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Wider die „italienische Polemik“

Er pflegt sein Image als böser Bube, rappt gegen die Korruption im Land - und macht doch in sonntäglichen Fernsehshows ebenso gute Figur wie als Juror in Castingshows: Federico Leonardo Lucia alias Fedez ist Italiens bekanntester Rapper, Social-Media-Star und auf seine Art die italienische Version des deutschen Rapstars Sido.

„Comunisti col Rolex“ („Kommunisten mit Rolex“), so lautet der Titel des neuen Albums des Mailänders, das er mit seinem Kollegen J-Ax aufgenommen hat. Ende Jänner veröffentlicht, hat es bereits Platin abgeräumt, die derzeit laufende Tour des Rapduos sorgt für ausverkaufte Hallen. Fedez rappt über Liebe und Politik, er setzt sich für die Schwachen ein und für die Familie und scheut sich nicht, mit seiner Großmutter auf Fotos zu posieren.

Nonna ❤

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Fedez’ Mutter Tatiana ist gleichzeitig seine Managerin. In der „räudigen Welt“ vertraue er nur ihr, so der 27-Jährige. Aufgewachsen im anonymen Hinterland der lombardischen Hauptstadt, der Vater Lagerarbeiter, die Mutter lange arbeitslos, stammt Fedez aus den Verhältnissen der italienischen Wirtschaftskrisenverlierer.

Musik, die Mut macht

„Es ist nur Scheißmusik, aber sie macht mir Mut“, reimt Fedez in einem seiner Songs. Deftig ist seine Wortwahl. Schon die Siebenjährigen skandieren seine Texte, zum Missfallen ihrer Mütter. Auf der anderen Seite hat der Rapper aber auch keine Berührungsängste mit dem Establishment. Fedez macht auch auf der großen Bühne der Sonntagabendshow des öffentlich-rechtlichen Rundfunks RAI gute Figur mit seiner Mischung aus Chartmusik und Rap, trotz seiner provokanten Texte und seiner Tätowierungen. Für offizielle Fotos posiert er mit brav zugeknöpftem, aber kurzärmeligem Hemd, damit die Tattoos an Hals und Armen deutlich zu erkennen sind.

Der im Vorjahr veröffentlichte Song „Vorrei ma non posto“, der den Auftakt von „Comunisti col Rolex“ bildet, ist ein sanfter Dancehall-Rap, ein kalkulierter Sommerhit. Das dazugehörige Video wurde auf YouTube mittlerweile mehr als 135 Mio. Mal aufgerufen. Der Text handelt von den Alltäglichkeiten in Italien. Im Refrain wird der Kreis der Jahreszeiten mit jenem der unerbittlich wiederkehrenden Korruption in Italien verglichen, Moralismus verbindet Fedez mit Ironie.

La voglia di cantare tanto non ci passerà ❤

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„Als Sohn einer Angestellten, die mit 40 entlassen wurde, mache ich mein Geld mit der Feder und ein wenig Tinte,“ reimt er, und: „Ich bin Kolumbus, der die American Express entdeckt.“ Welche Bekanntheit Fedez und sein Rapkompagnon mittlerweile in Italien erreicht haben, zeigen die Gastauftritte bekannter italienischer Künstler: Von Alessandra Amoroso, der aus Florenz stammenden Popsoulsängerin, bis zur Cantautrice Levante, alle wollen sie mit Fedez und J-Ax singen.

Zwischen etabliert und lässig

Fedez’ Karriere verlief steil. Sein erstes Album bot er 2011 online zum Gratisdownload an. Die Tracks weckten das Interesse der großen Plattenfirmen. Zwei Jahre später, Fedez war mittlerweile auf Sony Music, veröffentlichte der Rapper „Sig. Brainwash – L’arte di accontentare“, das es bis auf Platz eins der italienischen Albumcharts schaffte. In der achten und neunten Ausgabe der Castingshow „X-Factor“, 2014 und 2015, war Fedez Mitglied der Jury. Spätestens seit diesen Auftritten kennt ihn ganz Italien. Die Schützlinge, die er im Anschluss an die Staffeln als Manager weiterbetreute, wurden ebenfalls zu Chartstürmern.

Fedez pendelt gekonnt zwischen den etablierten Strukturen des Musikvertriebs und seiner betont lässigen Unabhängigkeit. Sein neues Album brachte er gleichzeitig bei Sony Music und Newtopia heraus, seinem eigenem Label. Am 1. Jänner trat er aus der italienischen Rechteverwertungsgesellschaft SIAE aus und wechselte zum britischen Rechteverwerter Soundreef. „Fedez und J-Ax sind frei und intelligent“, zollt die italienische Zeitung „La Repubblica“ dem Rapduo Respekt, „sie lieben ihren Beruf und bewegen sich wie Akrobaten auf dem Drahtseil, sie bieten große Show, immer mit dem Risiko des Absturzes.“

Reich werden auf ehrliche Art

Das von Fedez und J-Ax gegründete Label Newtopia gibt es seit 2013. Der Name des Labels ist von einer Pressekonferenz John Lennons inspiriert. Auf die Aufforderung des damaligen US-Präsidenten Richard Nixon, New York zu verlassen und nach London zu ziehen, erklärte Lennon, Bürger von Newtopia, einer imaginären Realität zu sein.

„Man hat uns oft ‚Kommunisten mit Rolex‘ genannt, weil es scheinbar nicht zusammenpasst, dass zwei Künstler, die gut verdienen, soziale Themen behandeln. Das ist die typisch italienische Polemik des ‚Herz links und Brieftasche rechts‘“, so Fedez und J-Ax, „unser Album zeigt, dass man in Italien noch immer auf ehrliche Art reich werden kann, darauf sind wir stolz.“

Politisch steht der Rapper der Protestbewegung Movimento 5 Stelle (M5S, Fünf Sterne) nahe, für die Fedez auch eine Hymne geschrieben hat. Der M5S-Politiker Alessandro Di Battista ist ein Freund von Fedez, die beiden tauschen oft Sprachbotschaften via WhatsApp über Musik und Reformen in Italien aus.

Traumpaar der Sozialen Medien

Auch privat sorgt Fedez für Schlagzeilen. Liiert ist er mit der Modebloggerin Chiara Ferragni, die mittlerweile eine eigene Modelinie hat und als eine der kommerziell erfolgreichsten Bloggerinnen der Welt gilt. Ferragni und Fedez sind das Traumpaar der Digital Natives, auf Instagram stellen sie ihre Beziehung online, bei Fernsehshows widmen sie einander Herzbotschaften vor laufender Kamera. Vor Kurzem zierte das Paar das Cover der italienischen Ausgabe der „Vanity Fair“.

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Aufsehen erregen auch Fedez’ wiederholte Wortgefechte in den Sozialen Netzwerken. Er misst sich mit Vertretern aus Showbusiness und Politik, unter anderen mit dem Rechtspolitiker Matteo Salvini, dem Parteichef der rechtspopulistischen Lega Nord. Der Spagat zwischen Establishment und Lässigkeit ist nicht immer leicht - was dem Rapduo mitunter Kritik einbringt: Dass sie auf ihren Konzerten nur gekaufte CDs signieren, stelle einen Widerspruch zu ihrem niedrigschwelligen Anspruch einer Musik für alle dar, argumentierte etwa die Tageszeitung „Il Fatto Quotidiano“.

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