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Das Geschäft mit dem „Premiumschlaf“

Geahnt hat man schon immer, was nun Studien belegen: Wer besser schläft, ist leistungsfähiger, lebt gesünder - und möglicherweise sogar länger. Aber wie soll man sich nach der digitalen Reizüberflutung des Tages nachts ins dunkle Nichts fallen lassen? Die Wirtschafts- und Warenwelt hat bereits ein paar Lösungen parat.

„Wer schläft, liebt nicht“, heißt es in Robert Schneiders Bestseller „Schlafes Bruder“, dessen Held sich entschließt, für immer wach zu bleiben - und schließlich am künstlich herbeigeführten Schlafentzug stirbt. „Wer schläft, konsumiert nicht“, könnte man in einer Abwandlung formulieren - doch das scheint so nicht mehr zu stimmen. Gerade der Schlaf wird derzeit von Firmen mit allerhand neuen Produkten entdeckt. Die Grundthese der Anbieter: Schlaf ist nicht gleich Schlaf. Es gibt eine Art Premiumschlaf, tiefer, besser, gesünder. Um ihn herbeizuführen, muss man investieren.

"Thim"-Erfinder

thim.io Ben Olsen

Ben Olsen hat seinen Schlafring „Thim“ mit Crowdfunding entwickelt

Tiefer schlafen unter schweren Decken

Neu auf dem Markt sind zum Beispiel „Weighted Blankets“, künstlich beschwerte Decken, die sich wie eine Umarmung um den Körper schmiegen. Gefüllt sind sie (wie der klassische Sitzsack) mit Granulat, das mit der Bewegung des Körpers mitgeht und ihn umhüllt: Entwickelt wurden diese Decken schon Ende der 1990er Jahre für hyperaktive Kinder, die unter der acht bis zehn Kilogramm schweren Last abends angeblich leichter zur Ruhe kommen. In letzter Zeit werden sie aber auch von Erwachsenen mit Schlafproblemen gekauft, die sich darunter einfach geborgen fühlen.

In einer Welt voller künstlicher Reize wird es anscheinend immer schwerer, sich abends in die Dunkelheit fallen zu lassen. Das blaue Licht von Bildschirmen hat dem Gehirn den Tag über permanent „Morgendämmerung“ signalisiert - und es so in Aufwacheuphorie versetzt. Schon Kleinkinder würden zu schlechteren Schläfern, wenn sie tagsüber mit dem Smartphone der Eltern spielen, berichtete kürzlich die BBC.

Und mit dem Alter wird das Einschlafen sowieso immer schwieriger: Es sei ein Mythos, dass ältere Menschen mit weniger Schlaf auskämen, sagt Schlafforscher Matthew P. Walker gegenüber der kanadischen „National Post“. Ab Mitte dreißig werde es bloß immer schwerer einzuschlafen.

Schlafstimulierendes Gerät "Sense"

hello.is

Der Schlafball Sense beruht auf Studien von US-Neurowissenschaftlern

Schlafball, Schlafband, Schlafring

Walker ist Institutsvorstand am „Sleep and Neuroimaging Laboratory“ der Universität Berkeley, Kalifornien. Hier haben er und sein Team ein Gerät namens Sense entwickelt, das das Gehirn Schlafender direkt stimulieren und so beruhigend wirken soll. Der kleine, weiße Ball sieht aus wie ein Gadget aus dem Hause Apple: Als Sound-Maschine, Schlafmonitor und smarter Wecker ist er um rund 150 Dollar (rund 140 Euro) im Handel.

In Paris hat ein junger Computertüftler, Hugo Mercier, ein ähnliches Gerät konstruiert: Das Stirnband Dreem will den Schlaf mit Schallwellen in ruhige Bahnen lenken und soll im Mai 2017 für rund 350 Dollar (gut 330 Euro) auf den Markt kommen.

Ebenfalls im Frühsommer 2017 soll auch Thim an den Start gehen, ein kleines Gerät des australischen Unternehmers Ben Olsen, das man am Finger trägt. Thim gibt in der Einschlafphase alle drei Minuten ein kleines Geräusch von sich, das den Tiefschlaf verhindert - und so angeblich einen besseren Schlaf im Anschluss ermöglicht. Olsen hat bereits ein anderes Produkt herausgebracht: Die Schlafbrille Re-Timer, die ein grünblaues Wechsellicht auf das geschlossene Augenlid projiziert, soll die innere Uhr zurückstellen. Laut „New York Times“ verkaufte Olsen seit dem Produktlaunch 2012 schon über 30.000 Brillen in über 40 Länder.

Lifestyleprodukte mit wissenschaftlichem Backup

Auch, wenn Sense, Dreem und Thim wirken wie hochpreisige Lifestyleprodukte: Hinter dem Handel mit dem Schlaf stecken zumindest grundsätzlich seriöse, wissenschaftliche Erkenntnisse. Aktuelle Studien bringen Schlafmangel mit Krebserkrankungen in Zusammenhang. Männer über 65, die weniger als sieben Stunden pro Nacht schlafen, hätten ein höheres Risiko an Prostatakrebs zu erkranken, titelte erst kürzlich das Magazin für Krebsforschung „Cure“.

Schlafforscher Walker holt sogar noch weiter aus: „Praktisch alle Krankheiten, die uns im späteren Leben töten, sind verknüpft mit einem Schlafmangel in frühen Jahren“, fasst er seine Beobachtungen im Wissenschaftsmagazin seiner Universität, „Berkeley News“, zusammen. Alzheimer, Herzschwäche, Übergewicht, Diabetes und Schlaganfälle bekommt laut Walker eher, wer wenig schläft. Oder positiv formuliert: Schlaf ist ein Jungbrunnen.

Firmen fördern Schlaf ihrer Mitarbeiter

Hier knüpfen Firmen an, die ein Interesse an der Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter haben. 2016 erschien eine Studie, die Schlafmangel mit dem Bruttoinlandsprodukt der USA in Zusammenhang brachte: Laut dem Marktforschungsinstitut Rand verursachen müde Mitarbeiter 411 Milliarden Dollar (387 Mrd. Euro) Schaden oder einen Verlust von 2,28 Prozent.

Einige große Firmen reagierten prompt und bestellten Schlaftrainer für ihre Mitarbeiter. Uber zum Beispiel führt im Rahmen seiner Anti-Burnout-Programme regelmäßig Schlafschulungen für seine Büroangestellten durch. Ein Wohlfühlprogramm, das wiederum mit Meldungen über die Fahrer des Unternehmens kontrastiert, die laut „Bloomberg“ nicht selten in ihren Wagen auf Parkplätzen schlafen, um über die Runden zu kommen.

Kampf gegen „müde Bürogeister“

Die Zeiten, in denen der Yuppie-Manager als Vorbild galt, der sich auf seinen Marathonschichten mit Kokain wach hielt, sind jedenfalls vorbei. Amazon-Chef Jeff Bezos erzählt in Interviews gerne, dass er früher regelmäßig einen Schlafsack ins Büro mitnahm, um ein Mittagsschläfchen einzuschieben. Die acht Stunden Schlaf, die er sich wenn irgend möglich gönne, seien das Beste, was er seinen Aktionären bieten könne.

Der amerikanische Versicherungskonzern Aetna geht noch einen Schritt weiter. Mitarbeitern, die nachweisen können, dass sie zwanzig Tage am Stück mehr als sieben Stunden geschlafen haben, zahlt Aetna am Jahresende eine Prämie von fünfhundert Dollar (rund 470 Euro). Dieser Anreiz soll verhindern, dass sie als müde „Geister“ im Büro herumhängen. „Presenteeism“ lautet in der Manager-Sprache die Bezeichnung für Mitarbeiter, die zwar anwesend sind, de facto aber zu erschöpft, um auch etwas zu leisten - diese Scheinanwesenheit wollen Firmen verhindern.

Amazon CEO Jeff Bezos

APA/Getty Images/AFP/Drew Angerer

Auch mal mit dem Schlafsack im Büro: Amazon-CEO Jeff Bezos

Betten um den Preis eines Neuwagens

In Österreich zeigt sich der Trend zu Schlaf als neuem Luxus dagegen noch bodenständig. Teure Betten boomen schon seit Jahren. Die Boxspring-Modelle der schwedischen Firma Hästens tragen Namen wie „Superia“, „Marquis“, „Excel“ und „Luxuria“ und sind für rund 30.000 Euro zu haben. Michael Frost, Inhaber des Scandinavian Design House, das die Betten in Wien vertreibt, bestätigt gegenüber ORF.at stetig steigende Verkaufszahlen: „Wir sehen ein steigendes Interesse für den guten Schlaf, und dass Leute mehr Geld hier investieren möchten als früher“, so Frost.

Auch er profitiere vom Betten-Boom, der vor rund fünf Jahren in Österreich ausgebrochen ist, sagt Anselm Schwade, Geschäftsführer einer Wiener Matratzen- und Bettenmanufaktur, die auf Futons spezialisiert und preislich im oberen Mittelfeld angesiedelt ist, auf Nachfrage von ORF.at: „Heute gibt es Bett- und Matratzenkombinationen bis zu 25.000 Euro für eine einzelne Bettseite, während man früher 5.000 Euro für eine Doppelbettkombination bereits als teuer empfunden hat.“

Bett

Scandinavian Design House/Philip Karlberg

Hästens Modell Auroria, Kostenpunkt: rund 16.600 Euro

Neo-Biedermeier und teure Boxspring-Modelle

Schwade sieht im Hintergrund auch eine Art neues „Biedermeier“ seine Wirkung entfalten. Die Menschen legten wieder mehr Wert auf die hochwertige Ausstattung ihres Heims. Schwade beschreibt aber auch eine Umgewichtung auf den lange Zeit unterschätzten Schlaf. Auch die Verkäufe seines Unternehmens seien in den letzten Jahren gestiegen.

Dem Boxspring-Trend steht er als Futonfabrikant allerdings skeptisch gegenüber: „Die Sinnhaftigkeit von 60 bis 70 cm hohen Matratzenkombinationen kann man dringend hinterfragen: Wie viel Matratze braucht der Mensch? Wenn es um eine ergonomische Anpassung an den menschlichen Körper geht, reichen 25 cm vollkommen aus. Alles darüber hinaus ist Augenauswischerei.“

Porträt von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1981

AP

R. W. Fassbinder (hier mit Juliane Vogel) schlief kaum: Er starb mit 37 Jahren

„Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“

Dem aktuellen „Schlaffetisch“ steht übrigens seit jeher die Haltung des Rock ’n’ Roll gegenüber, der die Nacht als parallele Lebenswelt zelebriert. Der rauschhafte Mensch hört nicht auf die Warnungen der Experten - und muss dabei nicht zwangsläufig weniger leistungsfähig sein. Die deutsche Kinolegende Rainer Werner Fassbinder war zum Beispiel bekannt für sein Motto „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“.

Wenig leistungsfähig war Fassbinder, der oft nur wenige Stunden pro Nacht dabei schlief nicht: Bis zu seinem Tod im Jahr 1982 drehte er 40 Spielfilme - oft mehrere pro Jahr. Kaum ein Regisseur arbeitete derart manisch - allerdings zahlt derjenige, der seinen Körper so ausbeutet auch den entsprechenden Preis. Fassbinder, der Mann, der nicht schlafen wollte, starb mit 37 Jahren.

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