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Lebensmittelhandel unter Zugzwang

Die Zustellung von Frischware ist extrem teuer, aufwendig und wirft noch kaum Profit ab. Trotzdem rühren mittlerweile sowohl Spar als auch die beiden REWE-Händler Merkur und Billa die Werbetrommel für ihre Onlineshops, in denen man Lebensmittel online bestellen und sich bis vor die Haustür liefern lassen kann.

Bis auf Hofer haben seit September des vergangenen Jahres alle großen Lebensmitteleinzelhändler einen Onlineshop. Billa und Unimarkt liefern österreichweit, Spar nur in Wien, Merkur zudem in mehrere Gemeinden im Umland der Hauptstadt.

Die Lieferservices sind eine reizvolle Option für Personen mit wenig Kraft, Zeit oder Lust zum Einkaufen. Gerade auf dem Land erscheint ein Lieferdienst sinnvoll, unter anderem, damit mehr Privatautos in den Garagen bleiben. Gratis ist das Service aber nicht. Bei allen Shops gilt ein Mindestbestellwert, auch Lieferkosten - in der Regel zwischen 3,90 und 9,90 Euro - sind zu berappen.

Weit weg von rentabel

Für die Supermärkte bringt das keinen Profit. Spar und REWE geben unumwunden zu, dass ihre Onlineshops mehr Geld verbrennen als einbringen und durch die stationären Filialen querfinanziert werden. Sie brauchen teure Logistik, mehr Personal und IT, gleichzeitig ist der Lebensmittelhandel im Netz in Österreich noch nicht wirklich angekommen.

Die Bestellungen von Getränken und Essen machen derzeit gerade einmal ein Prozent aller Onlineverkäufe aus. Doch die Händler sprechen von „rapiden Wachstumszahlen“, wittern einen Zukunftsmarkt - und eine Möglichkeit, früh genug zu verhindern, dass sie das Schicksal des Buchhandels ereilt, der von der ungebrochenen Marktmacht des US-Riesen Amazon schwer gebeutelt ist.

In der Filiale zusammengestellt

Was sich nun hinter der Kulisse abspielt, wenn der Kunde seine Waren ins digitale Einkaufswagerl legt und auf „Bestellen“ klickt, ist bei allen drei Shops ähnlich: Die Order wird in speziellen, strategisch gut gelegenen Filialen von Mitarbeitern zusammengestellt und eingelagert. Ein Fahrer einer externen Botenfirma holt sie dort ab und liefert sie anschließend in einem gekühlten Lieferwagen zum Kunden.

"amazon fresh"-Lieferung

Reuters/Brendan McDermid

Amazons Lebensmittellieferdienst Fresh ist in London sowie diversen US-Städten verfügbar

Vorgesehen ist, dass die Ware an einem bestimmten Datum und innerhalb eines Zeitfensters zugestellt wird, die der Kunde bei der Bestellung gewählt hat. Deren Länge variiert, aber zwei Stunden muss man sich mindestens Zeit nehmen. Bestellt man früh genug, ist eine Lieferung am selben Tag möglich. Wie im Geschäft kann auch bei der Hauszustellung mit der Bankomatkarte oder bar bezahlt werden. Auch Rabatte gelten - nur nicht für die wöchentliche Bieraktion von Spar. Diese würde zu logistischem Chaos führen.

Zentrales Onlinelager für Billa geplant

Bei Merkur werden die Waren derzeit in zwei Filialen kommissioniert - eine Filiale in Vösendorf bedient den Süden, eine in Floridsdorf den Norden Wiens. Pi mal Daumen stellt ein Fahrer für Merkur derzeit pro Tag zehn bis 15 Lieferungen zu, je nach Bestellvolumen. Für Billa soll heuer sogar ein „Food Fulfillment Center“ in Wien eröffnen - quasi ein großes, gekühltes Frischelager, in dem alle Onlinebestellungen zentral abgewickelt werden.

Große Pläne für ein Geschäft, das noch auf wackeligen Beinen steht. Derzeit liefert der Onlineshop von Billa einen niedrigen einstelligen Prozentbereich vom Umsatz, wachse aber dynamisch. Für die Größenordnung: Im vergangenen Dezember gab es laut REWE bei Merkur in der ersten Woche rund 740 Bestellungen. Momentan mache der Onlineshop so viel Umsatz wie fünf Billa-Filialen. Im Jahr 2020 soll er so hoch sein wie von 25 bis 30 Filialen.

Der große Gegner Amazon

Auch wenn die hiesigen Lebensmittelketten betonen, dass es sich bei dem Onlinegeschäft um eine „Ergänzung“ und einen „Testlauf“ handelt: Angesichts der für den stationären Handel beängstigenden Entwicklungen steht auch das Lebensmittelsegment unter Zugzwang. Der Gegner heißt auch hier: Amazon, diesmal mit dem Zusatz Fresh. Der Lebensmittellieferdienst des US-Riesen ist in London und mehreren großen US-Städten bereits verfügbar.

Für eine Zusatzmitgliedschaft von 200 Dollar im Jahr (187 Euro) kann man sich alles von der Mango bis zum Steak liefern lassen, unter anderem auch von lokalen Spezialitätenhändlern. Obwohl Amazon auf langjähriges Logistik-Know-how, ein ausgebautes Liefernetz, einen Schatz an Kundendaten sowie deren nötiges Vertrauen zurückgreifen kann und dazu noch diese Gebühren einhebt, hadert der US-Riese mit der Rentabilität des Frischwarenhandels.

„Müssen uns warm anziehen“

„Wir müssen uns warm anziehen gegen Amazon Fresh“, sagte nichtsdestotrotz REWE-Chef Alain Caparros der deutschen Zeitung „Rheinischen Post“. Der Gedanke, dass Amazon von den Kunden als bester Einzelhändler wahrgenommen werde, verursache ihm Bauchschmerzen. Wenn der Handel die Verzahnung des stationären Handels mit dem Onlinegeschäft nicht hinbekomme, werde er irgendwann von Amazon abgehängt, so Caparros.

Die österreichischen Händler geben sich hinsichtlich einer möglichen Konfrontation jedenfalls zuversichtlich und betonten vor allem ihr Expertentum. Es sei „ein Unterschied, ob man mit Lebensmittel oder mit Büchern“ arbeitet, so REWE. Für den Konzern liegt die Entscheidung für oder gegen Amazon in denselben Gründen, wegen derer man sich auch „offline“ für einen Supermarkt entscheidet: Vertrauen, Frische, Herkunft.

Kampflustig gibt sich auch Spar: Man brauche sich vor Amazon „bestimmt nicht fürchten“. Zum einen könne man das ganze Interspar-Sortiment inklusive regionaler Ware anbieten, zum andere kenne man die Kunden und genieße deren Vertrauen. Noch nicht ganz überzeugt ist Hofer: Man beobachte das Thema E-Commerce auf dem Lebensmittelmarkt zwar sehr genau, mittelfristig plane man aber keinen Onlineshop.

Saskia Etschmaier, ORF.at

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