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Parallelen zu Jetztzeit

Krieg und Gewaltherrschaft, Sklaverei und die Wirren im Kolonialstaat – all das hat der 17-jährige Wiener Kaufmannssohn Rudolf Carl Slatin im Sudan am Ende des 19. Jahrhunderts erlebt. Slatin stieg zunächst rasch zum Gouverneur der Region Darfur auf, ehe er für zwölf Jahre in die Gefangenschaft islamistischer Gotteskrieger geriet. Seine Erfahrungen verarbeitete er zu einem 800 Seiten starken Buch, das die Briten zur Niederschlagung des Aufstands veranlasste.

Es ist eine erstaunliche Karriere: Da brach ein junger Mann aus Wien seine Ausbildung an der Handelsakademie ab, ging mit 17 als Buchhandelsgehilfe nach Kairo, bereiste von 1874 bis 1876 den benachbarten Sudan – und kam von diesem Land nicht mehr los. Schon 1879 war er auf Geheiß des britischen Generals Gordon Pascha wieder im ägyptisch besetzten Riesenland mit seinen zahlreichen Konfliktlinien und Stammeskämpfen zwischen über 100 verschiedenen Ethnien, und noch im selben Jahr bekam Slatin einen guten Posten: zuerst als Finanzinspektor, was ihn überhaupt nicht interessierte, und später, nachdem er erfolgreich einen Aufstand niedergeschlagen hatte, als Provinzgouverneur der Region Darfur.

Bild links: Das Grabmal des Mahdi, Bild rechts: Muhammad Ahmad, der "Mahdi"

Robert T. Kelly; Verlagsarchiv (Montage)

Muhammad Ahmad, der Mahdi (r.), daneben ein Bild seines Grabmals

Dort brach 1881 der Mahdi-Aufstand los. Gotteskrieger unter Muhammad Ahmad, dem selbst ernannten Mahdi (dem Führer der Gläubigen zur Beseitigung des Unrechts auf der Welt), wollten die Kolonialmacht aus dem Land jagen. Dieselbe Kolonialmacht, die den Sklavenhandel mit Schwarzen beenden und ein gerechteres Steuersystem einführen wollte. Zwei Jahre später wurde Slatin gefangen genommen und zum Sklaven des Mahdi und seines Nachfolgers, des Kalifen Abdallahi.

Slatins Aufzeichnungen waren ein Bestseller

Slatin schrieb seine Erlebnisse im Sudan bis hin zu seiner abenteuerlichen Flucht aus dem Kalifat nieder („Feuer und Schwert im Sudan – Meine Kämpfe mit den Derwischen, meine Gefangenschaft und Flucht. 1879 - 1895“). 1896 erschienen sie auf Englisch und auf Deutsch im Leipziger Brockhaus Verlag. Die Aufzeichnungen wurden ein Bestseller – und für die britische Krone ein entscheidendes Motiv, Truppen in den Sudan zu schicken und 1898 das Kalifat in der Schlacht von Omdurman bei Khartum vernichtend zu schlagen. Eine humanitäre Mission war das freilich nicht, es ging um ureigene Interessen: London sah durch das Kalifat den Zugang zum Suezkanal bedroht.

Der Berliner Verleger Michael Uszinski hat „Feuer und Schwert im Sudan“ neu aufgelegt und mit einer Fülle von Anmerkungen versehen, die die mitunter schwierige und stellenweise auch langwierige Lektüre erleichtern. „Zu sehen, wie vergangene Generationen mit ähnlichen Herausforderungen umgegangen sind, wie wir sie heute erleben, finde ich extrem erhellend“, sagte Uszinski gegenüber ORF.at.

Eine Vorhut der Truppen des Mahdi

Verlagsarchiv

Die Truppen des Mahdi

„Ich versuche mit meinen Büchern im Verlag der Pioniere diese Bezüge zwischen der Vergangenheit und aktuellen Strömungen aufzugreifen. Die wirtschaftlichen, politischen und religiösen Parallelen zwischen heutigen islamistischen Bewegungen und dem Regime der Mahdisten im Sudan vor 130 Jahren finde ich verblüffend. Der Mahdi-Aufstand ist ziemlich gut dokumentiert, das Buch von Rudolf Slatin schien mir dabei das beste Verhältnis zwischen Hintergrundinformation und spannender Beschreibung zu bieten“, sagte Uszinski.

Gemengelage bis heute explosiv

In der Tat: Die komplexe politische Gemengelage im Sudan ist bis heute explosiv, Bürgerkrieg und humanitäre Katastrophen in Darfur und die Abspaltung des Südsudan 2011 erinnern daran, dass Slatin Paschas Berichte alles andere als Geschichte sind. Seine detaillierte Beschreibung des Machtapparats des Mahdi, der den Sudan – und nicht nur den Sudan – in einen islamischen Staat des 7. Jahrhunderts verwandeln wollte, machen den Vergleich zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) nur allzu augenfällig.

Allein an den unzähligen Anmerkungen, durch die sich Namen, Orte und Zusammenhänge erst einordnen lassen, saß Michael Uszinski 18 Monate. Eine Fleißarbeit wie das gesamte Buch, das von einer Fülle historischer Abbildungen und Karten ergänzt wird. Sogar eine Landkarte, die das „Reich des Mahdi 1895“ zeigt, ist dem Buch beigelegt. Slatin selbst nennt seine Aufzeichnungen „anspruchslose Berichte“ - ein unzutreffendes Understatement, auch wenn manche von Slatin Paschas Beschreibungen von Land und Leuten - für heutige Begriffe - penibel und weit ausholend wirken.

Unter Federführung des britischen Geheimdienstes

Aber so etwas wie Slatins Berichte gab es nun einmal nicht alle Tage, und daher ist der Einfluss auf die öffentliche Meinung und die Politik, die sie bei ihrer Erstveröffentlichung ausübten, verständlicher. „Die Propagandawirkung, die das Buch damals hatte, war wirklich gewaltig“, so Verleger Uszinski: „Das Buch ist auf Veranlassung und wohl auch unter der Federführung des britischen Geheimdienstmannes Reginald Wingate geschrieben worden, der die öffentliche Meinung im Vereinigten Königreich für einen Militäreinsatz im Sudan gewinnen wollte. Was ihm ja auch gelungen ist: Nach 17 Jahren seiner Existenz wurde das Regime der Mahdisten 1898 von einer gewaltigen anglo-ägyptischen Invasionstruppe hinweggefegt.“

Wobei sich Slatin in seiner Darstellung weitgehend an die Fakten halte, betonte Uszinski, auch wenn er manches ausgelassen habe. Wie sollte es auch anders sein? Slatin war weder Historiker noch erfahrener Reporter oder skrupelloser Geschäftsmann. Er stand im Dienste seines Landes und überlebte die jahrelange Schreckensherrschaft des Mahdi nur, weil er zum Islam übertrat bzw. glaubhaft vorgab, übergetreten zu sein. „Slatin kam als naiver junger Mann in den Sudan und geriet in den Strudel eines weltpolitischen Konfliktes, in dem er sich durchschlug, so gut es eben ging“, so der Verleger.

In 20 Kapiteln berichtet Slatin Pascha von seinen Jahren im Sudan: von der Stammesgeschichte, seinen Expeditionen und Feldzügen, von der Gewaltherrschaft des Mahdi bis hin zu blutrünstigen Details seiner Willkür. Und natürlich von seiner verwegenen Flucht, die ihn schließlich 1895 glücklich nach Kairo und am Schluss seines Lebens wieder nach Wien bringen sollte, wo er als Sir Rudolf Carl Freiherr von Slatin Pascha 1932 hoch dekoriert starb.

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