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„Da haut’s dich auf die Pappen“

Erst kürzlich hat Salzburg eine wenig schmeichelhafte Poleposition eingenommen: Die Stadt wurde im Zuge einer österreichweiten Auswertung von GPS-Daten zu Staustadt Nummer eins gekürt. Nicht nur die Salzburger selbst, sondern auch die etwa 60.000 Pendler bringen den Verkehr in der Stadt regelmäßig zum Erliegen. Nach Lösungen für das Problem wird gesucht, ein Vorstoß sorgt derzeit für Aufregung.

Bei diesem geht es darum, die Pendler aus dem Salzburger Umland (die vor allem aus dem Flachgau und dem Tennengau kommen) für das Abstellen ihres Autos im Salzburger Stadtgebiet bzw. in Bewohnerparkzonen bezahlen zu lassen. Eine Ausweitung der Parkzonen ist bereits fix, nach der Vorstellung von Bürgermeister Heinz Schaden (SPÖ) sollen das künftig keine Kurzparkzonen sein, sondern Dauerparkzonen.

Parkticket um 700 Euro

Und das soll kosten: Pendler aus dem Umland, so die Idee, müssten sich dann ein Monats- bzw. Jahrespickerl fürs Parken kaufen - der Preis dafür soll sich bei 70 Euro für einen Monat bzw. 700 Euro fürs Jahr bewegen. Ab 1. Jänner 2018 soll das Ticket in Kraft treten. Die Gegner des Vorstoßes aus dem Büro des Salzburger Bürgermeisters verweisen auf die kaum attraktive „Öffi“-Alternative, die die Pendler wohl oder übel dazu zwingen werde, trotz der neuen Kosten mit dem Auto zur Arbeit zu fahren.

Hoher Zeitverlust

Gemäß einer Studie müssen Lenker in Salzburg im Tagesdurchschnitt für eine Fahrt, die ohne Vorkommnisse 60 Minuten dauert, 29 Minuten zusätzliche Fahrtzeit einplanen.

„Abzocke“, „Anschlag“, „Belastungskeule“

Effekt gebe es also keinen, außer anfallende Kosten für jene, die pendeln, monieren die Gegner. So etwa Josef Schöchl, Bezirksparteiobmann der ÖVP Flachgau und ÖVP-Verkehrssprecher im Landtag. Er ortete gegenüber den „Salzburger Nachrichten“ („SN“) jüngst „Abzocke“ und einen „Anschlag der Stadt-SPÖ auf die Pendler“.

Es sei unfair, ohne Absprache mit den Umlandgemeinden eine „Pendlermaut“ einzuführen, so Schöchl gegenüber den „SN“. Sie würden vor „vollendete Tatsachen“ gestellt. Auch aus der Salzburger Wirtschaftskammer kommt Kritik: Jahrelang sei zugewartet worden, ohne Pendlern Alternativen anzubieten. „Fällt der Politik nichts mehr ein, wird die Belastungskeule ausgepackt“, so Peter Tutschku, Obmann der Sparte für Transport und Verkehr.

Karte zeigt das Flachgau, Tennengau und die Stadt Salzburg

Omniscale/OSM/ORF.at

Politisches Match

Die hitzige Diskussion verläuft also keineswegs nur zwischen Stadt und Land, sondern gleichsam zwischen SPÖ (Stadt) und der ÖVP, die auf Landesebene den Ton angibt. Auch spielt noch ein weiterer Aspekt eine Rolle: Schließlich müssen sich die Parteien langsam, aber sicher für die 2018 anstehenden Landtagswahlen in Stellung bringen. Die Bürgermeister der Umlandgemeinden Salzburgs fordern konstruktive Gespräche und mehr Zeit für die Verbesserung des öffentlichen Verkehrs.

„Konflikte mit Anrainern vorprogrammiert“

Man könne die Lage in Salzburg nicht verbessern, ohne die „Öffis“ auszubauen, so der Tenor. „Wenn ich ein Pendler bin, der jetzt diese 700 Euro bezahlt, dann erwarte ich, dass ich in der Nähe meiner Arbeitsstelle einen Parkplatz habe und damit glaube ich, sind die Konflikte mit den Anrainern (...) vorprogrammiert. Ich glaube, das löst das Problem nicht“, so Markus Kurcz, ÖVP-Bürgermeister von Elixhausen.

Doch nicht nur bei politischen Gegnern stößt das Vorhaben auf Widerstand, auch aus der SPÖ kommen Zweifel und Unverständnis. „Wenn ich zuerst den zweiten Schritt mache, bevor ich den ersten gemacht habe, dann sagen wir Pinzgauer, da haut’s dich auf die Pappen“, sagte Siegfried Pichler, Präsident der Arbeiterkammer Salzburg. Zuerst müsse es eine attraktive Preisgestaltung geben sowie kürzere Taktung und bessere Verbindungen der „Öffis“. Auch das Land sei gefordert, so Pichler - mehr dazu in salzburg.ORF.at.

Ungünstige Umstände

Die rollende Blechlawine in Richtung Salzburg ist mehreren Umständen geschuldet: So wuchs etwa die Einwohnerzahl der Stadt Salzburg in den letzten fünf Jahren um fünf Prozent, während das Umland noch weit stärker zulegte. Der Flachgau und der Tennengau verzeichneten im selben Zeitraum fast zehn Prozent Bevölkerungszuwachs. Im Flachgau wohnen mittlerweile fast gleich viele Menschen wie in Salzburg-Stadt.

Diese Entwicklung ist wiederum eine Folgeerscheinung der exorbitant hohen Mieten in der Landeshauptstadt. Infolge dessen stehen viele vor der Wahl zwischen der schwierigen Suche nach einer überteuerten Immobilie in der Stadt oder einer finanziell verträglicheren Variante am (nicht viel günstigeren) Stadtrand bzw. außerhalb des urbanen Gebiets. Salzburg ist mit dieser Entwicklung freilich nicht alleine, allerdings aufgrund der räumlichen Enge in puncto Verkehr wiederum besonders anfällig.

Im Match zwischen SPÖ und ÖVP bzw. Stadt und Umland spielt auch der ÖAMTC mit: Eine vom Autofahrerclub in Auftrag gegebene Studie hätte ergeben, dass Pendler einen positiven Einfluss auf die Immobilienpreise hätten, hieß es zuletzt. Würde die Hälfte der 60.000 Pendler nämlich ihr Pendlerdasein aufgeben und in die Stadt übersiedeln, würde das einen Preisanstieg von 923 Euro pro Quadratmeter bedeuten, rechnete der ÖAMTC vor. Eine solche Entwicklung drohe, das Pendlerticket sei ein möglicher Auslöser, warnte der ÖAMTC.

Wie Graz mit dem Problem umgeht

Mit ganz ähnlichen Problemen wie Salzburg kämpft Graz: Auch auf die steirische Landeshauptstadt rollen täglich aus allen Richtungen Pendler zu. Die zweispurige Pyhrnautobahn (A9) aus Richtung Süden ist über viele Kilometer im Früh- bzw. Abendverkehr generell nur im stockenden Verkehr zu befahren - ein Problem, das in den letzten Jahren deutlich an Gewicht gewonnen hat. Die Lage auf dem Immobilienmarkt der Stadt ist ähnlich verfahren, auch hier ziehen viele in die Umlandgemeinden, zudem ist der Feinstaub Thema.

Blaue und grüne Zonen

Geschaffen wurden neben den blauen Kurzparkzonen in der Grazer Innenstadt elf grüne Zonen in den inneren Teilen der umliegenden Bezirke. Fast 12.000 Stellplätze stehen insgesamt zur Verfügung, Autos können gegen eine Gebühr von sieben Euro pro Tag abgestellt werden. Auch werden für die grünen Zonen - ähnlich wie in Salzburg angekündigt - Monats- und Jahrespauschalkarten angeboten: Sie kosten 42 Euro pro Monat bzw. 420 Euro jährlich.

Ein nicht unwesentlicher Teil der Autos wird durch die insgesamt neun Park-&-Ride-Anlagen abgefangen. Vier sind kostenfrei, bei zwei ist in der Abstellgebühr eine Tageskarte für die Grazer Verkehrsbetriebe enthalten. Ein Tagesticket kostet genauso wie ein Parkplatz in der grünen Zone sieben Euro, auch werden Wochen-, Monats- und Jahreskarten angeboten.

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