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Von „Kill Switch“ bis Grundeinkommen

Vom selbstfahrenden Auto über den Chatbot im Internet bis zu diversen Haushaltshelferlein: Roboter prägen zunehmend unseren Alltag. Rund 1,7 Mio. sind zurzeit weltweit im Einsatz. Allgemeine Regeln zum Umgang mit den autonomen Maschinen fehlen jedoch weitestgehend. Zumindest für die EU soll sich das nun ändern, fordern EU-Parlamentarier.

1942 hat Isaac Asimov in seiner Kurzgeschichte „Runaround“ versucht, eine grundlegende Roboterethik zu skizzieren. Seine drei Gesetze der Robotik sind inzwischen fester Bestandteil der Popularkultur. Und 75 Jahre danach haben sie sogar Eingang in ein EU-Dokument gefunden.

Asimovs drei Regeln der Robotik

  • Ein Roboter darf kein menschliches Wesen verletzen oder zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.
  • Ein Roboter muss menschlichen Befehlen gehorchen - es sei denn, ein solcher Befehl würde Regel eins widersprechen.
  • Ein Roboter muss seine eigene Existenz schützen, solange das nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

Solange Roboter kein Selbstbewusstsein hätten, müssten die „Robotergesetze von Asimov auf Konstrukteure, Hersteller und Bediener von Robotern gerichtet angesehen werden“, heißt es in einem Resolutionsentwurf des Europäischen Parlaments. Am Donnerstag wurde er von den Abgeordneten des parlamentarischen Rechtsausschusses angenommen.

„Neue industrielle Revolution“

Die Resolution soll Anstoß für europäische Gesetze sein, die in Zukunft das Zusammenleben zwischen Mensch und Maschine regeln. „Robotik beeinflusst eine wachsende Zahl von Bereichen unseres täglichen Lebens“, sagt die sozialdemokratische EU-Abgeordnete Mady Delvaux. Die zuständige Berichterstatterin im Rechtsausschuss wünscht sich „dringend einen stabilen europäischen Rechtsrahmen“.

Denn, so formuliert es wieder der Entwurf: Die Menschheit stehe „mittlerweile an der Schwelle einer Ära (...), in der immer ausgeklügeltere Roboter, Bots, Androiden und sonstige Manifestationen künstlicher Intelligenz (KI) anscheinend nur darauf warten, eine neue industrielle Revolution zu entfesseln“. Das klingt vielleicht wie der Prolog eines Science-Fiction-Romans. Der von Delvaux verfasste Entwurf will aber im Hier und Jetzt ansetzen.

Nissan Vmotion 2.0 bei der Detroit Autoshow

APA/AFP/Saul Loeb

Noch sind sie Prototypen in der Testphase. Doch in den kommenden Jahren sollen selbstfahrende Autos Alltag werden.

EU-weite Gesetze sollten sich erst einmal auf bereits existierende Roboter und die Entwicklungen der kommenden 15 Jahre konzentrieren. Darunter fallen zum Beispiel auch selbstfahrende Autos. Solche autonomen Systeme werden sehr wahrscheinlich in wenigen Jahren ein fixer Bestandteil des Straßenverkehrs sein. Einheitliche Regeln dazu - etwa wer bei einem Unfall haftet - gibt es aber noch keine.

Die Ethik hinter der Praxis

Die Haftungsfrage ist zunächst einmal eine ganz praktische - doch dahinter wartet bereits die Ethik. Was darf ein Roboter tun? Und wer ist für das Verhalten intelligenter Maschinen am Ende verantwortlich? Umso drängender werden solche Fragen, wenn Maschinen so programmiert werden, dass sie sich selbst Dinge beibringen.

Vor rund einem Jahr schaffte es Microsofts Chatbot „Tay“ in die Nachrichten. Das Programm sollte selbstständig lernen, wie junge Menschen in Sozialen Netzwerken miteinander kommunizieren. Nach nur einem Tag musste Microsoft den Versuch aber vorzeitig abrechen. „Tay“ hatte begonnen, rassistische und verhetzende Kommentare zu posten.

Das missglückte Experiment sorgte zuvorderst einmal für Spott im Internet. Doch es machte auch deutlich, wie Schöpfungen ihren Schöpfern entgleiten können. Und was passiert, wenn es nicht mehr nur um Kommentare im Internet, sondern um Interaktion im realen Leben geht? Pflegeroboter sind etwa keine ferne Zukunftsmusik mehr.

„Elektronische Personen“

Die Frage nach der Verantwortlichkeit beantwortet der Resolutionsvorschlag jedenfalls sehr eindeutig. „Konstrukteure, Hersteller und Bediener von Robotern“, also die Menschen hinter der Maschine, tragen die Verantwortung. Die Parlamentarier stellen etwa einen Verhaltenskodex für Hersteller und Ingenieure in den Raum. Und sie wünschen sich, dass in jeden Roboter eine Notfallabschaltfunktion eingebaut wird - auch bekannt als „Kill Switch“.

Pflegeroboter "Pepper" im AZ Damiaan Krankenhaus in Belgien

Reuters/Francois Lenoir

Nach welchen Regeln richtet ein Roboter sein Handeln aus? Und wer ist für dessen Konsequenzen verantwortlich?

Allerdings: Je selbstbestimmter Roboter werden, desto mehr geht es eben nicht nur um den Menschen dahinter, sondern die Maschine selbst - und die Frage nach ihrem rechtlichen Status: Sind sie Personen, Gegenstände, Tiere - oder etwas anderes, das erst definiert werden muss? Die EU-Abgeordneten haben sich in ihrem Entwurf für Letzteres entschieden. Sie schlagen vor, dass zukünftig „für die ausgeklügeltsten autonomen Roboter ein Status als elektronische Personen mit speziellen Rechten und Verpflichtungen“ festgelegt wird. „Ein Roboter ist kein Mensch und wird niemals ein Mensch sein“, sagt dazu Delvaux.

EU-Agentur für Robotik

Mit solchen Überlegungen begeben sich die EU-Abgeordneten bereits auf philosophisches Terrain. Eine zukünftige EU-Agentur für Robotik wird somit wohl auch den einen oder anderen Philosophen beschäftigen müssen. Zumindest wenn sie so realisiert wird, wie sich das die Parlamentarier wünschen. Eine „Agentur für Robotik und künstliche Intelligenz“ solle Gesetzgebern und öffentlichen Stellen das „erforderliche technische, ethische und regulatorische Fachwissen zur Verfügung“ stellen, so der Resolutionsentwurf.

Nachdenken über Grundeinkommen

Laut den EU-Abgeordneten gehört dazu auch die Frage nach den Einflüssen von Robotern auf den Arbeitsmarkt. Dieser könnte unter Druck geraten, wenn immer mehr Tätigkeiten von intelligenten Maschinen übernommen werden, so die Befürchtung. Angesichts solcher möglichen Entwicklungen müsse „ein allgemeines Grundeinkommen ernsthaft in Erwägung gezogen werden“, lautet die Conclusio.

Dieser Punkt ist wohl nicht der einzige in dem parlamentarischen Entwurf, der für Diskussionen sorgen wird. Der Bericht ist zwar selbst noch kein Gesetzesvorschlag. Stimmt im Februar aber auch im Plenum des Parlaments die Mehrheit der Abgeordneten dafür, muss sich die EU-Kommission zumindest damit befassen. Und womöglich beginnt dann mit ebenjenem Text offiziell eine europäischen Gesetzgebung für Roboter.

Martin Steinmüller, ORF.at, aus Brüssel

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