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Regierung machte Druck

Mit insgesamt rund 60.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist der Lebensmittelproduzent und -händler Agrokor einer der wichtigsten Arbeitgeber in Südosteuropa. Seit der Übernahme des slowenischen Konkurrenten, der Supermarktkette Mercator, ist das Unternehmen aber schwer verschuldet.

Am Freitag berichteten kroatische Medien, Agrokor - das zuletzt auch von der Regierung unter Druck gesetzt wurde, sein Schuldenproblem zu lösen - habe sich einen 300 Millionen Euro schweren Kredit gesichert. Und zwar von der russischen Sberbank, einem seiner Gläubiger.

Der kroatische Regierungschef Andrej Plenkovic, offenbar besorgt über die möglichen dramatischen Folgen eines Zusammenbruchs der Konzerns, hatte Mitte der Woche an die Unternehmensführung appelliert, möglichst bald „kluge und hilfreiche“ Entscheidungen zu treffen. Die Regierung hatte auch angekündigt, sie werde darauf achten, dass die Finanzprobleme von Agrokor das Land wirtschaftlich und finanziell nicht destabilisieren.

Laut den aktuellsten verfügbaren Zahlen vom September des Vorjahres hat der Lebensmittelkonzern 45 Mrd. Kuna (6,1 Mrd. Euro) Schulden, bei einem Kapital von 7,5 Mrd. Kuna (eine Mrd. Euro). Ein großer Teil der Schulden wird im Frühjahr 2018 fällig.

Konzum-Shopping-Center in Sarajevo

APA/EPA/Fehim Demir

Die Supermarktkette Konzum - hier eine Filiale in Sarajewo - ist eine der wichtigsten Firmen im Agrokor-Konzern

Genug für Zahlungsverpflichtungen

„In den letzten beiden Wochen einigte sich Agrokor mit der Sberbank auf Kredite in Höhe von 300 Mio. Euro. Das ist genug, damit der Konzern seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber den Lieferanten und dem Staat nachkommen kann“, berichtete die kroatische Tageszeitung „Vecernji List“. Auf Nachfrage von Reuters äußerte sich Agrokor bisher nicht zu den Berichten. Investoren waren in den letzten Wochen zunehmend nervös geworden - nicht nur wegen der finanziellen Lage, sondern auch wegen der von Ratingagenturen kritisierten mangelhaften Transparenz in den Büchern des Konzerns.

Teure Übernahme

Die Last von Krediten, mit denen 2013 die Übernahme der slowenischen Handelskette Mercator finanziert wurde, und schlechtere Ergebnisse im Vorjahr heizten zuletzt Spekulationen über eine mögliche Pleite an.

Ein Konkurs hätte nicht nur für das größte kroatische Privatunternehmen dramatische Folgen, sondern auch für Kroatien und die gesamte südosteuropäische Wirtschaftsregion - immerhin entsprachen laut der Nachrichtenwebsite Balkan Insight im Geschäftsjahr 2015 die Einnahmen des Konzerns mit umgerechnet 6,5 Mrd. Euro fast 16 Prozent des kroatischen BIP. Auch heimische Banken gewährten Agrokor in der Vergangenheit Kredite.

Bereits zu Jahresbeginn hatte die Ratingagentur Moody’s Agrokor von „B2“ auf „B3“ mit stabilem Ausblick heruntergestuft. Von 21 Ratingstufen wurde das Unternehmen damit auf die sechstletzte gesetzt. Moody’s argumentierte das mit dem im Vorjahr geringen Geschäft, sodass Agrokor das geforderte Verhältnis von Krediten zu Einnahmen nicht einhalten werde können.

1,3 Milliarden Schulden in Russland

Nervös wurden Investoren schließlich, als der russische Botschafter Anwar Asimow in Kroatien im Febraur ankündigte, dass Agrokor seine Kreditwürdigkeit bei russischen Banken erschöpft haben könnte. „Bei mehreren Gelegenheiten haben wir Agrokor Kredite gegeben in dem Glauben, dass es das Unternehmen stabilisiert. Wir glauben nicht an weitere Kredite“, so Asimow damals laut der kroatischen Nachrichtenagentur HINA.

Laut Moody’s steht Agrokor bei den Banken VTB und Sberbank bisher mit umgerechnet 1,31 Milliarden Euro in der Kreide. Das entspricht rund 33 Prozent der Schulden des Gesamtkonzerns. „Wenn sich Agrokor an die Sberbank für einen neuen Kredit wendet, wird das unter Berücksichtigung der derzeitigen finanziellen Schwierigkeiten geschehen“, so noch im Febraur Asimow - und das ausgerechnet auf einer Pressekonferenz, bei der es um die Intensivierung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern ging.

Genau diese zunehmende wirtschaftspolitische Aktivität Russlands auf dem Balkan sorgt in Europa mittlerweile für Unruhe. Immer wieder wird vermutet, Moskau versuche auf diese Weise, die Region von der EU zu entfremden.

Konzern beruhigt

Agrokor schweigt seit Wochen weitgehend zu den medialen Berichten und Spekulationen. Eine Sprecherin betonte gegenüber Reuters zuletzt lediglich, dass das Unternehmen in intensiven und ständigen Kontakten mit seinen Investoren, auch den russischen, stehe. Zugleich sagte das Unternehmen, es bediene alle Schuldverpflichtungen und werde das weiterhin tun.

Spar statt Billa

Auf dem umkämpften kroatischen Lebensmittelmarkt löst Spar Billa ab: Die kroatischen Behörden gaben zuletzt grünes Licht für die Übernahme der Billa-Filialen durch Spar. Vom Marktführer Konzum des Konzerns Agrokor trennen Spar mit dann mehr als 100 Standorten aber einige Ränge.

Investoren zeigten sich zuletzt besorgt darüber, ob Agrokor in Zukunft anstehende Rückzahlungen bedienen wird können. „Sie könnten relativ bald dazu gezwungen sein, einige ihrer profitablen Bereiche zu verkaufen“, vermutete im Febraur ein Analyst in London laut Reuters vor etwas mehr als einer Woche.

Kritik an intransparenter Buchhaltung

Dazu kommt, dass Moody’s ebenfall im Febraur in einem Bericht auf „bestimmte undurchsichtige Bereiche“ und „mangelnde Transparenz“ in der Buchhaltung von Agrokor hinwies. Die Schuldtitel von Agrokor verloren in den letzten Wochen teils stark an Wert.

Die aktuellen Probleme kommen vor allem von der Übernahme des slowenischen Lebensmittelhändlers Mercator im Jahr 2013. Dieses 485 Millionen Euro schwere Geschäft wurde mit „Pay in kind“-Krediten (PIK) finanziert. Dabei werden die jährlich anfallenden Zinsen kapitalisiert - statt die Zinsen zu zahlen, werden sie dem Kapital hinzugefügt. Dadurch steigt die Kapital- und Zinslast aber dramatisch, wenn die Schulden nicht rasch verringert werden oder umgeschuldet wird. Ein Banker bezeichnete Reuters gegenüber den Kredit gar als „Zeitbombe“.

Konzum größte Supermarktkette

Agrokor ist das größte in Privatbesitz befindliche Unternehmen Kroatiens und einer der größten Konzerne in Südosteuropa mit Einnahmen von mehr als 54 Mrd. Kuna (7,2 Mrd. Euro). Agrokor-Besitzer Ivica Todoric gilt als der reichste Kroate. Zur Agrokor-Gruppe gehören einige der bekanntesten Marken des Landes, darunter das Mineralwasser Jamnica, die Speiseeismarke Ledo, Zvijezda (Speiseöl, Margarine und Mayonnaise), Kroatiens größter Fleischproduzent PIK Vrbovec und vor allem die größte Supermarktkette Konzum.

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