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Realität und Selbstbild gehen auseinander

Laut einer Studie der University of London glauben 98 Prozent der Befragten, dass sie zuvorkommender, freundlicher und aufmerksamer sind als der Durchschnitt. Auch in Bezug auf das Äußere und auf besondere Fähigkeiten überschätzen sich die meisten. Mitmenschen schätzt man hingegen durchaus realistisch ein.

Ziel der Studie war es nicht, tatsächliche Werte für Nettigkeit herauszufinden, sondern vielmehr, das Selbstbild der Probanden zu erkunden, berichtete der „Guardian“. Gleichzeitig galt es aber auch zu klären, was „nett“ überhaupt bedeutet. „Der Begriff ‚nett‘ ist im täglichen Sprachgebrauch weit verbreitet“, heißt es in der Studie. „Wird er aber verwendet, um eine Person zu beschreiben, ist er nicht sehr spezifisch definiert.“

Die Definition von „nett“

Der Duden erklärt das Wort „nett“ mit „freundlich und liebenswert, im Wesen angenehm“ sowie „hübsch und ansprechend, sodass es jemandem gefällt“. Ironisch gemeint wird „nett“ aber im Deutschen auch für etwas „Unangenehmes; wenig Erfreuliches“ verwendet.

Die Forscher konstatieren im Resümee der Studie, dass Nettigkeit überwiegend als eine Mischung aus Empathie, emotionaler Intelligenz, Altruismus, Offenheit und Vertrauensfähigkeit begriffen wird. Danach gefragt, worin genau sich Nett-Sein manifestiert, konnten die Probanden verschiedene Verhaltensweisen reihen. Besonders häufig genannt wurde etwa: fremden Menschen den Weg weisen; den Lift aufhalten, damit andere zusteigen können; Schwangeren oder Älteren den Sitz im Bus überlassen.

Schöner als in echt

Eine Studie von US-Forschern der Universitäten von Chicago und Virginia untersuchte die Selbstwahrnehmung in Bezug auf das Äußere und kamen zu einem sehr ähnlichen Ergebnis. Für ihre Studie legten die Wissenschaftler Probanden je ein unbearbeitetes Foto von sich sowie weitere, nach gängigen Schönheitsidealen modifizierte Bilder vor. Vor die Aufgabe gestellt, das Unbearbeitete zu identifizieren, wählte eine überwiegende Mehrheit das falsche.

Bei einem weiteren Durchgang sollten sie dieselbe Aufgabe mit Fotos fremder Menschen, denen sie in einem anderen Kontext zuvor bereits begegnet waren, lösen. Hier zeigte sich: Andere beurteilt man weitaus realistischer. Durch die Bank gelang es den Probanden, die unbearbeiteten Fotos auszuwählen.

Selbstbeurteilung in Bezug auf Führungsqualität

Forscher der IE Business School Madrid wiederum untersuchten, wie Studierende über den Zeitraum eines Jahres ihre Führungsqualitäten selbst einschätzen - und wie sie jene ihrer Kollegen beurteilen würden. Am Anfang des Studienjahres gaben sich die Probanden durch die Bank selbst höhere Noten, während sie ihre Kommilitonen durchaus realistisch einschätzten.

Als Resultat mehrfacher Feedbackrunden sank die Selbsteinschätzung der meisten Studierenden. Doch nur jene der Frauen glich sich tatsächlich an die Fremdwahrnehmung an. „Obwohl auch die der Männer sank, blieben sie kontinuierlich dabei, sich höher einzuordnen“, so Studienleiterin Margarita Mayo.

Nachteil für Frauen im Berufsleben?

Die Frauen hätten schneller eine sehr differenzierte Selbstwahrnehmung entwickelt - was Mayo als grundsätzlich positiv bezeichnet. Allerdings: Nachdem Selbsteinschätzung auch mit Selbstvertrauen korreliert, verschafft das Männern einen Vorsprung im Berufsleben. „Für Frauen kann das ein Nachteil in der Karriere sein“, erklärt Mayo.

Auf der anderen Seite könnten Männer auch über ein übersteigertes Ego stolpern. „Es ist ein zweischneidiges Schwert“, beschreibt Mayo, die in ihren Forschungen auch die Auswirkungen von Narzissmus im Beruf beleuchtet. „Narzisstische Führungskräfte klettern die Karriereleiter tendenziell schneller hinauf, während bescheidenere Chefs kreativer und effizienter sind.“

Der „Über-dem-Durchschnitt-Effekt“

Die Liste der Studien lässt sich nahezu endlos erweitern - „Über-dem-Durchschnitt-Effekt“ (Above Average Effect) nennt das die Wissenschaft. 93 Prozent aller Autofahrer schätzen etwa ihre Fahrkünste überdurchschnittlich hoch ein, 94 Prozent glauben, sie arbeiten besser als die meisten anderen. In Sachen Gesundheitsrisiken sehen sich fast alle Menschen weniger gefährdet als andere. Und, besonders treffend: Die meisten Menschen denken, sie können sich besser selbst einschätzen als andere.

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