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Militärinfrastruktur für zivile Zwecke

Der Erste Weltkrieg ist wichtiger Geburtshelfer für die Radiotechnologie in Österreich gewesen, die offiziell im Jahr 1924 mit der RAVAG in Betrieb gegangen ist. Vor allem die k. u. k. Marine setzte früh auf die Technik, um mittels Radiotelegrafie Nachrichten zu übermitteln. Der Krieg beschleunigte den Ausbau der Infrastruktur, deren Reste heute noch in und um Wien von den Anfängen des Rundfunks zeugen.

Bereits im Jahr 1896 bekundete die k. u. k. Kriegsmarine Interesse an der neuen Technik der drahtlosen Telegrafie des italienischen Kommunikationspioniers Guglielmo Marconi. Die mit der Marconi-Technik verbundenen hohen Kosten führten jedoch dazu, dass es zu keiner geschäftlichen Einigung mit der Kriegsmarine gekommen ist.

Stattdessen begann die Marine auf eigenem Weg mit dem technischen Prinzip zu experimentieren. Was zunächst keine nennenswerten Erfolge zeitigte, aber dafür sorgte, dass sich auf den Kriegsschiffen bereits kurz nach 1900 erste Funkanlagen befunden haben. Die zukünftige Tragweite der drahtlosen Kommunikation in kriegerischen Konflikten war den militärischen Entscheidungsträgern damals bereits bewusst. Doch die Technik war bei Weitem noch nicht ausgereift.

Das entstehende Funknetz

Gut zehn Jahre später wurde der Plan gefasst, die Radiotelegrafie nicht nur durch die Marine zu nutzen, die mittlerweile gute Erfahrungen gemacht hatte: Im österreichischen Kriegshafen Pula (Pola) an der Adria entstand eine erste große Funktelegrafenstation mit großer Reichweite bis zum Atlantik und zum Roten Meer. Die Station nannte sich Radiopola. Zwei weitere Anlagen in Sebenico und in Castelnuovo folgten, um den Funkverkehr der Marine technisch zu verbessern.

Infolge dieser Pionierarbeit erkannte die Armee den praktischen Nutzen der Technik, um sie daraufhin auf dem Festland zu etablieren. In den Jahren von 1912 bis 1914 wurde eine Vielzahl an größeren Anlagen errichtet. In Sarajewo ebenso wie in Trient, Krakau, Riva, Lemberg und etlichen weiteren Städten der k. u. k. Monarchie.

Unterbrochene Unterseekabel

Auch in Wien wurde der Ausbau der Radiotelegrafie forciert. Im Kriegsministerium am Stubenring, wo im Jahr 1924 mit der ersten regulären Rundfunksendung der RAVAG noch Radiogeschichte geschrieben werden sollte, entstand ebenso eine Anlage wie im Süden Wiens am Laaer Berg. Die Technik war umso gefragter, als im Jahr 1914 der Erste Weltkrieg seinen tragischen Lauf nahm.

Gebäude der Empfangsanlage Laaer Berg

ORF.at/Christian Öser

Das Areal der Empfangsanlage Laaer Berg mit historischen Masten heute

Denn mit dem Eintritt Italiens in den Krieg wurden jene Unterseekabel unterbrochen, die der Fernkommunikation dienten. Es musste Ersatz geschaffen werden. Vor allem eine als strategisch wichtig erachtete Verbindung nach Spanien, das sich im Krieg neutral verhalten hat, war oberstes Interesse. Doch die existierenden Anlagen mit ihren technischen Kinderkrankheiten, allen voran die Anlage auf dem Laaer Berg, reichten dafür nicht aus. Stattdessen wurde anno 1915 der Plan gefasst, eine Großradiostation nahe von Wien zu errichten, die mit der geplanten Leistung von 200 kW eine Reichweite bis Nordamerika aufweisen sollte.

Zivile Nutzung als frühe Idee

Da für einen einwandfreien Betrieb ein Mindestabstand zu existierenden Sendeanlagen notwendig war, fiel die Entscheidung auf einen Standort in Bad Deutsch-Altenburg nahe Hainburg, rund 40 Kilometer östlich des Laaer Bergs, wo ab dem Jahr 1916 mit dem Bau begonnen wurde.

Ein provisorischer Testbetrieb erfolgte noch im selben Jahr, auch wenn die endgültige technische Ausgestaltung noch im Unklaren lag. Denn trotz der Wichtigkeit des Vorhabens gab es erhebliche Schwierigkeiten, was die Finanzierung anbelangte. Bereits damals wurden die hohen Kosten auch damit argumentiert, dass die Technik nach dem Krieg womöglich auch für zivile Zwecke verwendet werden könnte.

Fertigstellung genau zu Kriegsende

Doch die Technik bereitete Probleme. Aufgrund der verwendeten Frequenz ergaben sich erhebliche Schwierigkeiten beim Empfang in der spanischen Gegenstation. Der Ausbau schritt dennoch voran. Vor genau 100 Jahren, im Jänner 1917, erhielt die Großradiostation einen 150 Meter hohen Mast. Es wurden Betriebs- und Beherbergungsgebäude errichtet, doch die endgültige Fertigstellung der Anlage ließ auf sich warten.

Gebäude der Empfangsanlage Laaer Berg

ORF.at/Christian Öser

Die Südfassade des Stationsgebäudes der ehemaligen k. u. k. Radiostation

Was nicht zuletzt daran lag, dass der für Bad Deutsch-Altenburg hergestellte Sender der Firma Telefunken einem Brand zum Opfer gefallen war. Der Sender und die entsprechenden für den Betrieb notwendigen Aggregate der Maschinen wurden pünktlich zu Kriegsende im November des Jahres 1918 installiert, als alles schon zu spät war.

Sendebetrieb bis in die 1980er Jahre

Auch nach dem Krieg mit technischen Problemen kämpfend wurde die Anlage im Jahr 1920 in die Telegrafenverwaltung der noch jungen Republik Österreich eingegliedert und so einer zivilen Nutzung zugeführt. 1923 wurde der Sender Bad Deutsch-Altenburg in die neue Radio Austria AG integriert. Im Lauf der Jahrzehnte wurde die Anlage zur wichtigen Schnittstelle für die Telegramm-, Telex- und Datenübertragungsdienste der Radio Austria AG, die dort in den 1930er Jahren einen Kurzwellensender installiert hatte.

Gebäude der Empfangsanlage Laaer Berg

ORF.at/Christian Öser

Nebengebäude der Anlage auf dem Laaer Berg

Als die Kurzwellenfunktechnik keine Zukunft mehr hatte und Satelliten für die Datenübertragungen eingesetzt wurden, wurde die Anlage nach knapp 70 Jahren mit Ende 1985 komplett aufgelassen. Als Sender für die Radioprogramme des ORF war bereits zu Beginn der 1960er Jahre mit der Inbetriebnahme der neuen Sendeanlage Moosbrunn in Niederösterreich Schluss. Die Radio Austria AG existierte als selbstständiges Unternehmen bis 2002 und wurde dann in die Telekom Austria integriert.

Ein Stein als letzter Hinweis

An die Ursprünge in Bad Deutsch-Altenburg erinnert lediglich ein Granitstein unweit der Anlage: „Zufahrtsstraße zur k. k. Großradiostation erbaut von russischen Kriegsgefangenen 1916–1917“ ist darauf zu lesen. Die einstigen Betriebsgebäude des wichtigen Kommunikationsstandorts werden heute als privates Wohnhaus und als Atelier genutzt. Sonst existieren dort keine Hinweise mehr auf die Pionierzeit der Funktechnik.

Dornröschenschlaf auf dem Laaer Berg

Wer nach offensichtlichen Relikten jener Zeit sucht, als Marine und Armee die Grundzüge der Infrastruktur für die Etablierung des Massenmediums Radio gelegt haben, wird jedoch auf dem Wiener Laaer Berg heute noch fündig. Die im Zuge des ersten Ausbaus des Funkverkehrs ab dem Jahr 1913 entstandene Sendeanlage liegt dort versunken in einem Dornröschenschlaf und wurde im Lauf der Jahrzehnte baulich kaum verändert.

Gebäude der Empfangsanlage Laaer Berg

ORF.at/Christian Öser

Der einstige Ort für Funkpioniere ist heute in einen Schlaf versunken

Auch sie wurde einst errichtet, um die Oberkommanden und Ministerien mit der Marine und der Armee zu vernetzen. Davon zeugen heute noch unzählige pyramidenförmige Masten, die an alte Ölbohrtürme erinnern. Nach dem Ersten Weltkrieg diente die Anlage nur noch als Empfangsstation und war Back-up für die Radiostation Bad Deutsch-Altenburg.

Animalischer „Denkmalschutz“

Seit die Anlage gegen Ende der 1990er Jahre außer Betrieb genommen wurde, liegen die Gebäude in einem tiefen Schlaf – lediglich ein Handymast der Telekom ist auf dem Grundstück noch aktiv im Einsatz. Fenster und Türen sind vernagelt. Und eigentlich hätten die Bauten auf dem großen umzäunten Areal längst einer Siedlung mit 90 Villen weichen sollen, die der jetzige Eigentümer der Liegenschaft, die Post AG, bereits vor über zehn Jahren errichten wollte. Doch dazu ist es nicht gekommen.

Denn auf dem Grundstück und auf weiten Teilen des steppenartigen Areals des Laaer Berges befindet sich die letzte Zieselkolonie Wiens. Der Umweltschutz machte den Plänen im Jahr 2005 einen Strich durch die Rechnung. Der Widmung als Bauland konnte angesichts der letzten Ziesel Wiens nicht stattgegeben werden. Die gefährdeten Tiere haben damit auf unfreiwillige Art und Weise den drohenden Abbruch der historischen Anlage verhindert. Den fortlaufenden Verfall der einstigen k. u. k. Gebäude werden aber auch sie nicht aufhalten können.

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