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„Glühender Europäer“

Der ehemalige ÖVP-Chef, Vizekanzler und Außenminister Alois Mock ist tot. Mock, der die heimische Politik in den 80er und 90er Jahren prägte, verstarb nach jahrelanger Parkinson-Krankheit kurz vor seinem 83. Geburtstag.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen zeigte sich tief betroffen und würdigte Mock als „Vater des EU-Beitritts“. „Mein Mitgefühl gehört seiner Witwe Edith Mock, die ihn Jahrzehnte hindurch begleitete und ihm auch in den Jahren seiner schweren Krankheit zur Seite stand“, so Van der Bellen. Der designierte ÖVP-Chef Sebastian Kurz zeigte sich in einer Aussendung tief erschüttert. Mit Mock verliere Österreich einen zutiefst verantwortungsbewussten Menschen, eine überzeugende Persönlichkeit, einen großen Österreicher und einen glühenden Europäer.

Aus der gesamten ÖVP gab es Trauerbekundungen und Würdigungen für den Verstorbenen. Auch die anderen Parteien würdigten Mock als Politiker und Menschen mit Überzeugungen und „Handschlagqualität“, wie es etwa FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache ausdrückte.

Als Politiker Höhen und Tiefen durchlebt

Der „Mr. Europa“ der ÖVP gilt als einer der Väter der österreichischen EU-Mitgliedschaft. Mock war Außenminister von 1987 bis 1995 und stand zehn Jahre lang an der Spitze der ÖVP. Den bereits sicher geglaubten Sprung ins Kanzleramt verbauten ihm die Wähler 1986.

Aus der Politik verabschiedete sich Mock 1999. Dennoch ist der langjährige ÖVP-Politiker der Öffentlichkeit in Erinnerung geblieben wie wenige andere - etwa mit dem symbolträchtigen Bild vom Schnitt durch den Eisernen Vorhang gemeinsam mit Ungarns Außenminister Gyula Horn drei Monate vor der Grenzöffnung im Juni 1989. Und mit dem berühmten „Busserl“, das der damalige ÖVP-Außenminister beim Abschluss der EU-Beitrittsverhandlungen Anfang März 1994 der verdutzten SPÖ-Europastaatssekretärin Brigitte Ederer auf die Wange drückte.

Die ehemaligen Außenminister Alois Mock und Gyula Horn

AP/Bernhard J. Holzner

Mock beim Durchschneiden des Grenzzauns zu Ungarn

EU-Beitritt als persönlicher Triumph

Der EU-Beitritt war für Mock auch ein später persönlicher Triumph: 1989 hatte der Außenminister das österreichische Beitrittsgesuch eingebracht, nach seiner Rückkehr von der letzten Verhandlungsrunde stilisierte ihn die ÖVP zum „Helden von Brüssel“. Am 12. Juni 1994, zwei Tage nach Mocks 60. Geburtstag, votierten bei einer Volksabstimmung zwei Drittel der Österreicher für die EU-Mitgliedschaft - der zweifellos größte Erfolg in der 30-jährigen Politkarriere des Niederösterreichers, in der Sieg und Niederlage oft nur knapp nebeneinanderlagen.

Mocks Vorpreschen im Jugoslawien-Konflikt - er setzte sich gegen den anfänglichen Widerstand der SPÖ gemeinsam mit dem deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher, von Beginn weg für die Unabhängigkeitsbestrebungen von Slowenien und vor allem Kroatien ein - wurde dagegen durchaus auch kritisch gesehen.

Der ehemalige Außenminister Alois Mock

APA/Herbert Neubauer

Mock, hier bei einer Feier zu seinem 80. Geburtstag

Mock war es auch, der Kurt Waldheim 1985 zum ÖVP-Kandidaten für die Bundespräsidentschaftswahl machte - mit der dann folgenden Affäre um Waldheims Rolle im Zweiten Weltkrieg, seine Mitgliedschaft bei der SA und den NS-Verbrechen, insbesondere im griechischen Thessaloniki. Der Wahlkampf wurde zu eine Schlammschlacht mit internationalen Dimensionen und, so Historiker und Kritiker, mit antisemitischen Untertönen.

Ziehsohn von Josef Klaus

Seinen Einstieg in die Politik verdankte der am 10. Juni 1934 im niederösterreichischen Euratsfeld geborene Mock Josef Klaus. Der Kanzler der letzten ÖVP-Alleinregierung von 1966 bis 1970 holte den jungen Juristen von der österreichischen OECD-Vertretung in Paris nach Wien und machte ihn zu seinem Kabinettschef.

1969 installierte Klaus den nur 35-Jährigen als Unterrichtsminister und bis dahin jüngstes Regierungsmitglied der Zweiten Republik. Kein Dreivierteljahr später kam der erste Karriereknick: Der Erdrutschsieg der SPÖ unter Bruno Kreisky am 1. März 1970 verbannte die machtverwöhnte ÖVP auf die Oppositionsbank und mit ihr auch die politische Nachwuchshoffnung Mock. Die schwere Wahlniederlage der ÖVP 1979 brachte dem mittlerweile zum ÖAAB-Obmann (1971) und ÖVP-Klubchef (1978) aufgestiegen Mock den Sprung an die Parteispitze und die Chance zum lange ersehnten Machtwechsel nach einem Jahrzehnt roter Alleinregierung.

Bittere Niederlage 1986

Gemeinsam mit Generalsekretär Michael Graff initiierte er das nach wie vor erfolgreichste Volksbegehren gegen das Wiener Konferenzzentrum (1,36 Mio. Unterschriften) und brach 1983 die absolute Mehrheit der SPÖ. Für die folgende Nationalratswahl gaben die Umfragen der ÖVP gute Chancen, wieder Nummer eins zu werden - mit Mock als Bundeskanzler.

Doch der 23. November 1986 bescherte dem ÖVP-Chef seine bitterste Niederalge: Der Traum vom Machtwechsel zerschellte an der FPÖ, die ihren Stimmenanteil fast verdoppelte, und an den erstmals ins Parlament einziehenden Grünen. Die SPÖ blieb trotz deutlicher Verluste stärkste Partei. Die TV-Bilder des Wahlabends sprechen Bände: Ein entsetzter und körperlich angeschlagener Mock musste sich vom jugendlichen FPÖ-Chef Jörg Haider ins Bild rücken lassen.

Koalition mit FPÖ nicht durchgebracht

Mocks Wunschkoalition mit der FPÖ scheiterte am parteiinternen Widerstand. Der ÖVP-Chef fügte sich als Juniorpartner in die Große Koalition und wurde 1989 als Parteichef und Vizekanzler vom ebenfalls glücklosen Josef Riegler abgelöst. Der Traum, den „Irrtum der Geschichte“ zu korrigieren und die SPÖ aus dem Kanzleramt zu drängen, war gescheitert. Zwar machte Mock als Außenminister und ÖVP-Ehrenobmann weiter, doch seine Popularität war verblasst. Die mediale Häme über den peinlichen Auftritt in kurzen Hosen während eines Staatsbesuchs in Jordanien und das für viele unverständliche Leugnen seiner immer offensichtlicheren Parkinson-Erkrankung taten das ihre.

Respekt aus allen Lagern

Die Hartnäckigkeit und Ausdauer, mit der Mock die EU-Beitrittsverhandlungen und vor allem den mehrtägigen Schlussmarathon zum 1. März 1994 durchstand, rang aber auch politischen Gegnern Respekt und Sympathie ab. Seine innenpolitische Zeit war dennoch abgelaufen: Im Februar 1995 bekannte sich Mock erstmals öffentlich zu seiner Erkrankung. Sein Arzt datierte die ersten Symptome bereits auf 1987. Im Mai räumte der 60-Jährige seinen Platz im Außenministerium für Wolfgang Schüssel, der viereinhalb Jahre später die von Mock schon 1986 angestrebte schwarz-blaue Koalition wagte. Ein Experiment, das Mock von Anfang an verteidigte.

Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Nationalrat 1999 blieb Mock politisch interessiert und erwies sich als treuer Besucher von Parteiveranstaltungen, wenngleich diese in den letzten Jahren krankheitsbedingt weniger wurden. Einen großen Auftritt hatte der Verstorbene vor drei Jahren anlässlich seines 80. Geburtstags: Von der Krankheit schon schwer gezeichnet bereitete ihm seine ÖVP ein großes Fest in der Wiener Hofburg.

Mock hinterlässt Ehefrau Edith, mit der er über 50 Jahre verheiratet war.

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