Köln: NSU-Tribunal der Zivilgesellschaft

Der offizielle NSU-Prozess ist erst unlängst in seine nächste Runde gegangen. Von morgen bis Sonntag wird am Schauspielhaus Köln auch ein zivilgesellschaftliches Tribunal über die rechtsextrem motivierten Morde abgehalten. Dabei sitzen nicht nur die Täter symbolisch auf der Anklagebank, sondern auch die deutschen Behörden und die Medien.

Angehörige der Opfer kommen zu Wort

In den Jahren zwischen 2000 und 2007 waren zehn Personen ermordet worden, die Mehrzahl von ihnen entstammten Familien von Eingewanderten. Lange Zeit verdächtigten die Behörden die Angehörigen der Opfer, in kriminelle Milieus verstrickt zu sein. Die Presse sprach sogar von „Dönermorden“ und unterstellte damit, dass es sich um Gewalttaten innerhalb der türkischen Community gehandelt habe.

Nach den jahrelangen Verunglimpfungen der Opfer soll die Perspektive der Betroffenen Gehör finden, ihre Angehörigen kommen zu Wort. Das Tribunal ist partizipativ angelegt: Klage, Forderungen und ein „Manifest der Zukunft“ entstehen gemeinsam mit den Teilnehmenden. Über 800 Personen werden erwartet. Neben dem Bühnenprogramm sollen Workshops und Lesungen Lernprozesse anstoßen und Möglichkeit zur Vernetzung geben.

Rechtsstaatliche Konsequenzen gefordert

Eine der Teilnehmerinnen ist die Lyrikerin, Dramatikerin und Essayistin Esther Dischereit, die an der Universität für angewandte Kunst in Wien Sprachkunst unterrichtet. Sie hat mit „Blumen für Otello - Über die Verbrechen von Jena“ (2014) ein Buch über die NSU-Morde veröffentlicht. Im Gespräch mit ORF.at sagt sie zu ihrer Teilnahme:

„Es gibt keine unabhängigen Kommissionen, die rassistisch motivierte Straftaten mit rechtsstaatlicher Befugnis untersuchen. Die Verantwortlichen müssen benannt und eben rechtsstaatliche Konsequenzen gezogen werden. Wenn das Tribunal das deutlich machen könnte, wären wir einen Schritt weiter.“ Ob das Tribunal sogar realen Einfluss auf den Verlauf des NSU-Gerichtsverfahrens in München haben könnte, bleibt abzuwarten.