Themenüberblick

Jenseits von Populismus und Polarisierung

Die „Islam“-Ausstellung auf der Schallaburg zeigt ein breites Spektrum dessen, was man hierzulande mit dem Islam verbindet – oder verbinden könnte. Eine unaufgeregte, breitenwirksame Schau zu einer Glaubensrichtung, der immerhin sechs Prozent der österreichischen Bevölkerung angehören.

Richterinnen oder Polizistinnen mit Kopftuch? Die Debatte über religiöse Symbole im öffentlichen Dienst steht hier nicht im Vordergrund. Ja, man widmet sich selbstverständlich auch dem Kopftuch. Aber eben nur: auch. Erstens, wie Kuratorin Lisa Noggler-Gürtler konstatiert, geht die polarisierte Debatte „schon auf die Nerven“ – nicht zuletzt den Musliminnen, die hier mitgearbeitet haben – und zweitens will sich das Ausstellungsteam nicht am tagespolitischen Hickhack, nicht an der populistischen Meinungsmache abarbeiten. Was der Schau guttut.

„Um die Facetten, die durch das enge Islambild in den Medien oft im Hintergrund bleiben“, gehe es hier stattdessen, so die Kuratorin. Der Zugang ist mit Absicht thematisch weit gesteckt, und er ist, wie immer auf der Schallaburg, breitenwirksam gedacht: ganz besonders auch für Familien und Schulklassen. Die Texte zu den Ausstellungsobjekten sind in vier Sprachen verfasst.

Wo beginnt oder endet der Orient?

Acht Kapitel sind es geworden, die in 22 Räumen verhandelt werden, mit den Titeln „besprochen“, „bewohnt“, „beseelt“, „begrenzt“, „bekleidet“, „bedroht“, „berufen“, „beliebt“: Es geht hier um Sprachen, Wohnen, Kleidung, Beruf, Angstmache oder Orientalismen, um Gastarbeitergeschichte und „osmanische Dirndl“-Entwürfe von Designerin Canan Ekici, um den Hadsch und Kaffeehaus- und Kipferltraditionen, die Brunnenpassage am Wiener Yppenplatz, Koranauslegungen und das Gleichbehandlungsgesetz gegen Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Eine nicht einfache Tour also, zwar kursorisch, nicht aber beliebig, mit der Message: Den einen Islam gibt es nicht.

Eindrücke aus der Islam-Ausstellung auf der Schallaburg

ORF.at/Peter Pfeiffer

Dirndl-Neuinterpretation von Designerin Canan Ekici

Mit interaktiven Elementen, Memory-Spielkarten, Türen zum Aufmachen und Rollen zum Drehen sowie mit einer guten Portion Unaufgeregtheit tritt man den Klischees und der Angstmache entgegen. „Wo beginnt oder endet der Orient?“ lautet der Titel eines der Spiele, bei dem man mit Schnüren und Magneten Grenzen markieren kann, im Sinne von: Der „Orient“ beginnt jeweils dort, wo wir ihn hin verschieben. Also auch westlich der Alpen.

Kaisertreue Bosniaken und islamische Schriften

„Ich finde die Frage, ob der Islam Teil von Europa ist, mittlerweile unglaublich lächerlich. Wir beantworten sie hier tausendfach und natürlich mit Ja“, sagt Noggler-Gürtler. Indem man etwa von der k. u. k. Monarchie erzählt: Anerkannt wurde der Islam in Österreich 1912, vergleichsweise früh, als integrative Maßnahme, nachdem die Donaumonarchie Bosnien 1908 annektiert hatte. Die muslimischen Bosniaken genossen schließlich in der k. u. k. Armee einen ausgezeichneten Ruf und galten, vereidigt mit dem Koran in der Hand und einem Imam an der Seite, als besonders loyal und kaisertreu.

Eindrücke aus der Islam-Ausstellung auf der Schallaburg

ORF.at/Peter Pfeiffer

Von „Persepolis“ bis zu alten Schriften - islamischer Bücherregen in der Schallaburg

Berührungspunkte gab es naturgemäß schon viel früher: etwa durch Übersetzungen, die ab dem 8. Jahrhundert im maurischen Spanien und in Bagdad angefertigt wurden, später durch den wichtigen österreichischen Orientalisten und Gründer der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Joseph Hammer-Purgstall (1774 bis 1856). Die Fülle der Publikationen aus dem islamischen Raum illustriert die Ausstellung durch einen „Bücherregen“, der auch über kleine Boxen zu hören ist, von alten Schriften bis hin zu Graphic Novels.

Arabisches Zimmer, made in Hernals

Den sich im 18. Jahrhundert verdichtenden Kontakt zwischen „Ost“ und „West“ - ob real oder als imaginärer Gegenpol zur eigenen, „aufgeklärten“ Kultur - illustrieren etwa auch ein Bühnenentwurf von Mozarts „Entführung aus dem Serail“, Malereien, die den Modetrend „Turquerie“ jener Zeit belegen (man kleidete sich in „türkischen Trachten“ und für Bälle im „orientalischen Kostüm“) und eine Sammlung an österreichischen Fez aus dem 19. Jahrhundert: Die Monarchie galt als wichtigster Exporteur der früher weit verbreiteten arabisch-türkischen Kopfbedeckung.

Eindrücke aus der Islam-Ausstellung auf der Schallaburg

Wien Museum; ORF.at/Peter Pfeiffer

„Arabisches Zimmer“ des Unternehmers und Orient-Reisenden Anton Kainz-Bindl, um 1900, Wien, Wien Museum

Wohl am beeindruckendsten ist jedoch das „arabische Zimmer“, ein in vollem Prunk und voller Größe ausgestellter, mit vielen feinen Schnitzelementen versehener Rauchsalon von Anton Kainz-Bindl (1879 bis 1957), eine Leihgabe des Wien Museums. Der Unternehmer hatte um die Jahrhundertwende Ägypten, Syrien, Libyen, Bulgarien und die Türkei bereist und anschließend den Salon in Auftrag gegeben: nicht aber, wie man denken könnte, bei lokalen Experten, sondern bei einem Tischler im Wiener Bezirk Hernals.

Orientalistische Verkennung der Anderen

Orientalismus in Österreich – das bedeutete auch, wie im Fall von Kainz-Bindls Rauchsalon, die Bewunderung der kunstvollen Ornamente oder die – zum Beispiel von Johann Wolfgang von Goethe gegenüber dem Mystiker Hafis geäußerte – Verehrung der persischen Dichtkunst. Aber natürlich auch: die Verkennung der „Anderen“, ob als sittenlos, sexualisiert und geheimnisvoll oder als gewaltbereit, fanatisch und rückwärtsgewandt.

Ausstellungshinweis

„Islam", Schallaburg, bis 5. November. Öffnungszeiten: montags bis freitags 10.00 bis 17.00 Uhr, samstags, sonn- und feiertags bis 18.00 Uhr

„Bedroht“, so heißt ein Kapitel der Ausstellung, zu dem das Kuratorenteam, wie Noggler-Gürtler meint, gleich viel Literatur gewälzt habe wie zu den anderen sieben Kapiteln insgesamt – weil vor allem dazu in letzter Zeit viel publiziert wurde. Und weil das Thema der Bedrohung durch den Islam so aufgeladen sei. Man sieht hier – neben aufgeklappten Feldbetten und Zeitungsheadlines, die die Gefährlichkeit des Islam proklamieren – ein Schild der Caritas aus einem Flüchtlingsnotquartier, mit der Aufschrift: „You are safe“. „Mit dem Kapitel ,Bedroht’ wollten wir vor allem fragen: Wer fühlt sich eigentlich von wem bedroht?“, so Noggler-Gürtler.

„Religion polarisiert“

Gerade an solchen heiklen Stellen schwächelt die Ausstellung aber ein wenig: „Religion polarisiert. Manchen gibt sie Geborgenheit, in anderen weckt sie Ängste; die einen fürchten einen radikalisierten Islam, Demokratiefeindlichkeit und Fundamentalismus, die anderen Ausgrenzung und Rechtspopulismus“, heißt es an einer der „Bedroht“-Wandtafeln.

Positiv gewendet kann man das als niederschwellig bezeichnen. Oder man liest es als fehlenden Mut zur Position: Um Polemiken, Stereotypen und Angstmache tatsächlich entgegenzutreten, brauchte es an manchen Stellen weniger Relativismus und Unentschiedenheit - sondern klare, deutliche Worte. Ein Besuch der Ausstellung lohnt sich aber allemal.

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