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Algorithmus und Neonazismus

Der verurteilte Neonazi und Holocaust-Leugner Gerd Honsik wirbt via Facebook für seine Propagandawebsite. Ein solches Posting tauchte in den vergangenen Tagen als ein von Facebook „vorgeschlagener Beitrag“ in der Chronik von Nutzern auf. Mit den Vorwürfen konfrontiert, antwortet Facebook auf bemerkenswerte Weise.

Bernhard Weidinger vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) bezeichnet Honsik gegenüber ORF.at als „Zentralfigur der Neonazis“ seit den 70er Jahren. Mehrfach wurde er in Österreich und Deutschland verurteilt - wegen Volksverhetzung, Aufstachelung zum Rassenhass, Beleidigung, nationalsozialistischer Wiederbetätigung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener und weil er seit Jahrzehnten notorisch bei Reden und in seiner Zeitschrift „Halt“ den Holocaust leugnet. Der Titel eines Buches von Honsik spricht für sich: „Freispruch für Hitler? 37 ungehörte Zeugen wider die Gaskammer“. Mehrere Jahre saß Honsik in Haft, 2011 kam er auf Bewährung frei - aufgrund seines hohen Alters und seiner „sozialen Integration“.

Weidinger geht davon aus, dass Honsik momentan von Ungarn aus agiert, zumindest ist das die Absendeadresse von „Halt“, das meist aus nicht mehr als vier Seiten besteht. Dazu kommt Honsiks „Radio Deutschösterreich“ via Internet, wo er etwa im Jänner dieses Jahres einen Beitrag zur „Mauthausen-Lüge“ online stellte. Honsik ist weiterhin wichtig für die alte Garde der Neonazis und jene Jungen, die ihnen nacheifern - weniger jedoch für die neue Rechte.

„Fundamentale Angriffe“

Ein notorischer, verurteilter Holocaust-Leugner wird gesellschaftlich geächtet, sollte man meinen. Umso überraschender, wenn man seine Facebook-Chronik checkt und mittendrin Folgendes vorfindet: „Vorgeschlagener Beitrag“ - und dazu ein bezahltes („gesponsertes“) Posting von „Radio Honsik“ mit diesem Text: „Honsiks Rede aus Anlaß seiner heurigen Gästewoche ist von einem Laien aufgezeichnet worden. Obwohl von minderer Qualität scheint sie von großer Wichtigkeit: enthält sie doch fundamentale Angriffe auf unsere Marionettenregime ...“

Screenshot facebook.com

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Facebooks „Vorschlag“ zur Lektüre

Klickt man den Beitrag an, gelangt man zu Honsiks Website, wo zuoberst ein Video von Honsiks „Gästewoche“ zu sehen ist, offenbar eine von ihm organisierte mehrtägige Veranstaltung mit Vorträgen in Ungarn, unter Anwesenheit von Gästen aus Deutschland (so viel geht aus Honsiks Rede hervor). Zehn „Ungeheuerlichkeiten“ prangert Honsik in diesem 35-minütigen, wirren, von Neonazi-Narrativen und ebensolchen Codes durchdrungenen Erguss an.

Verstecken hinter dem Konjunktiv

Weidinger vom Dokumentationsarchiv fasst das so zusammen: „Inhaltlich bietet Honsik (...) von ihm Gewohntes - Antiamerikanismus, NS-Relativierung, Geschichtsklitterung, Verschwörungstheorien (...) und Täter-Opfer-Umkehr.“ Und: „Interessant sind Honsiks Bezugnahmen auf das offenbar neonazistische Publikum: So äußert er die Hoffnung, für seine Qualifizierung des NSDAP-Programms als ‚langweilig‘ nicht verprügelt zu werden, oder erwähnt, dass es im Publikum Personen gäbe, die sich um die nationalsozialistische Sache Verdienste erworben hätten.“

Screenshot rutube.ru

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„Radio Honsik“-Video auf einem russischen YouTube-Klon - verlinkt auf Honsiks Website, die auf Facebook beworben wird

Geschickt, so Weidinger, umgeht Honsik die Strafbarkeit seiner Aussagen. So formuliert er, hinterfragend, ob Deutschland und Österreich von den Alliierten befreit wurden, im Konjunktiv: „Wenn wir nicht befreit worden sind, dann waren ja alle Wahlen bisher ungültig. Dann waren die Quellen, aus denen wir getrunken haben, vergiftet vom Feind, dann war ja die Zeitgeschichte samt und sonders erlogen, wenn wir kein befreites Land gewesen sind.“ Und wenn Honsik von „Verleugnung“ spricht, sagt er nie dazu, was denn hier verleugnet werden soll - seine Zuhörer wissen es ja ohnehin.

Van der Bellen ein „Verbrecher“

Namentlich greift Honsik vor allem Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen an und bezeichnet ihn (in einer ebenfalls wirren Passage) als „Verbrecher“: „Die größten Verbrecher und Gefährder unserer Verfassung, des Grundgesetzes, ist der österreichische Bundespräsident Van der Bellen und die Merkel und die ganze Regierung. Die schwören, den Nutzen des deutschen Volkes zu mehren, und man kann den Nutzen eines Volkes nicht größer schmälern, als es abzuschaffen durch kompensatorische Immigration und gesteuerte Geburtenarmut.“

Rätsel des Algorithmus

Dass Honsik revisionistische Theorien von sich gibt, ist nicht neu, dass er sie in der aktuellen Situation mit Ressentiments gegen Zuwanderer anreichert, wenig überraschend. Wie aber kommt es zur „Empfehlung“ durch den Algorithmus von Facebook? Wer eine öffentliche Seite auf der Plattform betreibt, dem wird bei jedem neuen Beitrag angeboten, ihn gegen Bezahlung mittels „Sponsoring“ bewerben zu lassen.

Man kann dabei die Zielgruppe eingrenzen, an die ein Beitrag ausgesandt werden soll. Am wichtigsten sind demografische Angaben: Alter, Geschlecht, Wohnort. Dann kommen jedoch schon die Interessenkategorien: „Politik“ etwa, „Geschichte“ und die Namen rechtspopulistischer Politiker. Welche Kombination an Interessen jemanden privilegiert, mit Nachrichten des verurteilten Holocaust-Leugners Honsik versorgt zu werden, ist ein Rätsel des Algorithmus.

Screenshot facebook.com

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Facebook wirbt für seine Werbung

„Vorgeschlagener Beitrag“

Im besten Fall taucht der Beitrag dann treffgenau bei interessierten Personen in der Chronik auf, so als wäre er von einem Freund bzw. einer Freundin gepostet worden. Direkt im Beitrag findet sich der Hinweis „gesponsert“ und darüber steht „Vorgeschlagener Beitrag“. Im vorliegenden Fall wird vor allem Letzteres zum Problem. Schlimm genug, dass Neonazis ihre Propaganda über Facebook verbreiten dürfen. Dass jedoch die Propaganda sogar noch einen seriösen Anstrich bekommt, weil sie wie eine von einer Facebook-Redaktion handverlesene Empfehlung aussieht, ist besonders problematisch.

ORF.at hat einem Facebook-Sprecher einen Screenshot des gesponserten Postings geschickt samt entsprechendem Link und der Einordnung Honsiks und seines Postings durch das DÖW. Facebook redet sich nicht auf Software aus - im Gegenteil: „Jeder Seitenbetreiber kann auf Facebook werben, solange die Inhalte im Einklang mit den Facebook Gemeinschaftsstandards und den Facebook Werberichtlinien sind. Jede Werbeanzeige wird im Zusammenspiel von Mensch und Technik geprüft und freigegeben. Anders als bei den meisten digitalen Werbeangeboten hat jeder Mensch auf Facebook die Möglichkeit einzelne Werbeanzeigen und auch den Werbetreibenden ganz zu blockieren.“

Im Klartext heißt das: Honsiks Revisionismus befindet sich im Einklang mit den Gemeinschaftsstandards und Werberichtlinien von Facebook. Und: Dass alle User einen solchen „Vorschlag“ von Facebook als reine Werbung identifizieren, darf bezweifelt werden. Erst unlängst hatten verschiedene Studien der Uni Stanford, der OECD und der britischen Medienbehörde ein und dasselbe Ergebnis gezeigt: Selbst junge, webaffine Menschen können gesponserte Links selten als Werbung erkennen. Umso mehr gilt das, wenn eine Institution, der man seine täglichen Sorgen und Freuden anvertraut, einen Beitrag „vorschlägt“. Das birgt selbst in Zeiten, da man sich an Hasspostings gewöhnt hat, noch Empörungspotenzial.

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