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Festgenommener in U-Haft

Rund eineinhalb Wochen nach dem Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus des deutschen Fußballbundesligisten Borussia Dortmund (BVB) ist der mutmaßliche Täter gefasst. Die Ermittler geben sich von der Schuld des 28-jährigen deutschen und russischen Staatsangehörigen Sergej W. überzeugt. Bestätigt wurde am Freitag zudem, dass die Tat offenbar aus reiner Geldgier erfolgte.

Wie die deutsche Bundesstaatsanwaltschaft in Karlsruhe bei einer Pressekonferenz mitteilte, hatte der festgenommene Tatverdächtige Verbraucherkredite in Höhe von rund 80.000 Euro aufgenommen. Mit dem Geld setzte er auf fallende Kurse der BVB-Aktie, und zwar mittels Put-Optionen.

Versuchter Mord

Er kaufte drei verschiedene dieser Papiere, wie die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke Köhler, sagte. Die meisten erwarb er am Tag des Anschlags. Bei einem starken Verfall der Aktie von Borussia Dortmund hätte der Gewinn den Ermittlern zufolge „ein Vielfaches des Einsatzes“ betragen. Zum maximalen Gewinn könne die Bundesanwaltschaft zum gegenwärtigen Zeitpunkt nichts sagen, teilte Köhler mit. Entsprechende Berechnungen stünden noch aus.

Dem Festgenommenen werden nach dem Anschlag auf die Fußballspieler versuchter Mord, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Ziel des Anschlags war es den Ermittlern zufolge, möglichst viele Spieler des Vereins zu verletzen oder gar zu töten, um damit die BVB-Aktie zum Absturz zu bringen.

„Beispiellos in deutscher Kriminalgeschichte“

Laut „Spiegel“ dürfte der Fall „beispiellos in der deutschen Kriminalgeschichte sein“. Auch der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, wertet den Anschlag als neue Form der Kriminalität. „Das haben wir auch noch nicht erlebt, dass ein Anschlag, zu dem wir ermitteln, sich dann so entwickelt und am Ende sich als so eine perfide Form von Manipulation von Börsenkursen herausstellt“, sagte Münch am Freitagabend im ZDF-„heute-journal“. „Das ist schon etwas völlig Neues.“

Er selbst habe vor einigen Tagen zum ersten Mal von dem ungewöhnlichen möglichen Motiv des Mannes gehört, sagte der Innenminister des deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen (NRW), Ralf Jäger (SPD), der angesichts der vorliegenden Erkenntnisse von einem „niederträchtigen Motiv, mit hoher Kriminalität und Professionalität umgesetzt“, sprach.

Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD)

APA/dpa/Federico Gambarini

Jäger zeigt sich von der Schuld des Tatverdächtigen überzeugt

Auf die Spur des Beschuldigten kam die Bundesanwaltschaft nach Angaben Köhlers „durch auffällige Optionsgeschäfte“. Jäger zufolge habe es mehrere Hinweise gegeben, die zum mutmaßlichen Täter geführt hätten. Dazu habe unter anderem gehört, dass er die Optionsscheine über einen Computer innerhalb des Mannschaftshotels von Borussia Dortmund geordert habe - dort hatte sich der Verdächtige einquartiert.

Jäger zufolge seien inzwischen mehrere Objekte durchsucht worden. Derzeit werde ausgewertet, ob es sich bei dem Sprengstoff um militärischen oder selbst hergestellten Sprengstoff handelt. „Ich halte Letzteres für wahrscheinlich.“

Von Spezialeinheit festgenommen

Der Tatverdächtige wurde Freitagfrüh von Beamten der Spezialeinheit GSG9 im Raum Tübingen festgenommen. Am Freitagnachmittag wurde der 28-Jährige dem Haftrichter vorgeführt. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft befindet sich der Mann nun in Untersuchungshaft.

Der Mann hat sich laut Münch nach seiner Festnahme nicht zu der Tat geäußert: „Nein, er hat sich nicht eingelassen.“ Die Ermittler seien ihm schon „sehr früh“ auf die Spur gekommen. Die Festnahme dauerte nach Münchs Angaben dann aber noch, weil die Ermittler den Anfangsverdacht erst noch erhärten wollten, um genügend Beweismaterial für die erfolgreiche Beantragung eines Haftbefehls zu haben.

Die Bundesanwaltschaft geht von einem Einzeltäter aus: „Nach unseren bisherigen Erkenntnissen haben wir keine Anhaltspunkte für mögliche Gehilfen.“ Bei dem Anschlag am 11. April auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund waren ein Spieler und ein Polizist verletzt worden. Am Tatort wurden Bekennerschreiben mit islamistischem Inhalt gefunden.

„Einfach grauenhaft“

Deutschlands Innenminister Thomas de Maiziere (CDU) verurteilte die Bekennerschreiben nach dem Anschlag auf den BVB-Bus als „besonders perfide Art, mit der Angst der Bevölkerung zu spielen“. Wenn sich der Verdacht der Ermittler bestätige, habe der Täter versucht, sich als Terrorist auszugeben, sagte der CDU-Politiker in Berlin. Das zeige, dass es richtig sei, in alle Richtungen zu ermitteln und nicht zu früh Schlussfolgerungen zu ziehen.

Der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere

AP/Markus Schreiber

De Maziere nahm in Berlin zu den jüngsten Entwicklungen Stellung

Auch Justizminister Heiko Maas (SPD) verurteilte das Motiv für den Sprengstoffanschlag scharf. „Jedes Motiv für eine solche Tat ist abscheulich - sollte der Beschuldigte tatsächlich aus bloßer Geldgier versucht haben, mehrere Menschen zu töten, wäre das einfach grauenhaft.“

„Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft, des Bundeskriminalamts und der nordrhein-westfälischen Polizei wurden sehr intensiv und mit Hochdruck geführt. Dafür bedanken wir uns in aller Form und hoffen, dass in dem Tatverdächtigen nun der Verantwortliche für den niederträchtigen Anschlag gefasst werden konnte“, sagten unterdessen BVB-Präsident Reinhard Rauball und -Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Die Mannschaft habe mit Erleichterung auf die Nachricht reagiert, so BVB-Sportdirektor Michael Zorc.

Ex-GSG9-Mitglieder bald BSB-Sicherheitspersonal?

Nach dem Anschlag will Borussia Dortmund indes die Sicherheitsmaßnahmen deutlich erhöhen. „Wir werden viel Geld in die Hand nehmen, um die Sicherheitssituation der Mannschaft weiter zu verbessern“, sagte der Geschäftsführer des Fußballbundesligisten Hans-Joachim Watzke der „Süddeutschen Zeitung“. Auch die „Bild“ berichtete von entsprechenden Plänen.

Borussia Dortmund werde im Unternehmen eine eigene Abteilung Sicherheit einrichten. „Ich habe in den letzten Tagen bereits Vorstellungsgespräche mit Sicherheitsexperten geführt, die wir dafür einstellen wollen, etwa mit früheren GSG9- und BKA-Leuten“, wird Watzke in der „Süddeutschen Zeitung“ zitiert. „Die Entwicklungen zwingen uns offenbar dazu, Sicherheitsmaßnahmen in ganz neuem Stil zu ergreifen.“

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