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Anschlag während Palmsonntagsmesse

Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi hat nach den Anschlägen auf zwei koptische Kirchen den Ausnahmezustand angekündigt. Dieser trete für drei Monate in Kraft, sobald die notwendigen verfassungsrechtlichen Schritte vollzogen seien, sagte er in einer Fernsehansprache. Darüber hinaus werde ein Reihe von Maßnahmen ergriffen.

Sisi kündigte eine neue Ermittlungsbehörde an, den „Obersten Rat zur Bekämpfung von Terror und Extremismus“. Bereits vor seiner TV-Ansprache hatte er den landesweiten Einsatz des Militärs angeordnet. Sisi habe den Befehl zur „sofortigen Abstellung von Armee-Einheiten“ im gesamten Land gegeben, berichtete das staatliche Fernsehen.

Militär in Alexandria

Reuters/Fawzy Abdel Hamied

Nach den Anschlägen wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft

„Das passiert nur, um unser Land zu beschützen“, sagte Sisi zu den beschlossenen Maßnahmen. „Die Auseinandersetzung mit den Terroristen wird lang und schmerzhaft sein“, so Sisi, der anderen Ländern gleichzeitig vorwarf, den Terrorismus in Ägypten zu unterstützen. Ein bestimmtes Land nannte der ägyptische Präsident nicht.

Zustimmung des Parlaments noch ausständig

Laut der ägyptischen Verfassung muss das Parlament dem Ausnahmezustand noch zustimmen. Das Parlament wird von den Anhängern Sisis dominiert, der im Jahr 2013 seinen demokratisch gewählten Vorgänger, den Islamisten Mohammed Mursi, stürzte. In den vergangenen Jahren war nach Gewaltausbrüchen wiederholt der Ausnahmezustand in Ägypten oder Teilen des Landes ausgerufen worden. Das war verbunden mit der Möglichkeit von Festnahmen ohne Haftbefehl und Hausdurchsuchungen ohne richterliche Anordnung sowie nächtlichen Ausgangssperren.

Erweiterte Befugnisse sollen den Sicherheitskräften das Vorgehen gegen Extremisten vereinfachen. Allerdings haben diese in Ägypten auch schon zum gegenwärtigen Zeitpunkt oftmals freie Hand, was durch vielfach schwammig formulierte Gesetze bedingt ist.

Anschlag während Palmsonntagsmesse

Bei den Angriffen auf koptische Kirchen in Tanta im Nil-Delta und Alexandria waren über 40 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 100 wurden verletzt. Mindestens 25 Todesopfer gab es in der St.-Georg-Kirche im rund 120 Kilometer von Kairo entfernten Tanta. Der Gouverneur von Gharbija, Ahmed Deif, sagte dem Fernsehsender Nile News am Telefon, die Explosion habe sich im Inneren der Kirche ereignet.

Zerstörung in der Kirche

Reuters/Mohamed Abd El Ghany

Spuren des Anschlags in der St.-Georg-Kirche von Tanta

Zum Zeitpunkt des Anschlags waren besonders viele Gläubige in der Kirche. Die koptische Gemeinde in Tanta hatte den Palmsonntag gefeiert und sich damit auf das Osterfest in einer Woche vorbereitet. Laut dem ägyptischen Fernsehen ist St. Georg die größte christliche Kirche der Region.

Eine Karte zeigt die Orte Tanta und Alexandria in Ägypten

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA

Vermutlich beide Male Selbstmordattentäter

Bei einem weitern Anschlag in Alexandria wurden laut den ägyptischen Behörden mindestens 16 Menschen getötet und mehr als 40 verletzt. An dem Gottesdienst nahm laut der koptischen Kirche auch ihr Oberhaupt Papst Tawadros II. teil. Die staatliche Zeitung „Al-Ahram“ berichtete, die Explosion außerhalb der koptischen Kirche St. Markus in der Hafenstadt sei durch einen Selbstmordattentäter verursacht worden, der zuvor am Einlass in die Kirche gehindert worden sei. Auch in Tanta dürfte die tödliche Explosion von einem Selbstmordattentäter verursacht worden sein. Das berichteten Augenzeugen.

Koptische Kirche im ägyptischen Tanta

Reuters/Mohamed Abd El Ghany

Die St.-Georg-Kirche in Tanta ist die größte christliche Kirche der Region

„Der Terrorismus trifft Ägypten erneut, dieses Mal an Palmsonntag“, sagte unmittelbar nach den Anschlägen der Sprecher des Außenministeriums, Ahmed Abu Said, auf Twitter. Es sei eine weitere „widerwärtige Tat“ gegen alle Ägypter.

IS droht mit weiteren Anschlägen

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte die Taten für sich und warnte vor weiterer Gewalt. Zwei IS-Selbstmordattentäter hätten die Anschläge verübt, hieß es in einer Mitteilung, die am Sonntag über IS-nahe Kanäle veröffentlicht wurde. Die Terrormiliz, deren Ableger im Norden der ägyptischen Sinai-Halbinsel aktiv ist, hatte sich schon im Dezember zu einem ähnlichen Anschlag bekannt. Damals waren fast 30 Menschen durch einen Selbstmordattentäter in einer Kirche in Kairo getötet worden. In Propagandavideos hatte der IS zuletzt Angriffe auf Christen angekündigt.

EU sichert Solidarität im Kampf gegen Terror zu

UNO-Generalsekretär Antonio Guterres verurteilte die Anschläge auf Christen in Ägypten scharf. Den Familien der Opfer, dem ägyptischen Volk und der Regierung sprach Guterres in einer Aussendung sein Mitgefühl aus. Er hoffe, dass die Verantwortlichen für diesen „schrecklichen Terroranschlag“ rasch identifiziert und zur Rechenschaft gezogen würden.

US-Präsident Donald Trump zeigte sich via Twitter zuversichtlich, dass Sisi richtig handeln werde. Die Europäische Union sicherte Ägypten Solidarität im Kampf gegen den Terror zu. „Die Verantwortlichen für die Angriffe müssen zur Rechenschaft gezogen werden“, sagte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini in Brüssel.

„Trauern um die Opfer“

In Österreich verurteilten Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) die Bombenanschläge. „Wir trauern um die Opfer, unser Mitgefühl ist bei ihren Angehörigen“, ließ der Bundespräsident via Twitter wissen. Kurz schrieb ebenfalls auf Twitter, seine Gedanken seien bei den Familien und Freunden der Opfer. Der Außenminister forderte überdies, „entschieden gegen Verfolgung von religiösen Minderheiten“ und Christen vorzugehen.

In Deutschland fanden Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) und Innenminister Thomas de Maiziere (CDU) scharfe Worte. „Erneut sind christliche Gläubige Ziel einer Bluttat geworden“, sagte Gabriel in Berlin.

Papst drückt Bestürzung aus

Papst Franziskus drückte in Rom seine Bestürzung aus. Beim Angelusgebet auf dem Petersplatz verurteilte er den Anschlag in Ägypten ebenso wie jenen vor zwei Tagen in Stockholm. Er bete für die Opfer und deren Angehörige sowie für all jene, die wegen Kriegen leiden, sagte Franziskus. Er bekundete seine Nähe zu dem ägyptischen Volk. Für Ende April hat der Papst eine Reise nach Ägypten geplant.

Die Kopten sind die größte christliche Glaubensgemeinschaft im Nahen Osten. Insgesamt machen Christen in Ägypten rund zehn Prozent der 94 Millionen Einwohner aus. Sie können ihre Religion weitgehend frei ausüben und leben größtenteils friedlich mit der muslimischen Bevölkerungsmehrheit zusammen. Es kommt allerdings vereinzelt zu Spannungen, vor allem in den ländlichen Gebieten.

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