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Scorseses Glaubensbekenntnis

Einer Romanvorlage des japanischen Autors Shusaku Endo folgend hat Meisterregisseur Martin Scorsese den Film „Silence“ gedreht und sich damit einen jahrzehntelangen Wunsch erfüllt. Nach „Die letzte Versuchung Christi“ (1988) kehrt der Regisseur von gefeierten Filmen wie „Taxi Driver“ (1976) und „Departed - Unter Feinden“ (2006) im Alter von 74 Jahren filmisch zum Christentum zurück.

Im Nachhinein lässt sich leicht reden - vor allem mit einem Abstand von 400 Jahren. Aber ob es wirklich eine gute Idee war, als portugiesischer oder italienischer Priester im 17. Jahrhundert nach Japan zu gehen, um die wegen eines Aufstandes verfolgten Christen in ihrem Glauben zu stärken, darf bezweifelt werden. Zwei Möglichkeiten hätte es für die japanischen Christen gegeben: weiterhin versteckt leben, zur Not nach außen hin dem Glauben entsagen und so mit etwas Glück der Verfolgung entgehen. Oder aber den Aufstand ein zweites Mal proben und dabei entweder siegen (unwahrscheinlich) oder sterben (immer noch besser als Folter).

Regisseur und Drehbuchautor Martin Scorsese und Andrew Garfield

Concorde Filmverleih GmbH

Scorsese und sein Hauptdarsteller Andrew Garfield

In beiden Varianten kommen die Christen besser ohne westliche Priester klar. Denn die fallen auf wie bunte Hunde und lenken damit die Aufmerksamkeit der Behörden auf ihre Schäfchen. Aufmerksamkeit bedeutet in diesem Fall: Folter, bis entweder nach unendlich langen, unvorstellbaren Qualen der Tod eintritt oder die Gläubigen mit den Füßen auf ein Bild von Jesus oder Maria steigen und somit offiziell ihren christlichen Gott verleugnen.

Die Verheißungen des Christentums

Soweit orientiert sich der Film an der historischen Überlieferung, mit einer Ausnahme: Der Aufstand der Christen wird außen vor gelassen, ein jedoch wesentlicher Hintergrund, um die Vorgänge auf der Leinwand zu verstehen. Bauern und Unberührbare (ja, die gab es auch in Japan) schlossen sich damals bereitwillig dem Christentum an, weil ihnen ein Leben nach dem Tod im Himmel versprochen wurde, während ihnen in Japan jede Art von Aufstieg, ob vor oder nach dem Ableben, versagt blieb. Wenn man es sich verbessern kann ...

Als die Steuerlast jedoch allzu drückend wurde, lehnten sich die Bauern gegen ihre Fürsten auf, es kam 1637 zum Shimabara-Aufstand. Die Obrigkeiten unterschätzten die Gefahr und schickten von Nagasaki aus 3.000 Samurai in die entsprechende Region - nur 300 von ihnen überlebten. Wenig später jedoch entsandte der Shogun eine Armee von 200.000 Mann und schlug die Revolte blutig nieder. Nach Ende der Kämpfe wurden rund 37.000 Rebellen enthauptet. Von diesem Zeitpunkt an durfte es offiziell keine Christen mehr in Japan geben, weil viele der Aufständischen gläubig waren. Auch westliche Priester waren von nun an der Verfolgung ausgesetzt.

Folter, Folter und noch mehr Folter

Einer der Geistlichen, die damals vom Glauben abfielen, oder zumindest so taten als ob, war Pater Ferreira (eine historisch verbürgte Figur). An diesem Punkt setzt Scorseses Film ein. Zwei junge Priester, von Scorsese als romantische Stürmer und Dränger dargestellt, deren Mentor Ferreira gewesen war, wollen nicht glauben, dass ihr Lehrmeister tatsächlich Jesus verleugnet hat und brechen von Europa aus auf, um ihn zu suchen. Was sie finden, sind hingegen völlig heruntergekommene Dörfer der verängstigten und gedemütigten Christen. Es kommt, wie es kommen muss - Stichwort „bunte Hunde“.

Was sieht man nun knapp zweieinhalb Stunden lang im Film? Kurz gesagt, ohne etwas von der Handlung zu verraten: Christen, die im Dreck leben, und Christen, die gefoltert werden - teilweise in minutenlangen, quälenden Einstellungen. Wer zu Übelkeit neigt oder dazu, sich das Leid von Filmfiguren allzu sehr zu Herzen zu nehmen, sollte den Film meiden. Wer „Silence“ dennoch im Kino sehen mag, sei gewarnt: In den nächsten Absätzen dieses Artikels wird viel vom Inhalt erzählt.

Stolz und Glaube

Scorsese zeigt zwei junge Priester, die sich aufgrund ihres Selbstverständnisses weigern, dem Glauben abzuschwören. Dem einen - gespielt von Adam Driver - wird der Kopf abgeschlagen. Der andere, Rodrigues (Andrew Garfield), wird vor die Wahl gestellt: Entweder er tritt auf ein Jesusbild oder unschuldige Bauern werden gefoltert. Der japanische Inquisitor gibt ihm unmissverständlich zu verstehen, dass die Bauern nur wegen des christlichen Stolzes und Eifers ihres Geistlichen leiden müssen.

Liam Neeson in einer Filmszene in "Silence"

Concorde Filmverleih GmbH

Liam Neeson (l.) als Pater Ferreira

Also: Den Nächsten helfen - eigentlich eine christliche Tugend - und riskieren, dass man in die Hölle kommt, weil man Gott verleugnet hat? Oder standhaft bleiben, bis der letzte japanische Christ zu Tode gefoltert wurde? Rodrigues neigt zu Letzterem. Bis Pater Ferreira (Liam Neeson) auftaucht und ihn zum Einlenken bewegt. Scorsese sagt im Interview mit der Jesuiten-Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ (zitiert nach der katholischen Presseagentur Kathpress): „Wir wissen nichts über den Glauben des historischen Pater Ferreira, aber in Endos Roman scheint es, als verliere er ihn.“

Gott spricht zu uns

Eine andere These sei, so Scorsese, „dass er über die Scham, seinen Glauben verraten zu haben, nicht mehr hinwegkam, selbst wenn er es tat, um anderen das Leben zu retten“. Rodrigues hingegen verrate seinen Glauben „und gewinnt ihn genau dadurch wieder zurück“. Darin liegt für den Regiealtmeister das Paradox: „Um es ganz einfach zu formulieren: Rodrigues hört, wie Jesus zu ihm spricht, Ferreira nicht - das ist der Unterschied.“

Das ist wörtlich zu verstehen. Scorsese hält sich als gläubiger Christ nicht mit der Frage auf, ob es einen Gott gibt oder nicht: Es gibt ihn, und er spricht aus dem Off zu Rodrigues. In einer Judas/Jesus-ähnlichen Situation, als der Padre verraten wird, erscheint ihm Jesus sogar. Und, obwohl er sich von Ferreira überreden lässt und dem Glauben abschwört, bleibt er Gott insgeheim doch treu.

Auf Zielgruppensuche im Vatikan

Scorsese wird in „Silence“ dem inneren Kampf seiner Figuren gerecht, niemand kann ihm seine unbestrittene Meisterschaft absprechen, die er in zahlreichen Filmen unter Beweis gestellt hat. Dennoch bleibt die Frage, warum man diesmal ins Kino gehen sollte. Erstens: Der Film quält mit der detailreichen Darstellung japanischer Foltermethoden. Zweitens: Trotz zweieinhalb Stunden, in denen über weite Strecken wenig passiert, werden historische Hintergründe weitgehend ausgespart. Drittens: „Silence“ scheint zur Erbauung von Katholiken gedacht, weil er die Kraft des Glaubens demonstriert angesichts seiner denkbar schwersten Prüfung, angesichts eines Zweifels, der sich nicht auflösen lässt.

Wer soll die Zielgruppe eines zweieinhalbstündigen christlichen Folterfilms sein? Scorsese scheint es geahnt zu haben und hat „Silence“ im Vatikan uraufgeführt mit einer anschließenden Privataudienz beim Papst, der ihm versicherte, dass auch er in jüngeren Jahren das Buch Endos geliebt habe. Zahlreiche Kritiker zeigen sich von dem Film begeistert - wegen der „schönen Bilder“, der flirrenden Spannung, die Scorsese aufrechterhält, und der überzeugenden Leistung der Darsteller. Dennoch: Diesen Film muss man sich antun wollen, und es gibt nicht viele Gründe, die dafür sprechen.

Simon Hadler, ORF.at

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