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Wenn das Gesicht zur Leinwand wird

In zehn Jahren hat die Sammlung Verbund eine beachtliche Kollektion feministischer Kunst zusammengetragen, die auf ihrer internationalen Tour nun im Museum für Moderne Kunst (MUMOK) Halt macht. Die vielen Entdeckungen machen die Schau ebenso sehenswert wie die Frühwerke berühmter Künstlerinnen.

Als die Frauen nach 1968 auf die Barrikaden stiegen, mussten sie zuerst einmal das Bügelbrett als Wegsperre überwinden. Am Beginn der Schau „Woman - Feministische Avantgarde der 1970er-Jahre aus der Sammlung Verbund“, die nach Stationen in Rom, Madrid, Brüssel, London und Hamburg ab Samstag im MUMOK zu sehen ist, häufen sich Fotoinszenierungen mit dem ungeliebten Plättvehikel. In ihrer Serie „Bügeltraum“ hielt sich etwa die Künstlerin Karin Mack beim Bearbeiten eines Trauerschleiers fest, schließlich liegt sie selbst damit wie eine Tote aufgebahrt am Bügelladen.

Surrealistischer Galgenhumor

Macks Bildreihe voll surrealistischem Galgenhumor ist nur eine von vielen tollen Arbeiten, die Gabriele Schor seit der letzten Sammlungsschau im Museum für angewandte Kunst (MAK) 2007 gehoben hat. Die Kunsthistorikerin, die 2004 mit der Gründung einer Kunstsammlung für den Energiekonzern Verbund beauftragt wurde, konnte ihr Glück oft kaum fassen: „Ich frage mich bis heute, wie es sein konnte, dass all diese tolle Kunst noch da war und nicht längst Museen gehörte.“ Mittlerweile hat Schor nicht nur 600 Arbeiten gekauft, sondern auch wissenschaftlich aufgearbeitet, wie Monografien zu Cindy Sherman, Birgit Jürgenssen, Francesca Woodman und Renate Bertlmann belegen.

„Damals dachte jede Frau, es gehe nur ihr so schlecht“, erinnert sich Mack an ihre Anfänge, als sie von den Werken anderer Künstlerinnen noch keine Ahnung hatte. Auch ihre Schweizer Kollegin Renate Eisenegger kam indirekt zu ihren ausdrucksstarken Selbstinszenierungen. Auslöser war eine Dokumentation, bei der ein alter Kabuki-Schauspieler in eine bildhübsche Geisha verwandelt wurde. Damals wurde Eisenegger klar: „Ich brauche keine Leinwand und kein Papier, ich nehme mein Gesicht.“ Mit der drastischen Fotoperformance „Isolamento“, bei der sie ihren Kopf mit Klebeband zupflasterte, brachte die Künstlerin ihre Wut über die Ohnmacht der Generation ihrer Mutter zum Ausdruck.

Selbstporträt als Hochzeitstorte

Mit dem Selbstauslöser in der Hand oder der Videokamera am Stativ kehrten die Künstlerinnen damals der Machodomäne Malerei den Rücken und benützten ihren eigenen Körper als Schauplatz. Das führte zu den Selbstverletzungen der Body-Art ebenso wie zu Geschlechterparodien voller (Selbst-)Ironie. Die blutigen Aktionen, bei denen sich die Italienerin Gina Pane mit Rasierklingen aufritzte, sind in der Schau ebenso vertreten wie die witzige Fotoserie der Britin Penny Slinger als Hochzeitstorte. Durch den Anschnitt im Schritt verkörpert sie die Klischeebilder weiße Braut ebenso wie die aus dem Kuchen springende Stripperin.

Die rund 300 Kunstwerke von 48 Künstlerinnen – in der Mehrzahl Fotos, Zeichnungen und Videos – wurden in reichlich konventionelle Schwerpunkte wie „Hausfrau“, „Maskerade“ und „Schönheitsnormen“ unterteilt, aber das tut der Vielschichtigkeit keinen Abbruch. „Das ist keine Frauenausstellung, sondern eine thematische Schau“, betont Schor ihren Fokus auf gesellschaftskritische Kunst und nicht bloß eine Parade an Künstlerinnen. Viel Eindruck machte auf die Kuratorin die Ausstellung „Wack! Art and the Feminist Revolution“, die ab 2007 durch die USA tourte und die enorme Qualität politisch engagierter Kunst von Frauen zeigte.

Breitbeinig im Bus

An der jetzigen Ausstellung beeindruckt, wie einander etablierte und unbekannte Positionen auf Augenhöhe begegnen. Sherman ist zweifellos die berühmteste – und teuerste – Künstlerin der Schau. Der Verbund besitzt auch vier Arbeiten von Shermans Fotoserie „Film Stills“, in denen sie klassische Frauenrollen Hollywoods reinszenierte, aber auch deren Vorreiter, die frühe Reihe „Bus Riders“. Für die Schwarz-Weiß-Fotos schlüpfte die damalige Kunststudentin 1976 in die Rollen breitbeinig sitzender Kerle und braver afroamerikanischer Hausfrauen. Sherman hinterfragte so nicht nur den Habitus der Geschlechter, sondern auch von Klasse und Rasse.

"Bus Riders II"

Cindy Sherman/Courtesy of Metro Pictures, New York

Cindy Sherman, Untitled (Bus Riders II), 1976/2005

Den Raum, den sich Männer ganz selbstverständlich nehmen, hat die Wiener Künstlerin Margot Pilz in ihrem Foto „Der Hausmeister und sein Schatten“ augenzwinkernd thematisiert. In einem großbürgerlichen Stiegenhaus lehnt ein Schnauzerträger, während seine im Hintergrund putzende Frau verschwommen wie ein Geist erscheint. „Von einer Frau wurde damals noch erwartet, dass sie sogar bei der Arbeit Stöckelschuhe trägt“, erzählt die gelernte Fotografin, die für ihren Arbeitsoverall verspottet wurde.

Als Pilz 1978 das erste Frauenfest in Wien besuchen wollte, wurde sie auf der Straße von „Typen in Lodenmänteln“ in einen Streit verwickelt, auf die Wachstube geschleift und angezeigt. Diese niederschmetternde Erfahrung verarbeitete sie in einer Fotoreihe, in der sie nur ihre gespannten Hände festhielt. „Das war ein Wendepunkt, ich fotografierte danach weniger nach außen als nach innen.“ Von Pilz stammt auch ein herrliches Gruppenfoto, bei dem sie „Das letzte Abendmahl“ mit befreundeten Künstlerinnen und Kindern nachstellte. Einst als „blasphemisch“ kritisiert, wirkt das harmonische Frauendinner heute harmlos.

Gebet für erfüllten Eros

Sie wurde als „Penis-Hasserin“ beschimpft oder links liegen gelassen: Die 1943 in Wien geborene Künstlerin Renate Bertlmann wird im Ausstellungsteil „Weibliche Sexualität versus Verdinglichung“ präsentiert. „Ich bin immer wieder für meinen Mut gelobt worden, aber für mich war das ganz normal, ich musste diese Kunst machen“, schildert die von der Sammlung Verbund vor neun Jahren wiederentdeckte und derzeit auch in London ausgestellte Künstlerin, die schon früh Sexspielzeug für ihre Skulpturen und Performances einsetzte.

"Zärtliche Pantomime"

Renate Bertlmann

Renate Bertlmann, Zärtliche Pantomime/Tender Pantomime, 1976

„Der Zeitgeist in den 70er-Jahren war sehr dicht“, erinnert sich die Künstlerin und verweist auf das von Valie Export 1975 in der Galerie nächst St. Stephan veranstaltete Symposium „Magna“, das internationale Künstlerinnen nach Wien brachte. „Da war erstmals ein Gefühl der Zugehörigkeit, sonst erntete ich nur Herablassung oder Gleichgültigkeit.“ Im MUMOK wird erstmals Bertlmanns 1979 entworfene Installation „San Erectus“ gezeigt, für die sie einen Dildo wie eine Reliquie rahmte. Ein Bankerl lädt zum Niederknien und Gebet an den Steifen ein, damit der Phallozentrismus sich in einen erfüllten Eros für alle Geschlechter wandle.

Klassische Posen, neu gewendet

Auch von der französischen Künstlerin Orlan, die in den 1990er Jahren für ihre Schönheitsoperationen bekannt wurde, sind wenig bekannte Frühwerke zu sehen. So etwa ihre Entblätterung „Strip-tease occasionnel avec les draps du trousseau“, bei der sie sich so aus Tüchern schält, dass sie von der verhüllten Jungfrau zur Venus a la Botticelli wird.

Gegenüber hängt spannenderweise eine ähnliche Fotoserie der US-Kollegin Hannah Wilke, die zur selben Zeit wie Jesus mit Lendenschurz posierte. Sehr häufig trifft man in der Ausstellung auf vordergründig ähnliche Arbeiten, die gerade durch ihre feinen Unterschiede und Stoßrichtungen faszinieren. Ein Plakat Wilkes gemahnt an die Konflikte innerhalb der Frauenbewegung: „Beware of Fascist Feminism“ warnt die Schrift unter dem Pin-up Wilkes mit Krawatte und Kaugummis am Körper, waren ihre freizügigen Fotos doch als Anbiederungen an den männlichen Geschmack kritisiert worden.

Nur die Feministen fehlen

Bleibt nur zu fragen, warum die genderkritischen Arbeiten von Männern vollkommen ausgeklammert sind. Auf dem Tourneeplan der vor allem bei einem jungen Publikum ungeheuer erfolgreichen Schau steht als Nächstes das Museum ZKM in Karlsruhe. Eine gute Wahl, schließlich erlebte dessen Leiter Peter Weibel die Künstlerinnenemanzipation hautnah mit: Valie Export führte ihn bei der Aktion „Aus der Mappe der Hundigkeit“ auf allen Vieren an der Leine durch Wien.

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