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Personalmangel durch Freiwilligkeit

In Schweden ist am Donnerstag die Wiedereinführung der Wehrpflicht auf der Agenda gestanden. Dafür gibt es mehrere Gründe: Einerseits kämpft das Militär seit Abschaffung der Wehrpflicht im Jahr 2010 mit großem Personalmangel. Jährlich fehlen rund 4.000 Soldaten, um die Verteidigung des Landes sicherzustellen. In Stockholm werden andererseits diverse Provokationen aus Russland mit wachsender Sorge beobachtet.

Es kommt immer wieder vor, dass russische Flugzeuge und U-Boote in schwedisches Hoheitsgebiet eindringen. Zudem nimmt die Gefahr durch russische Cyberangriffe laut Verteidigungsexperten stetig zu. Schweden ist kein Mitglied der NATO, auch das gilt als Grund für die Wiedereinführung der Wehrpflicht.

Nicht alle müssen einrücken

Diese soll ab Sommer gelten, und zwar für Männer und Frauen, die 18 Jahre alt werden. Dabei handelt es sich laut der Nachrichtenseite The Local um rund 100.000 Personen. Ganz so streng wird die Pflicht allerdings nicht ausfallen: Nicht alle tauglichen Schweden werden voraussichtlich einrücken müssen. Laut dem Plan der Regierung von Premier Stefan Löfven erhalten bald alle infrage Kommenden einen Fragebogen zugesandt. Darin können die Menschen auch angeben, ob sie den Militärdienst überhaupt anstreben.

Danach werden wiederum etwa 13.000 zu eingehenden Tests eingeladen. Hinzu kommen wie bisher Freiwillige. Wer die Tests besteht, kann dann einen neun- bis zwölfmonatigen bezahlten Wehrdienst ableisten. Zum Wehrdienst antreten müssten die ersten Soldaten mit Jahresbeginn 2018. So sollen die Personallücken von etwa 4.000 Stellen besetzt werden.

Gleichstellung im Heer

Geplant ist auch die Einführung eines Bonussystems, um die Grundwehrdiener langfristig im Militär zu halten. Sollten nicht genug Taugliche gefunden werden, könnten die Schwedinnen und Schweden auch zum Wehrdienst gezwungen werden.

Schon seit der Reform 2010 konnten sich auch Frauen freiwillig zum Militärdienst melden. „Ich glaube, es tut dem Militär gut, dass Männer und Frauen gemeinsam ihre Arbeit verrichten, es spiegelt die schwedische Gesellschaft wider. Unsere Erfahrung zeigt, dass beide Geschlechter am Arbeitsplatz zu einer gesteigerten Effizienz und generell zu einer besseren Stimmung beitragen“, sagte der schwedische Verteidigungsminister Peter Hultqvist am Donnerstag im schwedischen Radio. Die Regierung in Stockholm sieht diese Maßnahme außerdem als weiteren Schritt für eine bessere Geschlechtergleichstellung, denn es sei schlicht unfair, nur Männer einzuziehen.

Neue Debatten in einigen Ländern

In Österreich wurden Pläne für die Einführung eines Berufsheeres nach einer Volksbefragung im Jänner 2013 ad acta gelegt. In anderen Ländern Europas wurde die Wehrpflicht zuletzt wieder diskutiert. Finnland, das sich ebenso durch Russland bedroht fühlt wie Schweden, hatte 2014 die Wehrpflicht für Frauen beschlossen, zusätzlich zu jener der Männer. Aufgrund jüngster Spannungen mit Russland will die finnische Regierung zudem die Streitkräfte für den Konfliktfall um 50.000 Soldaten erweitern.

In Deutschland, das die Wehrpflicht 2011 aussetzte, flammte die Debatte kürzlich neu auf. Der deutsche Reservistenverband hatte eine Wiedereinführung ins Spiel gebracht. Das deutsche Verteidigungsministerium sieht die Wehrpflicht derzeit allerdings nicht als geeignetes Mittel, den Personalmangel im Heer zu bekämpfen: „Die Wiedereinführung der Wehrpflicht würde der Bundeswehr bei ihrer Suche nach geeignetem Personal nicht helfen“, so eine Sprecherin im Februar. Kroatien erwägt ebenfalls die Wiedereinführung der Wehrpflicht, die 2008 ausgesetzt wurde. Diese würde nur für Männer gelten. Frauen könnten sich freiwillig anschließen. Auch in Serbien wurde zuletzt über derartige Pläne spekuliert.

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