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Leidenschaft und Strebertum

Zwei österreichische Autoren sind die Abräumer auf dem Buchmarkt - und das nicht nur in ihrer Heimat: der Tiroler Bernhard Aichner und der Niederösterreicher Marc Elsberg. Die neuen Thriller der beiden werden von Buchhandlungen in Kassennähe gestapelt.

Aichner ist ein Enthusiast und Optimist, und zwar einer, dem das Leben recht gibt. Von den ersten beiden Teilen seiner Blum-Trilogie („Totenfrau“ und „Totenhaus“) wurden alleine im deutschsprachigen Raum 300.000 Stück verkauft; Übersetzungen in 16 Sprachen liegen vor. In den USA vertrieb der Stephen-King-Verlag Scribner das Buch, demnächst wird die Reihe dort als TV-Serie produziert.

Als sich die Lizenzen bereits in alle Welt verkauften, noch bevor das erste Buch fertig war, kürte man Aichner zum Shootingstar Nummer eins: „Es schaut immer alles so leicht aus. ‚Über Nacht‘ ist der Erfolg gekommen, haben sie geschrieben.“ So war es aber nicht, erzählt er im Interview mit ORF.at. Aichner hatte bereits fünf Bücher veröffentlicht, die „nicht oder nur mäßig“ erfolgreich waren.

Autor Bernhard Aichner

Fotowerk Aichner

Aichner arbeitete zu Recherchezwecken als Bestatter

„15 Jahre harte Arbeit“

Fünf Bücher - neben einem Fulltime-Job bedeutet das „15 Jahre harte Arbeit“; jeden Abend schreiben, am Wochenende schreiben, im Urlaub schreiben, „einebuckeln“, wie der Tiroler sagt. Nie aufgeben, auch wenn der Durchbruch nicht und nicht kommen mag: „Das geht nur mit Fleiß und extremer Leidenschaft.“ Sich weiterentwickeln, immer wieder neu erfinden, Ansätze verwerfen, schreiben üben. Aber Aichner ist ja positiv: „Ein Glück, dass mir das alles extreme Freude macht. Außer Liebe gibt’s nichts Schöneres im Leben.“

Wer Aichner auf Facebook folgt, wird von seiner Frohnatur angesteckt. Aichner malt, schreibt, kritzelt, teilt mit Fans seine Freude über Etappensiege auf dem Weg zum Ruhm. Aber man sieht, wie anstrengend jede dieser Etappen ist: Hunderte Lesungen, Intensivkontakt mit Lesern, Interviews. Andere Autoren hassen diesen Part ihres Berufs, Aichner naturgemäß nicht: „Es gehört dazu, das sind 50 bis 60 Prozent des Jobs - aber ich mache das gerne.“

„Mama hat sie alle umgebracht“

Aichner ist auch jemand, der akribisch recherchiert. Blum, die Rächerin in seinen Büchern, ist Bestatterin - also half der Autor eine Zeit lang in einem Bestattungsinstitut aus. Im letzten Band, „Totenrausch“, der ab sofort erhältlich ist, ist Menschenhandel in Hamburg am Rande ein Thema. Aichner verbrachte deshalb zwei Tage mit einem Ermittler in Hamburg. Aber um gesellschaftspolitische Relevanz geht es ihm nicht in erster Linie.

Ihm geht es um Gefühle. Jahrelang tüftelte Aichner herum, wie er Gefühle am besten an den Leser bringt, und er hat sich dabei eine eigenständige Sprache erarbeitet, deren Sound man schon nach ein paar der kurzen, stakkatoartigen Sätze ohne jeden Zweifel erkennt, eine Sprache, die den Leser durch den Text peitscht: „Blum ist sicher, irgendwo da unten wohnt sie, hinter irgendeinem dieser Fenster sind ihre Kinder. Und Blum wird sie finden. Sie in die Arme nehmen. Mama hat alles in Ordnung gebracht, wird sie sagen. Mama hat sie alle umgebracht.

„Garant für schlaflose Nächte“

Nicht nur von den Kritikern der Boulevardmedien („Daily Mail“: „Schnell, kantig und fesselnd“), auch im Feuilleton heimste Aichner Bestnoten für seinen knappen Stil, seine Charakterzeichnung und den Spannungsaufbau ein: Er sei ein „Garant für schlaflose Nächte“ schrieb der „Independent“. „Blum ist ein großartiger Charakter, und wenn Aichners Handlung, die einem Zug ohne Lokomotivführer gleicht, dort ankommt, wo sie hingehört - nämlich im Krematorium - dann möchte man jubeln“, hieß es im „Guardian“. Unterhaltung, Spannung, Gefühle - das schon; aber dafür, Sachbücher im Krimigewand zu schreiben, „zum Beispiel über das Stromnetz“, dafür seien andere zuständig, sagt Aichner.

Jedes Detail muss passen

Das Stromnetz? Das ist unschwer als Anspielung auf Elsberg und seinen Millionenbestseller „Blackout“ zu erkennen, in dem ein internationaler Stromausfall für Chaos und Thrill sorgt. Im Interview mit dem „kultur.montag“ sagt Elsberg, dass er sich in die Themen seiner Bücher so sehr einrecherchiert, dass er als Fachreferent zu Tagungen eingeladen werde. Eine Arbeit, die sich auszahlt. Kurz vor Dezember waren alle drei Bücher seiner Trilogie gleichzeitig in der „Spiegel“-Bestenliste: neben „Blackout“ auch „Zero“ und das im Dezember erschienene „Helix“, in dem es um Gentechik geht.

Autor Marc Elsberg

ORF

Elsberg im „kultur.montag“-Interview im Sofitel über den Dächern Wiens

Elsberg erzählt eine ähnliche Geschichte wie Aichner. Auch er schrieb einige Bücher neben seinem eigentlichen Job in der Werbebranche, bevor er mit „Blackout“ den Durchbruch schaffte. Mehrere Jahre arbeitete er an dem Buch: Jedes Detail sollte passen. Jetzt, mit voller Konzentration auf das Schreiben, geht es etwas schneller, aber Elsberg ist noch immer keiner, der Thriller im Jahrestakt veröffentlicht, nur weil er heraußen hat, wie man Bestseller schreibt.

Keine Literatur?

Über den Vorwurf, seine Bücher seien nicht literarisch, die Sprache zu profan, die Charaktere zu flach gezeichnet, ärgert sich Elsberg sichtlich. Bisher habe ihm noch keiner, kein Agent, kein Verlagsmitarbeiter und kein Journalist erklären können, was „Literatur“ von anderen erzählenden Formen unterscheide. Deshalb könne er entsprechende Kritik nicht ganz ernst nehmen - und außerdem teile er dieses Schicksal mit allen Schriftstellern der Genre-Literatur, ob sie nun Thriller, Horrorromane oder romantische Bücher schrieben.

Aichner und Elsberg: Beide haben gerade erst ihre jeweilige Trilogie abgeschlossen und harren der Verfilmung ihrer Stoffe. Aber selbstverständlich schreibt Aichner schon an einem neuen Buch, ohne Blum, aber wieder einen Thriller. Und auch Elsberg gibt auf Facebook bekannt, dass er kurz einmal Pause macht, dann aber gleich auf Lesereise geht und - mit dem nächsten Buch beginnt. Ein bisschen Streber sind die beiden schon. Sehr zur Freude ihrer Leser.

Simon Hadler, ORF.at

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