sofortmaßnahme in Österreich

So seien gezielt mehr Ressourcen in Schulen mit besonderen Herausforderungen geflossen, die auch geholfen hätten - ohne große, umfassende Reform. Auch in Hamburg oder Zürich gebe es Vorbilder von gezielter Förderung von Brennpunktschulen.

PISA-Ergebnisse: Was sagen Schüler und Lehrer?

Auch am Tag nach der Veröffentlichung der PISA-Studie reißt die Kritik der Opposition an der Regierung nicht ab. Aber was sagen die, die direkt betroffen sind? Die ZIB hat sich in einer Wiener Schule umgehört.

Und Österreich könnte sich daran ein Beispiel nehmen. So könnten etwa Kinder, die ohne Deutschkenntnisse oder ganz ohne Alphabetisierung ins Schulsystem kommen, in flexiblen Lerngruppen intensiv Deutsch lernen. Aber, so die Mahnung, ohne Geld in die Hand zu nehmen, würde es nicht gehen.

Status und Geschlecht ausschlaggebend

Aber auch bei anderen Faktoren hat Österreich Aufholbedarf: So ergab die PISA-Studie, dass hier der sozioökonomische Status vergleichsweise viel Einfluss auf die Leistungen der Schüler hat. In Naturwissenschaften erreichen Kinder von Akademikereltern in allen drei Domänen rund 100 Punkte mehr als Schüler, deren Eltern maximal einen Pflichtschulabschluss haben. Das entspricht einem Leistungsunterschied von mehr als zwei Lernjahren.

Auch das Geschlecht spielt eine große Rolle in Österreich: In keinem anderen OECD-/EU-Land gibt es bei PISA 2015 einen derart großen Leistungsvorsprung von Buben in den Naturwissenschaften und in Mathematik wie in Österreich. Beim Lesen sind die Mädchen vorne, der Vorsprung vor den Buben ist allerdings geringer als früher.

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