Themenüberblick

Organisationschaos in der Ukraine

Knapp zweieinhalb Monate vor dem Song Contest laufen in Kiew, dem diesjährigen Austragungsort, die Vorbereitungen auf Hochtouren. Doch nicht alles läuft nach Plan - Schlagzeilen über Organisationschaos machen den Veranstaltern zu schaffen.

Vor zwei Wochen schlugen Mitarbeiter des ukrainischen Rundfunks Nazionalna Telekompanija Ukrajiny (NTU) Alarm. 21 Mitglieder des Organisationsteams kritisierten, dass der neue Vizefernsehchef, Pawel Grizak, der mit der Leitung des Events beauftragt wurde, Entscheidungen verschleppt und Ausschreibungen verhindert habe. Dadurch seien sie in ihrer Arbeit blockiert worden - aus Protest würden sie nun zurücktreten.

40 Prozent des Senderbudgets für Song Contest

Damit die mehr als 200 Millionen Zuschauer weltweit die Bilder von Krieg und Kämpfen in der Ostukraine ausblenden, greifen die Organisatoren tief in die Tasche. Für die Infrastruktur stellt die Stadtverwaltung etwa sieben Millionen Euro bereit. Knapp 15,5 Millionen - rund 40 Prozent des Jahresbudgets - muss der Sender per Regierungserlass für das Ereignis im Mai reservieren. Dadurch bleibe der TV-Anstalt jedoch zu wenig Geld für andere Projekte, erklärte der Ex-Chef des ukrainischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens, Surab Alassanija. Die Finanzierung sei „katastrophal“, warf er den Organisatoren vor, bevor er seinen Posten räumte.

Zu den Unterzeichnern des Schreibens, das auch auf Facebook veröffentlicht wurde, zählten auch Grizaks Kollegen als stellvertretende Leiter des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, Alexander Charebin und Wiktoria Romanowa. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) als internationaler Veranstalter des größten europäischen TV-Events dankte ihnen in einer knappen Mitteilung für die geleistete Arbeit. Zugleich rief die EBU die ukrainische Seite auf, die Vorbereitungen schnell mit anderem Personal fortsetzen.

„Wir lassen ein Scheitern nicht zu“

„Die Eurovision findet planmäßig statt, denn an ihrer Vorbereitung arbeiten Hunderte Menschen. Wir lassen ein Scheitern nicht zu“, sicherte Anna Bitschok von der Fernsehleitung zu. Wie „Der Standard“ berichtete, soll Jan Ola Sand, als Executive Producer der EBU so etwas wie der oberste Song-Contest-Chef, eingegriffen haben: Er schickte mit Christer Björkman einen schwedischen Profi in die Ukraine, um den Song Contest zu retten.

Björkman trat 1992 selbst für sein Heimatland an, landete aber nur auf dem zweiten Platz. Seit 2002 produziert er jedoch das „Melodifestivalen“, den nationalen Vorentscheid Schwedens und zugleich die erfolgreichste TV-Produktion des Landes.

Verwirrung und Ärger über Ticketverkäufe

Für Verärgerung bei den Fans sorgte auch der Kartenverkauf. Statt wie üblich rund 2.500 Ticket-Packages hieß es heuer bis vor Kurzem, es werde keine Kontingente für die internationalen Fanclubs geben. Nach heftiger Kritik ruderte der ukrainische Rundfunk zurück und gab Fantickets frei, allerdings viel weniger als üblich. Auch der offene Kartenverkauf läuft alles andere als rund. Ein Mitbewerber der beauftragten Ticketagentur hatte die Ausschreibung angefochten, und das Kartellamt schritt ein. Seit Mitte Februar werden die Karten nun in Tranchen verkauft - Meldungen über nachträglich von der Abwicklungsfirma stornierte Kreditkartenbestellungen und verwirrende Kontingentierungen sorgen jedoch in den Sozialen Medien für Unmut.

Klitschko: „Wir arbeiten rund um die Uhr“

Für Kiews Bürgermeister Witali Klitschko läuft dennoch alles nach Plan: „Wir schaffen alles. Wir arbeiten rund um die Uhr“, versicherte er. Die Stadt werde bereit sein für eines der größten TV-Ereignisse der Welt, bei dem 43 Länder gegeneinander antreten.

Dass die Ukraine überhaupt in diesem Jahr das Event austrägt, wird von Kritik vom Nachbarn Russland begleitet. Die Krimtatarin Jamala stach 2016 mit ihrer umstrittenen Ballade „1944“ ihren russischen Konkurrenten in letzter Sekunde aus. Russland grämt sich nicht nur wegen der Niederlage. Viele sind auch der Meinung, dass der russische Sänger wegen politischer Unstimmigkeiten in der Ukraine-Krise unfair bewertet wurde.

Song-Contest-Gewinnerin Jamala (Ukraine) mit Trophäe und Blumen

APA/AFP/Jonathan Nackstrand

Jamala gewann mit ihrer Ballade „1944“ im Vorjahr den Song Contest

Das Finale des Song Contests findet Anfang Mai nach 2005 zum zweiten Mal in der ukrainischen Hauptstadt statt. 43 Länder nehmen teil, wobei Österreich mit seinem Kandidaten Nathan Trent im zweiten Halbfinale am 11. Mai um seinen Einzug ins Finale kämpfen muss.

Links: