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Zimmer mit Blick auf Tatort

Die deutsche Polizei hat einen mutmaßlichen Tatverdächtigen in Zusammenhang mit dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund festgenommen. Es handle sich um den 28-jährigen deutschen und russischen Staatsangehörigen Sergej W., teilte die Bundesanwaltschaft Freitagfrüh mit.

Er sei durch Beamte der Sondereinheit GSG 9 im Raum Tübingen festgenommen worden. Der Mann habe mit dem Anschlag den Aktienkurs des BVB beeinflussen und von einem fallenden Kurs profitieren wollen. Nach dem Anschlag war über mögliche terroristische Motive spekuliert worden. Am Dienstag vergangener Woche waren neben dem Mannschaftsbus der Fußballer drei mit Metallstiften bestückte Sprengsätze explodiert. Der Spieler Marc Bartra und ein Polizist wurden verletzt.

Am Tag des Anschlags Optionen gekauft

Dem Festgenommenen würden versuchter Mord, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion sowie gefährliche Körperverletzung zur Last gelegt, teilte die Bundesanwaltschaft weiter mit. Der Festgenommene habe Verkaufsoptionen in Bezug auf die BVB-Aktie (15.000 Stück) erworben, und zwar am Tag des Anschlags.

Beschädigter BVB-Bus

AP/Martin Meissner

Der beschädigte Mannschaftsbus nach dem Anschlag

Bei einem starken Verfall der Aktie hätte der Gewinn ein Vielfaches des Einsatzes betragen. Mit einem erheblichen Kursverfall wäre zu rechnen gewesen, wenn infolge des Anschlags Spieler schwer verletzt oder gar getötet worden wären.

Gast im Mannschaftshotel

Der Verdächtige hatte die Tat offenbar von langer Hand geplant. Er war ebenso wie die Mannschaft Gast des Hotels L’Arrivee. Er habe dort bereits am 9. April 2017, also zwei Tage vor dem Anschlag, ein Zimmer im Dachgeschoß des Hotels mit Blick auf den späteren Anschlagsort bezogen.

Bereits Mitte März habe er „ein Zimmer für den Zeitraum vom 9. bis 13. April 2017 sowie für den Zeitraum vom 16. bis 20. April 2017 gebucht. Die Termine umfassten beide Begegnungen der Champions League zwischen Borussia Dortmund und AS Monaco. Zum Zeitpunkt der Buchung stand allerdings noch nicht fest, an welchem der beiden Termine das Heimspiel in Dortmund stattfinden wird“, so die Bundesanwaltschaft in ihrer Aussendung.

Keine Hinweise auf Komplizen

Die Behörden haben nach der Festnahme bisher keine Anhaltspunkte für mögliche Gehilfen und Mittäter, wie die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke Köhler, am Freitag in Karlsruhe betonte. Die Ermittlungsbehörde behalte diese Frage aber weiter im Blick.

Neue Details zu Bomben

Ein Detail der Ermittlungen ist auch, dass die Sprengsätze mit Metallstiften gespickt waren. Wie die Bundesanwaltschaft am Freitag mitteilte, wurde einer der Stifte noch 250 Meter entfernt gefunden. Den Angaben zufolge waren insgesamt drei Sprengsätze über eine Länge von zwölf Metern in einer Hecke entlang der Fahrstrecke des Busses angebracht und wurden „zeitlich optimal gezündet“.

Der mittlere war aber zu hoch befestigt, um seine Wirkung voll entfalten zu können. Jeder Sprengsatz wurde nach ersten Erkenntnissen separat über eine elektrische Funkschaltung gezündet. Zur Art des Sprengstoffs gab es noch keine Erkenntnisse.

Ermittlungen in alle Richtungen

Bisher war unklar, welches Motiv hinter der Tat steckt. Die Behörden hatten gesagt, sie ermittelten in alle Richtungen und schlossen zunächst auch einen islamistischen oder rechtsextremen Hintergrund nicht aus. In verschiedenen Bekennerschreiben waren radikalislamische und rechtsextreme Motive genannt worden.

Dass die Ermittler diese nicht für glaubwürdig halten, wurde am Freitag in der Mitteilung der Bundesanwaltschaft nochmals klar. Eine Überprüfung der drei am Tatort platzierten textidenten Bekennerschreiben, in denen ein radikalislamisches Motiv behauptet wurde, habe „erhebliche Zweifel“ ergeben. Und beim zwei Tage später eingegangenen rechtsextremistischen Bekennerschreiben deute „nichts darauf hin, dass es vom Täter stammt“, so die Bundesanwaltschaft wörtlich.

Erleichterung bei BVB

Der Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund hofft nach der Festnahme eines Tatverdächtigen im Fall des Anschlags auf den Mannschaftsbus auf schnelle Aufklärung. „Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft, des Bundeskriminalamts und der nordrhein-westfälischen Polizei wurden sehr intensiv und mit Hochdruck geführt. Dafür bedanken wir uns in aller Form und hoffen, dass in dem Tatverdächtigen nun der Verantwortliche für den niederträchtigen Anschlag auf unsere Spieler und Staff-Mitglieder gefasst werden konnte“, werden Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Präsident Reinhard Rauball in einer BVB-Mitteilung zitiert.

Ähnlich wie die Führungskräfte reagierten die Profis mit Erleichterung auf die Nachrichten von ersten Ermittlungserfolgen. „Für alle, die im Bus saßen, wären diese Informationen wichtig, denn sie würden den Verarbeitungsprozess deutlich erleichtern“, sagte BVB-Kapitän Marcel Schmelzer am Freitag.

Der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Ralf Jäger, bezeichnete die Festnahme als „gute Nachricht für den Fußball“. Der Erfolg der Fahnder sei den intensiven Ermittlungen von Bundesanwaltschaft, Bundeskriminalamt und Polizei zu verdanken, sagte der SPD-Minister.

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